Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de Pop-Tipps. Für unsere Serie "Spreelectro" hat er sich auf Berlin spezialisiert und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt. In dieser Folge stellt er düsteren Techno aus dem Berghain vor - und klassische Musik, elektronisch neu abgemischt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Barker & Baumecker - Transsektoral (Ostgut Ton)

Wer's pathetisch mag, dem sei gesagt: Das Berghain ist ein magischer Ort! Für die, die vergeblich versuchen, in diese Club-Burg hineinzukommen, vielleicht noch ein wenig mehr als für die Stammgäste - denn die Geschichten von überschrittenen Grenzen, sich auflösendem Zeitgefühl, von seltsamen Begegnungen und überirdischem Sound wirken auf Außenstehende wie wahr gewordene Science Fiction. Ostgut Ton, das Plattenlabel hinter dem Berghain, gibt sich alle Mühe, zumindest die musikalischen Besonderheiten der dunklen Nächte einzufangen und greift dabei gerne auf Stammpersonal zurück: Andy Baumecker ist seit Jahren Resident DJ im Berghain und hat gemeinsam mit dem ebenfalls in Berlin lebenden englischen Produzenten Sam Barker ein ziemlich dunkles Album geschaffen: düsterer Techno, angriffslustig und konzentriert, der in engen Kellerräumen ziemlich bollern dürfte und in der Weite eines ehemaligen Heizkraftwerk das Zeug dazu hat, Menschen umzublasen. "Transsektoral" kann aber noch mehr: das ein oder andere von Ambient und, ja, sogar von Trance beeinflusste Stück stellt einen wieder auf die Beine - und gibt einem die Kraft, zur Bar zu schweben. Hits? Fehlanzeige. Aber wer braucht schon Hits?

S_W_Z_K - S_W_Z_K (Tresor)

Noch einer, der sich mit der düsteren Seite von Techno auseinandersetzt, aber einer, von dem man es am allerwenigsten erwartet haben dürfte, wenn man sich sein bisheriges Schaffen ansieht. David Brown war Teil des cleveren Londoner Tech-House-Duos Swayzak. Swayzak waren richtungsweisend, haben mit ihrer präzischen Produktion und dem gekonnten Neben- und Miteinander von House, Techno, Dub und Electro die Blaupause für ein ganzes Genre gelegt. Und offensichtlich gibt es Swayzak seit einem Jahr nicht mehr. David Brown aber macht alleine weiter, ist nach Berlin gezogen und nennt sich nun S_W_Z_K. Das Gefällige, Eingängige, Charmante, manchmal fast schon Kitschige ist aus seiner Musik verschwunden, Brown zelebriert minimalen Techno. Kein Wunder, dass diese Platte auf dem Berliner Tresor-Label erschienen ist, dem Label hinter einer anderen, archaischeren Berliner Club-Legende. Und sicherlich auch kein Wunder, dass Brown seinen Tracks Namen wie "Elsenstr. 171" und "Neukoelln Mon Amour" gegeben hat: Aus jeder Note fließt, auch wenn es ihn eigentlich gar nicht gibt, der "Sound of Berlin".

Vivaldi - The Four Seasons. Recomposed by Max Richter (Deutsche Grammophon)

Was soll ich sagen? Auch ich werde älter und milder, was meinen Musikgeschmack angeht. Klassik, früher eine gern genutzte Gelegenheit, um auf die Barrikaden zu gehen, hat seinen Schrecken verloren. Vielleicht sind daran etliche "Yellow Lounge"-Veranstaltungen schuld: Die Klassik-Reihe wandert seit Jahren durch Berliner Clubs von Cookies über Berghain bis hin zum Watergate und präsentiert alte Musik in neuen Räumen. Davon profitieren übrigens beide, der Club, der in völlig neuem Licht (und für eine ganze Weile!) erstrahlt - und die klassische Musik, die endlich einmal ihre verstaubten Räumlichkeiten und erstarrten Umstände verlässt. Die Recomposed-Reihe der Deutschen Grammophon versucht ähnliches: Techno-Produzenten wie Carl Craig und Moritz von Oswald, Matthew Herbert oder Jimi Tenor nahmen sich Aufnahmen klassischer Musik vor und remixten und arrangierten und schnippelten, was das Zeug hielt. In der neuesten Ausgabe von Recomposed hat sich der in Berlin lebende englische Komponist Max Richter an eine Überarbeitung der berühmt-berüchtigten Vier Jahreszeiten von Vivaldi gewagt. Seine Vorgehensweise dabei allerdings anders als die seiner Techno-Brüder: Richter hat nicht bestehende Musik geremixt, sondern mit den Prinzipien des Remixes, mit Loops und Sampels, die Partitur bearbeitet und das Ergebnis neu einspielen lassen. Vivaldi-Fans dürften sich verraten fühlen, Vivaldi selbst im Grab rotieren, aber für den technoiden Menschen, dem Klassik keine Magenschmerzen bereitet, ist das ein schöner Trip, auch wenn der Beat fehlt. So weit liegen die musikalischen Welten dann letztendlich doch nicht auseinander. Bzw. die Grenzen spielen auf einmal gar keine große Rolle mehr.

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