Nachruf : La vie et l’amour

Elegischer Duft: Zum Tod der französischen Sopranistin Régine Crespin.

Georg-Albrecht Eckle

Wer je in den Bann ihres vokalen Zaubers geriet, kam davon so leicht nicht wieder los: Régine Crespin konnte eine Identifikation zwischen Stimme und Bühnenperson herstellen, die magisch war. Neben vielen größeren, lauteren, spektakuläreren Vertreterinnen des Opernfachs galt sie als die stillere, eigentlichere, schönere. Und (man wagt es im Blick auf Elisabeth Schwarzkopf kaum auszusprechen): Sie war vielleicht die edelste „Rosenkavalier“-Marschallin überhaupt. Hofmannsthal jedenfalls hätte von ihrem elegischen Duft geträumt. Die Solti-Einspielung zeigt dies nicht so ganz (wegen Solti), aber Querschnitte und Liveaufnahmen offenbaren es.

Régine Crespin war die erotische Heroine der Pariser Oper seit den fünfziger Jahren. Eine Diva der perfekten Piani. Ein Sopran, der niemals „wie“ klang, nicht wie die Mödl, nicht wie die Varnay nicht wie die Nilsson, sondern immer – ganz eigen. Das französische Repertoire in ihrem Fach wurde durch Régine Crespin gleichsam qualitativ definiert. 1927 in Marseille geboren, halb italienischer, halb französischer Herkunft, wächst sie in Paris auf, wo sie auch studiert. Als Primadonna der Grand Opéra liefert sie später klassische Interpretationen von seltener Unbestechlichkeit: Dido in den „Trojanern“ von Hector Berlioz, Charlotte in Jules Massenets „Werther“, Faurés Pénélope oder auch Madame Lidoine und Madame de Croissy in Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“.

Als große Lyrische konnte sie das gesamte weiblich-dramatische Gefühlsspektrum aussingen, intensiv und diskret zugleich – und war deshalb bei den Mozart-Damen, bei Beethovens Leonore so wahrhaftig. Und zwar auf der ganzen Welt: in Wien, an der New Yorker Met, auch in Berlin. Wer ihre Tosca, ihre Desdemona, Aida oder Amelia erlebte, glaubte an die Größen der zeitgleichen Callas-Ära nur mehr bedingt; wer ihre Elsa unter Otto Klemperer an Londons Opernhaus von Covent Garden hörte, hatte prompt ein bisschen Mühe mit den deutschen Kolleginnen (einzige Ausnahme: Elisabeth Grümmer), zumal die Crespin das Deutsche akzentfrei bewältigte. Auch ihre Sieglinde (wieder mit Solti) oder ihre Brünnhilde (unter Karajan) lebten wunderbar heroisch aus lyrischem Herzen. Und dann ihre Kundry, die sie mit einem derart prickelnden Charme durchsetzte, dass einem in Klingsors Zaubergarten buchstäblich das Hören und das Sehen verging – 1958 bei Crespins furiosem Bayreuth-Debüt als Wieland Wagners Traumbesetzung im „Parsifal“. Sie hatte eben immer das gewisse Quäntchen mehr als die Deutschen und jene Distanz zum deutschen Inhalt, die die Stimme erst schweben machte.

Aufnahmen hat die Französin leider nur wenige hinterlassen: Berlioz’ „Les nuits d’été“, Ravels „Shéhérazade“ unter Ernest Ansermet, eine der großen Legenden der Schallplattengeschichte, Débussys „Chansons de Bilitis“ sowie die ihr immer sehr nahen Lieder Poulencs. Lieder wie Schumanns „Frauenliebe und -leben“ wiederum atmeten bei ihr keinerlei Tümlichkeit, mit entschiedener Noblesse entriss sie den Zyklus jedem Biedersinn. An ihn lehnt sich 1982 auch der Titel ihrer Autobiografie an, ein kleines, aber freizügiges Buch über das Leben auf und hinter der Opernbühne: „La vie et l’amour d’une femme“.

Am Donnerstag ist Régine Crespin, die bis 1989 sang und bis fast ganz zuletzt unterrichtete, 80-jährig in einem Pariser Krankenhaus gestorben.

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