Musikfestival : Möwenlieder

Rosarote Wolken über der Spree, relaxtes Publikum in Liegestühlen auf weißem Sand. Das Berliner Musikfestival Popdeurope.

Roman Rhode

Rosarote Wolken über der Spree, relaxtes Publikum in Liegestühlen auf weißem Sand. Lounge-Beats aus dem Off. Als die Sonne langsam hinter einer Postkartensilhouette der Stadt verschwindet, haucht die rothaarige Ofri Brin gekonnt einen zarten Lovesong in die Dämmerung. Mutiger Auftakt von Ofrin, einer Berliner Band, die sich vor zwei Jahren um die israelische Sängerin und den ebenfalls aus Israel stammenden Keyboarder und Komponisten Oded Kaydar zusammengetan hat. Ofrins Musik ist warm, einfallsreich, besitzt ausgeklügelte Harmonien und lebt nicht zuletzt von Ofri Brins voluminöser, geschmeidiger Stimme, die manchmal auch ein bisschen jazzy klingt. Dabei eröffnet sich ein beschaulicher Popjazz-Himmel, der rhythmisch vom Flug gleitender Möwen durchzogen wird – Easy Listening am Badeschiff der Arena.

Schon die Wortschöpfung des Berliner Musikfestivals, das nun zum siebten Mal stattfindet, trägt Rhythmus in sich: popdeurope. Dieses Jahr hat sich Popdeurope dem Alltag von jungen Migranten in europäischen Metropolen verschrieben. Zwar stehen auch Bands auf dem Programm, die, wie Pierpoljak, Orishas oder Mala Rodríguez, aus den Randbereichen der Gesellschaft kommen. Doch an diesem Abend scheint sich eher die jeunesse arrivée am Spreeufer versammelt zu haben. Zero 7 aus London sind eigentlich Tontechniker. Sie hatten Titel von Radiohead, den Pet Shop Boys und Lanny Kravitz remixt. Dann gelang es Sam Hadaker und Henry Binns, ihr Debütalbum eine Million Mal zu verkaufen. Das aktuelle Werk „The Garden“ ist dieses Jahr für den Grammy in der Sparte „electronic/dance“ nominiert worden. Dass Keyboarder Henry Binns nun das neue Album von Ofrin produzieren will, kommt für die Berliner Band einem Ritterschlag gleich.

Zero 7, die hin und wieder als „britische Air“ bezeichnet werden, liefern hübsche Melodien, breite Harmonieflächen und ruhige, zurückgelehnte Beats. In Berlin stellen sie ihr neues, noch unveröffentlichtes, ganz und gar instrumentales Projekt vor. Fünf Leute stehen auf der Bühne und bedienen zwei Synthesizer, einen Bass, ein Drumset, eine Gitarre und kleineres Schlagwerk. Nerds auf ihrer Afterwork-Party. Sie lassen sich Zeit, um mit den Apparaten ihre Stücke aufzubauen. Drehen an den Reglern, die Beats dröhnen aus wohlgespeisten Boxen. „We’re just trying out“, ruft es von der Bühne. Ingrid Eto, so der Name des Projekts, verzichtet auf Melodielinien, experimentiert mit einem technoid-industriellen Sounddesign, bis alle Schrauben der umliegenden Lagerhallen quietschen. Eine wummernde Zugabe schließlich aus „The Garden“. Und nett, den Jungs dann beim Abbau ihrer Geräte zuzuschauen. Unaufgeregte easy guys.

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