Neu auf Vinyl : Steve Cradock: Die richtigen Songs zur falschen Zeit

Er tourte mit The Who, Amy Whinehouse, Paul Weller, Oasis und anderen Größen der britischen Musikszene, er schrieb großartige Songs und ist der Mastermind hinter Ocean Colour Scene. Nun erscheint Steve Cradocks zweite Solo-LP "Peace City West".

Martin Väterlein
Ausnahmsweise mal am richtigen Ort: Steve Cradock.
Ausnahmsweise mal am richtigen Ort: Steve Cradock.Foto: Cargo

Irgendwie scheint Steve Cradock immer zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Zunächst zelebrierte er Ende der 80er Jahre mit seiner ersten Band „The Boys“ den Sound der Mod-Generation. Das Problem: In diesen Jahren interessierten sich nur sehr wenige Leute für die Musik der Small Faces oder von The Who. Mit einer Ausnahme: Paul Weller. Der engagierte 1983 den talentierten Gitarristen für seine Tour-Band.

Etwa zur gleichen Zeit formierten sich als Reaktion auf die Erfolge der Manchester-Rave-Bands The Ocean Colour Scene. Obwohl Cradock damit wieder nicht zur Garde der Neuerer zählte und nur einem Trend hinterher zu musizieren schien, wird die zweite LP der Band ein Riesenhit. Ausgedehnte Tourneen mit der eigenen und anderen Bands folgen.

Wozu dieser biografische Abriss? Zum einen erklärt sich daraus die unheimliche Abgebrühtheit von „Peace City West“. Hier ist jemand am Werk, der sein Handwerk versteht und sich seine Sporen längst verdient hat.

Zum anderen klingt auch Cradocks zweite Solo-Platte wieder wie aus der Zeit gefallen. Psychedelisch ist der gesamte Unterbau der LP angelegt. Darüber schweben folkige Gitarren und Melodien, die an die Kinks, die Beatles und mal wieder an die Small Faces denken lassen.

Diesem musikalischen Schema folgt das gesamte Album, ohne sich allerdings mit Wiederholungen aufzuhalten. Jeder einzelne Song glänzt mit hoher Komplexität und Eigenständigkeit. Gleichzeitig fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Viel mehr kann man von der weitgehend überholten Form eines klassischen Rockalbums nicht erwarten. Es hält den geneigten Hörer mit seiner ausgewogenen Mischung aus Understatement und Versponnenheit in seinem Bann und liefert so einen schön verstrahlten Soundtrack zum  Sommer. Egal welchen Jahrzehnts.

Im September tourt Cradock durch Deutschland und macht auch in Berlin Station, am 15. September im Comet Club.

Ebenfalls neu auf Vinyl:

Spaß mit Retro-Touch vermittelt auch die neue LP von Laura Vane & The Vipertones. Auf „Sugar Fix“ zelebriert die holländisch-britische Band den Soul der sechziger und siebziger Jahre. Wie es sich gehört, röhren dabei die Bläser und das Fender Rhodes wummert vor sich hin. Darüber die kräftige Stimme von Laura Vane. Besonders viel Tiefgang hat die LP nicht. Dafür wartet sie aber mit einer Menge Dynamik und Spielfreude auf.

Boogaloo war der Sound puertoricanischer Einwanderer in New York. Klassische Latin-Rhythmen trafen auf den damals aktuellen Soul-Sound. Eine unwiderstehliche Mischung! Das beweist jetzt auch der Spätgeborene Ray Lugo mit seinen Boogaloo Destoyers. Auf „Mi Watusi“ präsentiert er Klassiker des Genres in neuem Gewand. Zum Glück verzichtet er dabei weitgehend auf allzu modernistische Spielereien und lässt stattdessen einfach den Boogaloo in seiner Reinform sprechen. Bei dieser LP werden sogar Nichttänzer die Lust verspüren, das Tanzbein zu schwingen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben