Musiknotizen : Töne lesen

Zahlen, Häkchen, Noten: Die Berliner Tagung „Schriftkulturen der Musik“ widmet sich der Kunst, Musik zu notieren.

Christiane Tewinkel

Dass Musik in der Luft liegt und nicht auf dem Papier steht, ist eine alte Weisheit. Wie sie jedoch tatsächlich von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund gelangt, um ein Wort zu verwenden, das Goethe in seiner Rezension der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ benutzte – das ist die nächste Frage. Unsere Kultur hat sich in einem Ausmaß auf schriftliche Überlieferung eingeschossen, das an Abhängigkeit denken lässt: Musik machen bedeutet vor allem Noten lesen, Komponistenwünsche berücksichtigen und im Ganzen streng nach Vorschrift spielen.

Was dadurch gewonnen ist, doch auch, wieviel dabei verlorengeht, war Thema der Konferenz „Schriftkulturen der Musik“, die zu Beginn der Woche an der Berliner Universität der Künste stattfand und von Dörte Schmidt (UdK) und Lars-Christian Koch vom Ethnologischen Museum konzipiert wurde.

Zwei Tage lang diskutierten internationale Wissenschaftler, was Musik-Schrift bedeutet: die Häkchen des frühen Mittelalters? Die CDs, von denen sich alte Damen Mariengesänge abhören? Die Bilder, die indische Musiker für ihre Raga-Kunst verwenden? Die Zahlen, mit denen Wissenschaftler versuchen, afrikanische Rhythmen festzuhalten? Oder doch unsere gute alte Notenschrift – auch wenn sie zu Missverständnissen führen kann, wie Regine Allgayer-Kaufmann (Wien) anhand der Aufzeichnungen dreier Musikethnologen zeigte, die bei demselben Stück zu komplett verschiedenen Ergebnissen gekommen waren.

Frank Hentschel (Gießen) wies darauf hin, dass die Prägung schon beim Hochschulfach „Notationskunde“ beginnt. Schriftlichkeit, so Hentschel, ist zwar praktisch; immerhin bringt sie Quellen hervor, mit denen man sich Tag für Tag beschäftigen kann. Doch befestigt die Fixierung auf schriftliche Zeugnisse die Leitidee „Hochkultur gleich Schriftkultur“ und konserviert einen von der Aufklärung und ihren Alphabetisierungsbemühungen in Gang gesetzten Fortschrittsglauben, der leugnet, dass auch mündliche Kulturen des Fortschritts fähig sind.

Philip Bohlman (Chicago) schließlich erinnerte an die Übersetzungsprozesse, die bei der Verschriftlichung von Volksliedern anfallen: kurz vor 1800 zum Beispiel, als Johann Gottfried Herder seine Volksliedersammlung mit jener berühmten Mord-Ballade des „Edward“ veröffentlichte, die Brahms zu einer Klavierfassung inspirierte. Oder in den jüdischen Liedern, die Bohlmans eigenes Ensemble in Synagogen singt und spielt, Realisation einer Musik, die erst durch die Bemühungen von Volksliedsammlern um eine „neu konstruierte Schriftlichkeit“ konserviert werden konnte. Dass solcherart Lieder wieder werktags gesungen werden könnten, ist zwar eine Fiktion, der schon Goethe aufsaß. Doch vermögen Schrift, Aufzeichnung und Tondokumentation immerhin eine Musik zu verlebendigen, die „in der Zerrissenheit der Geschichte kein menschliches Echo fand“. Christiane Tewinkel

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