Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de schon länger Pop-Tipps. Für unsere Serie "Spreelectro" hat er sich inzwischen auf Berlin spezialisiert und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

The Field - Looping State of Mind (Kompakt)

Wie hieß es doch bei der BBC, der Mutter aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten so treffend: „Berlin is the 21st century home of techno.“ Stimmt, sagt der Spreelectroianer und überlegt noch mal kurz, was das alles bedeutet: Etliche Clubs, von denen einige der bekanntesten jetzt massive Steuerprobleme haben. Jede Menge Technotouristen. Und eine unbekannte Anzahl von DJs und Produzenten elektronischer Musik, die aus der ganzen Welt nach Berlin gekommen sind und auch weiterhin kommen. Einer von ihnen, und ganz sicher nicht der schlechteste, ist Axel Willner alias The Field.  Die auf Loops aufgebauten Tracks des Schwedens entwickeln die Sogwirkung eines Mahlstroms. Man kann sich der hypnotischen Kraft  seiner Tracks kaum entziehen, das ganze klingt wie in dichten Neuschnee gepackter Shoegazer-Techno in der Dauerschleife. Sein drittes Album „Looping State Of Mind“ scheint noch ein bisschen besser zu sein als die beiden Vorgänger, konzentrierter und gleichzeitig luftiger. Ob es daran liegt, dass Willner nicht mehr in einem der staatlichen Alkoholläden in Schweden arbeiten muss, um über die Runden zu kommen? Sondern jetzt in Berlin für wenig Geld selbst trinken darf? Wer weiß das schon ....

 

Robot Koch – The Other Side (Project: Mooncircle)

 

Und noch ein Wahlberliner. Aber erstens hatte es Robert „Robot“ Koch nicht so weit von Kassel nach Berlin, zweitens ist er schon so lange in der Stadt, dass man ihm weder das U-Bahn- noch das Gästelistensystem der Stadt erklären muss. Seit Jahren versucht Robot Koch mit seiner Band Jahcoozi groß rauszukommen, aber irgendetwas klappt dabei nicht so richtig, man scheint immer zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Als Solokünstler und mit „The Other Side“ aber macht er meiner Ansicht nach gerade vieles richtig: Die Beats, die schon immer seine Spezialität waren,  klingen glasklar und auf den Punkt. Weiche Stimmen singen in weicher Stimmung in weiche Melodien. Gut möglich, dass es hier eingeleitet wird, das irgendwann anstehende Trip-Hop-Revival. Aber tiefe Bässe und technoide Soundspielereien verhindern den möglicherweise drohenden Absturz in die Belanglosigkeit. Für mich wie ein Bindeglied zwischen neuem Modeselektor- und neuem Apparat-Album. Sehr „kocherat“!

 

Aerea Negrot – Arabxilla (Bpitch Control)

 

Und hier die dritte im Bunde, die in Berlin gestrandet oder gelandet oder einfach nur angekommen ist: Aerea Negrot aus Venezuela. Was genau sich hier musikalisch – oder besser gesagt: gesanglich – abspielt, ist mir ein Rätsel. Klaus Nomi, Edson Cordeiro, Nina Hagen, all die eher ungewöhnlich singenden Menschen mit leichtem Hau kommen mir als Referenzen in den Sinn. Aber nur kurz, dann schlägt Frau Negrot, die früher auch mal ein Mann gewesen sein könnte, schon wieder ganz andere Töne an. Sehr experimentell, aber eben gerade deshalb so frisch, zusammengehalten durch ein nicht ganz so wildes elektronisches Soundgerüst. Manchmal muss Musik eben auch Theater sein. Und Volksfest. Mit Geister-, Achter- und Walzerbahn. Bzw. Typhoon, Top Of The World, Breakdance und den ganzen anderen Fahrgeschäften. Aber nicht verwechseln! Mit Kirmestechno hat Aerea Negrot wirklich nichts zu tun!

 

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