Neu!-Legende im Interview : Michael Rother: "Für mich ist das kein Nostalgie-Trip"

Mit Klaus Dinger bildete Michael Rother einst die legendäre Band Neu! Am 23. September tritt er mit seinem Programm "Hallogallo 2010" im Admiralspalast auf. Unser Musikexperte H.P. Daniels hat mit ihm über alte Zeiten und neue Ideen gesprochen.

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Michael Rother ist zur Zeit mit dem Bühnenprogramm "Hallogallo 2010 – Michael Rother & Friends perform the music of NEU! auf Tournee. Foto: promo
Michael Rother ist zur Zeit mit dem Bühnenprogramm "Hallogallo 2010 – Michael Rother & Friends perform the music of NEU! auf...Foto: promo

Der Musiker Michael Rother (60) war 1971 für kurze Zeit Mitglied der Düsseldorfer Elektronik-Combo "Kraftwerk". Noch im selben Jahr hat er mit dem Schlagzeuger Klaus Dinger die legendäre Gruppe Neu! gebildet. 1973 bis 1976 spielte er mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius bei "Harmonia". 1977 feierte er große Erfolge mit seinem ersten Soloalbum "Flammende Herzen". In den 80ern experimentierte er mit dem Fairlight Computer und trat lange nicht mehr öffentlich auf. Zur Zeit ist er auf Tournee mit dem Bühnenprogramm "Hallogallo 2010 – Michael Rother & Friends perform the music of NEU!"

Es wird oft gesagt, dass das Genre "Techno", mit seiner typischen maschinellen Monotonie, entstanden sei aus der Musik von deutschen Gruppen wie Kraftwerk und Neu! Sehen Sie sich selbst als ein Wegbereiter des Techno?
Dazu bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich bin kein Musikwissenschaftler und wirklich kein "Techno"-Kenner.

Können Sie mit Techno überhaupt etwas anfangen?
Es hängt für mich immer vom einzelnen Stück ab, ob ich dem was abgewinnen kann. Ob da ein kreativer Kopf dran war oder ob das einfach nur stumpf daher kommt. Auch für meine eigene Musik lege ich Wert darauf, dass man auf die Details achtet und nicht verallgemeinert. Zum Beispiel, wenn man in so eine Box geworfen wird wie "Krautrock".

Eine Schublade, in die Sie tatsächlich immer wieder gesteckt werden. "Neu!" galten doch als die "Krautrock"-Band schlechthin. "Krautrock" ist ein Begriff den Sie gar nicht mögen.
Das ist doch verständlich, wenn man nach einer eigenen Identität sucht. Es war immer mein Wunsch, anders zu sein. Und wenn man dann in so eine Schublade wie "Krautrock" gesteckt wird, heißt das ja, dass man in irgendeiner Form mit anderen verglichen wird.

Sehen Sie tatsächlich keine musikalische Verwandtschaft zwischen Ihnen und anderen, die dem Krautrock-Genre zugeordnet werden? Can oder Amon Düül zum Beispiel?
Amon Düül hab ich nie richtig wahrgenommen. Ich hab mich in den frühen 70ern ziemlich ausgeblendet aus allem und mich nur um meine eigene Musik gekümmert. Can hab ich natürlich wahrgenommen. Ich liebe deren Stück "You Doo Right". Und Jaki Liebezeit ist einer der tollsten Drummer, die ich kenne. Aber bei allem Respekt, auch für Kraftwerk, sehe ich riesige Unterschiede. Und bei den wenigen Sachen, die ich von Amon Düül kenne, sehe ich himmelweite Unterschiede in der musikalischen, der melodisch-harmonischen Auffassung zu allen anderen.

Trotzdem liegt vielleicht bei den meisten der genannten Bands eine Gemeinsamkeit in einer Nähe zu den frühen Pink Floyd?
Ja, wir sind natürlich alle in einem bestimmten musikalischen Zusammenhang groß geworden. Bei mir hat das angefangen mit der englischen Pop-Musik: Kinks, Beatles. Bis über Cream zu Jimi Hendrix. Pink Floyd hab ich dann nur noch am Rande mitbekommen. Ich war da nicht mehr so ein großer Fan.

Wie würden Sie denn selber ihre Musik jemandem erklären, der keine Ahnung davon hat?
Da habe ich keine Antwort. Außer zu sagen: Bitte nehmt mich als ein eigenständiges Wesen. Ich bin ja auch ein Mensch und habe natürlich viele Gemeinsamkeiten mit anderen, ich will ja kein Marsmensch sein, aber als Künstler geht es mir darum, den Blick für die Unterschiede zu schärfen. Seit 1971 habe ich mich immer um Distanz zu anderen bemüht. Auch wenn ich jetzt zum Beispiel Bands wie "Fuck Buttons"...

...die Electronic-Rocker aus England...
...erlebe und großartig finde. Man verarbeitet ständig Informationen, man kann ja gar nicht durchs Leben gehen ohne Musik zu hören. Und manchmal gibt es auch neue Musik...

...die Sie beeinflusst?
Vielleicht ist meine musikalische Farbpalette inzwischen so umfangreich, dass ich nicht mehr so gefährdet bin, mich von anderen verleiten zu lassen, fremde Ideen zu verarbeiten.

Ihre derzeitige Tournee nennen Sie "Hallogallo 2010 - Michael Rother and friends play the music Of Neu!"
Eigentlich müsste das Projekt anders heißen: "Hallogallo 2010 – Michael Rother and friends play the music of Neu!, Harmonia und Michael Rother Solo". Diesen langen Wurm will natürlich kein Veranstalter bringen.

Deswegen nur die Kurzform mit der "Musik von Neu!".
Natürlich ist "Neu!" ein besonders attraktiver Name, so dass das von den Veranstaltern gerne verkürzt wird.

Warum dann nicht gleich "Neu!" als Name?
Ich habe inzwischen erreicht, dass die Veranstalter verstehen, dass ich nicht als "Neu!" auftreten kann. Denn "Neu!" das war und bleibt immer das Duo Klaus Dinger und Michael Rother. Es wäre unlauter ohne Klaus...

... der im März 2008 Jahr gestorben ist...
... unter dem Bandnamen "Neu!" aufzutreten.

Aber kann man denn überhaupt die Musik von "Neu!" ohne Klaus Dinger spielen?
Es war nie meine Absicht, die Musik von Neu! oder von Harmonia oder auch aus meinem Solo-Repertoire Ton für Ton nachzuspielen. Speziell, was "Neu!" angeht.

Das wäre doch auch gar nicht möglich.
Das stimmt, denn das meiste auf den ersten beiden Platten von "Neu!" ist spontan im Studio entstanden. Ist also nicht in einer Formstruktur gefasst, die man reproduzieren kann.

Welche Idee treibt sie dann?
Speziell, was "Neu!" angeht, geht es darum, den Geist, in dem "Neu!" gearbeitet hat, wiederzugeben und in die heutige Zeit zu versetzen.

Und wie geschieht das?
Mein Interesse besteht darin, dieses Gerade, nach vorne Fließende, Laufende, Eilende, diese dynamische Vorwärtsbewegung aufzugreifen. Ob mir das gelingt, überlasse ich den Hörern. Mir jedenfalls gefällt das sehr gut. Ich hab schon in den vergangenen Jahren angefangen, bei Konzerten mit Harmonia diese Idee umzusetzen.

Am 27. November 2007 spielten Sie mit Harmonia im Berliner Haus der Kulturen der Welt...
...aber da stieß ich an Grenzen, weil meine Kollegen das nicht mittragen konnten. Das entspricht auch nicht der Mentalität von Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Deswegen war ich da ein bisschen eingeschränkt...

Und jetzt...
...mit der momentanen Besetzung, mit Steve Shelley von Sonic Youth als Schlagzeuger und Aaron Mullen von den Tall Firs am Bass geht das sehr gut.

Sie sagen, dass Sie mit "Hallogallo 2010" versuchen wollen, den Geist von Neu! wiederzubeleben. Sie sind gerade 60 geworden, aber damals mit "Neu!" waren Sie in Ihren frühen 20ern. Musik ist immer auch mit einem bestimmten Zeitgeist verbunden. Wenn man sich Ihre Fotos von damals anschaut: lange Haare, Hippie-Klamotten. Die Musik von "Neu!" wurde auch als "Kiffermusik" oder "Acid-Musik" bezeichnet. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht, fast 40 Jahre später?
Das ist ein wichtiger Punkt. Für mich ist das kein Nostalgie-Trip, dem ich jetzt verfallen wäre. Aber die Konzepte, die ich damals Anfang der 70er mit Klaus Dinger oder auch mit Roedelius und Moebius als Harmonia entwickelt habe, haben für mich weiterhin ihre Gültigkeit.

Das heißt?
Ich hab diese Konzepte über die Jahre geformt, auch teilweise mal verändert, auch mal den Fokus verschoben, auf mehr Computer basierende Musik zum Beispiel in den 80ern mit dem Fairlight...

...dem berühmten Musikcomputer, mit dem Sie als einer der Ersten in Deutschland gearbeitet haben...
Ich bin aber meiner Richtung immer treu geblieben. Nein, das ist ein falscher Ausdruck: "Treu geblieben" ist Unsinn. Das ist einfach die Palette musikalischer Farben, mit der ich arbeite. Attribute wie "Kiffermusik" oder "Acid-Musik" galten für mich nie.

Bart dran: Das Duo Neu! - Michael Rother (links) und Klaus Dinger - im Jahr 1972 Foto: Thomas Dinger/promo
Bart dran: Das Duo Neu! - Michael Rother (links) und Klaus Dinger - im Jahr 1972Foto: Thomas Dinger/promo

Spielten Drogen in ihrer Musik denn nie eine Rolle?
Nein. Es war immer mein Anspruch, die Musik ohne jeglichen Gebrauch von Substanzen hören zu können. Ich wäre nie damit zufrieden gewesen, wenn meine Musik nur mit Hilfsmitteln erlebbar gewesen wäre. Es war mein Wunsch, eine neue Musik zu entwickeln. Möglichst viel eigene Identität zu schaffen, musikalische Identität. Und diese Identität habe ich beibehalten.

Wie?
Auch wenn ich jetzt sechzig bin, so viel anders fühle ich mich gar nicht. Sicher verändert man sich in vielen Aspekten im Leben, aber ich kann mich immer noch sehr gut identifizieren mit diesen Anfangsideen, die ich natürlich mit heutigen vermenge und auch immer weiterentwickeln möchte. Ich muss nicht krampfhaft versuchen, mich daran zu erinnern: wie hast du dich damals gefühlt? Sondern das ist für mich ein völlig selbstverständlicher Vorgang. Das ist meine Musik.

In den 80er- und 90er- Jahren waren die Zeiten etwas problematisch für ihre Musik. Sie war in der Zeit nicht so sehr angesagt...
Das ist eine leichte Untertreibung. Doch über die Jahre habe ich gelernt, mich nicht mehr darüber zu wundern, warum unsere Musik plötzlich abgelehnt wurde wie Mitte der 80er, als niemand mehr "Neu!" hören wollte, oder überhaupt etwas von uns wissen wollte. Was übrigens dazu führte, dass das vierte Neu!-Album 1986 unveröffentlicht blieb. Auch meine eigene Musik, wie auch Harmonia - wir waren alle, wie man so schön sagt, weg vom Fenster.

Jetzt scheint plötzlich wieder ein Interesse für "Neu!" und Michael Rother aufzuleben. Wie erklären sie sich das?
Das kam erst als Julian Cope...

...der englische Musiker der Gruppe "Teardrop Explodes"...
...1995 sein Buch "Krautrock Sampler" herausbrachte, in dem er sich intensiv mit dem Genre und den entsprechenden deutschen Bands beschäftigte. Erst als Reflex auf diese Jubelstürme, die von Julian Cope aus England kamen, wuchs das Interesse an uns auch in Deutschland wieder.

Nur in Deutschland?
Nein, auch international. Erst jetzt, und das ist sehr interessant und entbehrt nicht einer gewissen Komik, erfahre ich in gemeinsamen Interviews mit Steve Shelley, der zwar auch jünger ist als ich, aber der mir sagen kann, dass sie bei Sonic Youth schon in den 80ern, aber auch bei anderen Bands wie Stereolab in den 90ern angefangen haben, sich für unsere Musik zu interessieren. Aber davon wussten wir damals in Deutschland nichts.

Wussten Sie denn, dass sich auch solche Größen wie David Bowie oder Iggy Pop auf die Musik von "Neu!" berufen? Oder haben Sie auch das erst später mitbekommen?
Das waren einzelne Musiker. Brian Eno zum Beispiel, der mit uns gearbeitet hat. Oder David Bowie, der mich 1977 einlud, in Berlin an seinem Album mitzuwirken. Von den beiden wusste ich, dass sie die Musik von "Neu!" sehr schätzten. Aber damit hörte es dann auch auf. Vor der Internet-Zeit hatte man nur wenig Informationsmöglichkeit. Was in Amerika passierte, das war so weit weg. Ich bin auch seit dem Ende von Harmonia nicht mehr auf Tournee gegangen.

Sie sind viele Jahre nicht mehr öffentlich aufgetreten...
Mindestens zehn Jahre lang hab ich in meinem eigenen Tonstudio getüftelt und Alben aufgenommen. Erst gegen Ende der 90er wurde es dann wieder möglich, eine vollwertige Musik aufzuführen. Nicht zuletzt unter Zuhilfenahme von Computern, die Musik-, Audio- und Midi-Dateien wiedergaben.

Es ist eine interessante Mischung unterschiedlichster prominenter Fans, die sie über die Jahre angesammelt haben: Brian Eno, Iggy Pop, Bowie, Devo, Oasis, Primal Scream, Kasabian ... und dann auch die Red Hot Chilli Peppers, mit denen sie ja schon zweimal nach deren Konzerten in Hamburg zusammengespielt haben...
Ja, da hat sich eine große Freundschaft entwickelt, besonders mit John Frusciante...

...dem Gitarristen der Chilli Peppers. Spielt der auch vielleicht mal als Gast bei Ihnen mit auf der derzeitigen Tour?
Ich hab mit John im Frühjahr gesprochen. Er hat die Red Hot Chilli Peppers verlassen. Er ist in diesem Jahr sehr beschäftigt mit einem neuen Projekt. Sonst hätte ich ihn natürlich eingeladen, bei meiner derzeitigen Tournee mitzumachen. Früher oder später wird sich zwischen uns bestimmt auch wieder eine Live-Kooperation ergeben.

Einzelne Konzerte in den USA haben Sie doch schon gemeinsam gegeben?
John lud mich ein nach Amerika, und er hat da gleich in Los Angeles und in San Francisco gemeinsame Konzerte organisiert. Ich dachte erst, wir improvisieren da, aber dann meinte John: Nein, nein, lass uns mal deine Solosachen spielen: "Flammende Herzen", "Sonnenrad" und so weiter, einige Titel, die ich live noch nie aufgeführt hatte. Besonders komisch war, dass er mir zeigen musste, wie ich zum Beispiel das Stück "Palmengarten" damals auf der Gitarre gespielt hatte. Das hatte ich nie live gespielt und daher völlig vergessen. Und als wir dann in seiner Wohnung zusammen saßen, konnte er mir das zeigen. Dann haben wir im Konzert meine Solosachen gespielt. Was schließlich dazu führte, dass ich mir für die Tour "Hallogallo 2010" vorgenommen habe, noch einige Stücke aus dem Rother-Solo-Katalog ins Programm aufzunehmen.

Hallogallo 2010 Michael Rother & Friends perform the music of NEU!" am 23.09., 20 Uhr im Admiralspalast. Das Interview führte H.P. Daniels

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