Neue Electro-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Prickelndes Rauchen

In unserer Serie "Spreelectro" stellt der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher Gutes aus der Hauptstadt vor. Diesmal ist er ein wenig vernebelt von Eva Padberg und freut sich über das Blubbern, Prickeln, Klappern und Klatschen bei Seams.

von
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Dapayk & Padberg „Smoke“ (Mo Ferry’s Production)

Man wird es gleich merken: ich habe mich verliebt! Dafür brauchte es ein halbstündiges Interview, einen von Eva Padberg servierten Kaffee, zwei sehr blau wirkende Augen ihres Mannes, ein paar nasse Hundenasen und ein neues Album. Aber der Reihe nach: Der Schöne und ... nein, nicht das Biest, sondern die Schöne! Niklas Worgt alias Dapayk und Eva Padberg, seine Ehefrau und ziemlich bekanntes Model, passen auf sehr tolle Art und Weise zusammen. Nicht nur äußerlich, sondern überhaupt. Und das überträgt sich auch auf ihre Musik. Beim mittlerweile vierten Album halten sich Pop und Club, Song und Track, Melancholie und Euphorie, Kalt und Warm und eigentlich alles ziemlich großartig die Waage. Sogar der Albumtitel hat eine schöne Erklärung, egal, ob die Geschichte nun stimmt oder ob nicht: Einer von Niklas Worgts Vorfahren, so erzählen sie im Interview, unterbrochen nur von ihren beiden lustigen Hunden, habe „Smoke“ geheißen. Außerdem liege über ihren Stücken eine Art Rauch, was wahrscheinlich mit Schottland zu tun habe, wo das Album zu Teil entstanden sei. Ich bin hin und weg. Auch wegen der Musik.

Niconé „Let Love Begin“ (Stil vor Talent)

„The times, they are a-changin’“, sang Bob Dylan schon vor 50 Jahren, seitdem versucht er uns zumindest musikalisch vom Gegenteil zu überzeugen. Was das mit Niconé zu tun hat? Auch Niconé reagiert auf die sich verändernden Zeiten, ohne dass das dem neutralen Beobachter sofort auffallen würde. Niconé, das ist der Künstlername von Alexander Gerlach, ein Teil des Techno-Electro-Duos Lexy & K-Paul. Die beiden Berliner wurden 2001 als beste Dance-Newcomer mit dem Musikpreis Echo ausgezeichnet und begeisterten mit ihrer Musik eher die Teenies als den coolen Partygänger. K-Paul war im ein oder anderen Berliner Club als leicht anstrengender Kunde bekannt, Lexy fand schließlich in der Bar 25 ein zweites Zuhause. „Let Love Begin“ ist sein Solo-Debüt, die Musik darauf ist genauso zugänglich wie die von Lexy & K-Paul, aber sie ist hypnotischer, deeper, einlullender, ursprünglicher. Musik, die im Plattenladen meines Vertrauens als „Keta-House“ angepriesen wird. Musik, die ihre eigene Droge ist, mit sattem warmen Bass, angezogener Handbremse und mantra-artig wiederholten Phrasen. Sehr wirkungsvoll!

Seams – Quarters (Full Time Hobby)

Seams, das ist Jami Welch, einer von ca. 7 Milliarden Menschen, die von irgendwoher nach Berlin gezogen sind, um hier was mit Musik zu machen. Bei der Musikplattform Soundcloud verdient er sein Geld, als Seams ... ja, was genau macht er eigentlich als Seams? Ich bin mir sicher, dass Menschen, die selbst elektronische Musik produzieren, nicht sonderlich beeindruckt sind von den Stücken auf  „Quarters“. Mir ist das aber egal, ich finde die kleinen verfrickelten Synthie-Spielereien, an denen er sich da abarbeitet, gut. Den dicken Bass sucht man vergeblich, dafür blubbert, prickelt, klappert und klatscht es eine Dreiviertelstunde sehr unterhaltsam. Ach ja, Jami sucht gerade einen Cassetten-Kopier-Service in Berlin, um seine Musik zu vervielfältigen. Cassetten ... das passt!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben