Neue Electro-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Neue Soundlandschaften im November

Tracks, die abwechselnd in den Bauch boxen und über den Kopf streicheln, zuckersüßer Pop und Langeweile von einem ehemaligen Hoffnungsträger der Berliner Clubmusik-Szene. Martin Böttcher mit den Electro-Tipps vom November.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Booka Shade - Eve (Label: Embassy One/Blaufield)

Manchmal ist es schon ein bisschen traurig, sich mit der Berliner Clubmusik-Szene auseinanderzusetzen. Nehmen wir nur mal Booka Shade, dieses Duo von Walter Merziger und Arno Kammermeier. Die beiden haben vor sechs, sieben Jahren so grandios komponierte und produzierte Musik abgeliefert, dass ich es eigentlich nur noch für eine Frage der Zeit hielt, wann sie mit ihrer Clubmusik den Popmarkt erobern würden. Und jetzt dieses fünfte Album "Eve", das mit eher belanglosen, angechillten Electrosounds langweilt! Ja, die beiden sind über 40. Dass sie keine große Lust mehr auf das Clubleben haben, ist ihre Privatsache. Aber komplett auf Überraschendes zu verzichten und zwölf mehr oder weniger unkreative Tracks rauszuhauen, das ist dann schon ein bisschen arm. Was behaupten die beiden? Zwei Jahre soll es gedauert haben, "Eve" zu produzieren? No way, José!

Kellerkind - Music is a Miracle (Label: Stil vor Talent)

Zuckersüß-poppig: Das neue Album von Kellerkind "Music is a Miracle".
Zuckersüß-poppig: Das neue Album von Kellerkind "Music is a Miracle".Foto: Promo

Es wäre Unsinn, den House des Schweizer Produzenten Marco Biagini alias Kellerkind als Neuerfindung des Genres zu feiern - eher das Gegenteil ist der Fall. Sein beim Berliner Label Stil vor Talent veröffentlichtes neues Album "Music is a Miracle" klingt aber so gut gelaunt, so geradlinig und gleichzeitig zuckersüß-poppig, dass gar nicht groß auffällt, dass auch hier ein neuer Ansatz fehlt. Kling Klang, die Straßen entlang, so würde es gerne in meinem Kopf summen. Aber geht ja nicht: diese Songzeile ist schon vergeben. Dann vielleicht eine andere: My house is your house. And your house is mine. Kling Klang, Kling Klang, Kling Klang.

Pierre Deutschmann - Betroit (Label: BluFin)

Hier kommt das Gegenstück zu mollig-warmer House Music: Techno, der, wie der Albumtitel schon andeutet, einmal mehr die Achse Berlin-Detroit beschwört. Was heißt das konkret? Pierre Deutschmann, Produzent und DJ aus Berlin, präsentiert harte, aber nicht unerbittliche Sounds. Er weiß, dass Detroit Techno immer versucht hat, den elektronischen Instrumenten gleichzeitig eine maschinenartige und trotzdem seelenvolle Musik zu entlocken. Über 15 Stücke entwirft Deutschmann seine anspruchsvolle Soundlandschaft, die Tracks boxen abwechselnd in den Bauch und streicheln über den Kopf. Je öfter ich das höre (das Album ist schon ein paar Wochen alt), desto sinnvoller scheint mir eine alte Kämpferweisheit: Roll with the punches!

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