N.E.R.D. : Mit dem Mutterschiff in neue Galaxien

Wie Superproduzent Pharrell Williams und seine Band N.E.R.D. auf ihrem Album "Seeing Sounds“ den Soul suchen.

Gerrit Bartels
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Düse im Sauseschritt. Die drei von N.E.R.D, rechts Pharell Williams -Foto: Leslie Kee

Es fällt zunehmend schwer, bei den vielen Tätigkeiten von Pharrell Williams den Überblick zu behalten. Hatte der gut aussehende Popmusiker aus dem US-amerikanischen Virginia Beach nicht gerade erst seine goldenen Produzentenhändchen mit an das neue Madonna-Album gelegt? Und hatte er sich dabei nicht gar größer als Madonna gezeigt? Ist er im Moment nicht wieder mit Jay-Z, Gwen Stefani oder Kelis im Studio? Hielt Pharrell Williams nicht auch als Solokünstler die Popwelt in Atem, als er vor zwei Jahren mit „In My Mind“ ein Album herausbrachte, das jedoch gemessen an seinen Produktionen für andere Musiker eher eine Enttäuschung war? Und stimmt es, wenn er selbst immer wieder schlicht und pathetisch behauptet: „Die Neptunes sind das, was wir machen. Mit N.E.R.D. aber zeigen wir, wer wir wirklich sind. N.E.R.D. ist unser Leben!“

The Neptunes, so heißt das Produzententeam von Pharrell Williams und seinem alten Schulkumpel Chad Hugo. Als solches revolutionierten sie Anfang dieses Jahrzehnts das Klangbild des R&B, der Popmusik überhaupt: mit Beats, die als solche kaum noch erkenn- und hörbar waren, reduziert aufs Nötigste, oft unter Verzicht auf den Bass, vielfach synkopisiert. Von „Cyber-R&B“ war im Zusammenhang mit Neptunes-Produktionen gern die Rede. N.E.R.D. wiederum, abgekürzt für „No one really ever dies“, ist die Band von Williams, Hugo und einem dritten Buddy aus alten Virgina-Beach-Schultagen, Shay Haley, dessen Einfluss allerdings überschaubar ist. In aller Unbefangenheit und Dreistigkeit hat der mit der Musik der Eagles genauso wie mit Earth, Wind & Fire aufgewachsene Pharrell Williams die Musik seiner Band einmal als „Mischung aus Hip-Hop und Classic Rock“ bezeichnet. Nichts anderes machen N.E.R.D., seitdem sie 2001 ihr Debüt „In Search of...“ veröffentlichten: klassisches Genrehopping, unter besonderer Berücksichtigung von Hip-Hop, R&B, Alternative Rock, Funk und Blues. Allerdings muss man ergänzen: Mit N.E.R.D. sind Williams und Hugo insbesondere auf der Suche nach dem Soul, der ihnen bei ihren zahllosen Einsätzen als Cyber-Pop-Produzenten von Musikern wie The Hives, Justin Timberlake oder Madonna verloren gegangen zu sein scheint.

Der heute in den Handel kommende neue N.E.R.D.-Wurf, auf den die Welt gar nicht so gespannt gewartet hat, weil sie nicht wie Pharrell Williams zwischen Arbeit (Produzieren) und Leben (N.E.R.D) unterscheidet, heißt „Seeing Sounds“ (Interscope/Universal). Dieses Album besticht zunächst weniger durch den auf das Phänomen der Synästhesie anspielenden Titel, sondern durch sein Cover-Artwork: Williams, Hugo und Haley stellen sich als Raumfahrer dar, als Extraterrestrische, die auf der Suche nach neuen Soundwelten sind, wobei sie einmal auch vor der amerikanischen Flagge posieren. Ob sie sich hier ganz bewusst auch als solche Entwurzelte geben, „denen Bürgerrechte auf dem Boden der Neuen Welt nicht zugestanden wurden“, wie das der Schriftsteller Thomas Meinecke einmal interpretiert hat, sei dahin- gestellt. Vielmehr ist es wohl so, dass die ihre Arbeit nur ungern groß reflektierenden N.E.R.D. mit Zuschreibungen wie „Cyber-R&B“ und „Space-Jazz“ spielen und ihnen gerecht zu werden versuchen. Nicht umsonst heißt eines ihrer neuen Stücke „Spaz“.

„Seeing Sounds“ klingt in seiner Gesamtheit jedoch weniger futuristisch als warm organisch, bisweilen versehen mit ordentlich Bratz-Elementen: dem knackenden Funk, den dicken Daumen am Bass, den polternden Rumpelbeats. „Time for some action“ heißt zunächst die Devise, und dann zuckelt und ruckelt im Wechsel mit scharf geschnittenen HipHop-Beats ein Funk, der sich gewaschen und oft mehr von den frühen Red Hot Chili Peppers als von Sly Stone hat.

In der zweiten Hälfte werden die Stücke dann seelenvoller: groß das entspannte „Yeah You“, dramatisch das sich in immer neuen Süßen suhlende „Sooner or Later“ und grandios, wenn nicht gar überirdisch das locker swingende Disco-Stück „You Know What“. Hier ist der Soul, den N.E.R.D. gesucht haben, hier kann Pharrell seinen Falsett-Gesang zur vollen Entfaltung bringen. Und spätestens hier wird offensichtlich, wie wenig N.E.R.D. prominente Zuarbeiter brauchen. Denn im Gegensatz zu anderen Großproduzenten wie Timbaland, Puff Daddy oder Dr. Dre, die ihre eigenen Alben mit haufenweise Gästen einspielen, nicht zuletzt um Schwächen im Gesang zu kaschieren, sind N.E.R.D. auch bei ihrem dritten Streich „Seeing Sounds“ ganz bei und unter sich. Mit „unserem Leben“, mit N.E.R.D. als Mutterschiff, meinen sie es offenbar wirklich ernst.

Dass das auf der lyrischen Ebene eher bescheiden ist und nicht zu großen popdiskursiven Exkursionen taugt, gehört mit zum großen N.E.R.D-Lebensspiel. „Everyone Nose (all the girls standing in the line for the bathroom“) soll ein Anti-Drogen-Song sein, der Rest beschränkt sich auf Reflexionen darüber, was es für in der ganzen Welt herumziehende Musiker bedeutet, in der ganzen Welt herumzuziehen. Die Musik macht’s, was jedoch nur zu gut passt in eine Zeit, da es in der obersten Pop-Liga vor allem um den noch besseren, schlankeren, ungewöhnlicheren Beat geht.

In der Adaption unterschiedlichster Genres und wie man diese so organisch wie möglich miteinander verschmilzt, sind N.E.R.D mit „Seeing Sounds“ wieder einmal ganz vorn dabei, wenn nicht gar die Allerbesten. Ein bisschen unsterblich haben sie sich damit schon gemacht.

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