Neue Bücher : David Bowies mythische Jahre in Berlin

Gut 30 Jahre ist es her, dass David Bowie in Berlin lebte. Um seine Zeit im eingemauerten Westteil der Stadt ranken sich viele Mythen. Jetzt suchen gleich zwei Bücher nach den Spuren des Musikers.

Lars von Törne
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Androgynes Gespann. David Bowie 1977 mit seiner Geliebten Romy Haag. Der Sänger war damals ein Stammgast ihres Clubs »Chez Romy...Foto: Ullstein/Henrik Gaard

Manchmal sind Legenden aufregender als die Wirklichkeit. Die Geschichte mit der Mercedes-Attacke zum Beispiel. David Bowie und sein Kumpel Iggy Pop, kurz zuvor aus den USA nach Berlin gezogen, entdecken bei einer Kudamm-Tour den Wagen eines Dealers, der sie betrogen haben soll. Bowie rammt mit seinem Mercedes das Hinterteil des anderen Wagens, legt den Rückwärtsgang ein, rammt erneut, und so weiter, fünf bis zehn Minuten lang. Später dämmert ihm, was er getan hat. In der Tiefgarage seines Hotels fährt er mit höllischem Tempo im Kreis herum, erwägt, sein Auto gegen die Wand zu fahren. Irgendwann ist der Tank alle, die Krise abgewendet. Kurz darauf nimmt Bowie in den Hansa-Studios an der Mauer einen neuen Song auf, der bis dahin ohne Worte war. Jetzt nennt er ihn „Always Crashing In The Same Car“.

Was an der Geschichte wirklich dran ist, wie sie der britische Autor Thomas Jerome Seabrook in seinem kürzlich erschienenen Buch „Bowie in Berlin“ als Fakt wiedergibt? Die Wahrheit sucht man bei vielen Berlin-Anekdoten Bowies vergeblich. „Die Leute vergessen, was für ein guter Geschichtenerzähler Bowie ist“, schreibt der Journalist Tobias Rüther in seinem Buch „Helden – David Bowie und Berlin“, das ebenfalls dieser Tage erschienen ist. Die Geschichte mit dem Mercedes hat sich wie viele andere Berliner Bowie-Anekdoten zum Mythos verdichtet. Sie ist aber trotzdem nichts weiter als eine Geschichte, warnt Rüther.

Gut 30 Jahre ist es her, dass Bowie in Berlin lebte, sich an der Schöneberger Hauptstraße eine Wohnung mit Iggy Pop teilte, mit dem Fahrrad, zu Fuß und in besagtem Mercedes die Stadt erkundete, mit „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ drei der wichtigsten Pop-Alben der Geschichte aufnahm. Seitdem sind jene nicht mal drei Jahre fester Bestandteil der West-Berlin-Mythologie. Bowies Berlin-Orte sind Standardprogramm bei Stadtführungen: die Hansa-Studios an der Köthener Straße, das Café Neues Ufer, damals Anderes Ufer, in dem Bowie Zigaretten und Kaffee frühstückte, das Mietshaus in der Hauptstraße 155, in dem heute eine Zahnarztpraxis sitzt.

Schon möglich, dass diese Jahre für das Berliner Selbstbild von größerer Bedeutung sind, als sie es je für Bowie waren, wie Rüther annimmt. Wenngleich Bowie vor einigen Jahren dem Tagesspiegel erzählte, wie wichtig seine Berliner Zeit auch für ihn war. Vor allem, um vom Kokain wegzukommen und Zeit für einen künstlerischen Neuanfang zu finden. Mehr als Anekdoten und vereinzelte Interviews aus jener Zeit gab es allerdings bisher nicht. Es war also höchste Zeit, dass jemand mit Fachkenntnis und Liebe zum Thema der Epoche nachspürt. Wobei sich die Zugänge Seabrooks und Rüthers deutlich unterscheiden: Während der Brite vor allem Anekdoten und musikhistorisch Relevantes aus Archiven zusammenträgt, bemüht sich FAZ-Redakteur Rüther mit Erfolg, nicht nur die Spuren Bowies in der einstigen Mauerstadt zu verfolgen, sondern durch Zeitzeugengespräche und kluge Analysen auch einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Er vermittelt ein Gefühl für jene Jahre und ordnet Bowies Schaffen in einen Kontext ein, der sein Buch nicht nur für Fans sehr lesbar macht.

Einfühlsam beschreiben sowohl Rüther als auch Seabrook Bowies Sinnsuche, seinen Kampf mit der Drogensucht und seine Hinwendung zu den kulturellen Einflüssen Berlins und Deutschlands, vom Expressionismus und dem Kulturerbe der Weimarer Zeit bis hin zu deutschen Musikpionieren jener Tage, allen voran Kraftwerk, Neu! und Can. In der Verbindung von Biografie, Analyse und (kunst)geschichtlicher Einordnung zeigt sich die Überlegenheit Rüthers, der im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen nicht nur Archive ausgewertet hat.

Einige der bis heute nicht restlos geklärten Fragen zu Bowies Berliner Zeit lassen sich trotzdem nicht eindeutig beantworten. Die Entstehungsgeschichte von „Heroes“ zum Beispiel, Bowies pathetischer Mauer-Hymne, bleibt auch nach der Lektüre der beiden Bücher im Dunkeln. Sea brook zufolge geht der Text neben der Inspiration durch ein Otto-Mueller-Gemälde auch auf Beobachtungen Bowies aus dem Studiofenster zurück: Im Schatten der Mauer, unterhalb eines DDR-Wachturms, soll sich sein Produzent Tony Visconti mit seiner Geliebten, der Sängerin Antonia Maaß, getroffen haben. Rüther hingegen sieht diese Geschichte bloß als weiteres Element des Berlin-Bowie-Mythos. So erzählte ihm Maaß, dass ihre Affäre erst begonnen habe, nachdem das Lied längst fertig war.

Wieso es 30 Jahre später überhaupt noch von Interesse ist, was ein Musiker einst in dieser Stadt trieb? Vielleicht, weil es zwischen Bowie und Berlin bemerkenswerte Parallelen gibt, wie Rüther geschickt herausarbeitet. So wie der Musiker ein Medium war, das die Impulse seiner Umgebung aufnahm und in Kunstwerken bündelte, so war – und ist – auch Berlin ein Resonanzboden, ein Verstärker für künstlerische Impulse. Vor allem diese analytische Tiefe macht die Lektüre von Rüthers Buch spannender als die seines Kollegen Seabrook: Sein Bowie-Buch ist zugleich ein faszinierendes Porträt des West-Berlins der Mauerjahre geworden, jener Stadt, bei deren Selbstbild – wie bei David Bowie – bis heute die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Legende verschwimmen.

Tobias Rüther: Helden. David Bowie und Berlin. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins 2008, 222 Seiten, 19,90 €.

Thomas Jerome Seabrook: Bowie in Berlin. A New Career In A New Town. Jawbone Press 2008, 270 Seiten, ca. 12 €.

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