Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Techno, Dubstep und Science Fiction

In unserer Serie "Spreelectro" stellt der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher Gutes aus der Hauptstadt vor. In dieser Folge erklärt er, warum elektronische Musik alles andere als unmenschlich und eiskalt ist - und warum House-Beats zu Bier besser klingen.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Mokke: Wingbeat (Blankrecords)

Wir müssen reden. Und zwar über die Temperatur von Musik. Seit der Synthesizer in die Probenräume und Studios einzogen ist, gibt es nämlich immer wieder Stimmen, die behaupten, elektronische Musik sei hart, unmenschlich,  gefühllos, distanziert und vor allem: kalt. Eiskalt sogar. Natürlich gibt es elektronische Musik, die all das ist. Aber das hat nichts mit den Instrumenten an sich zu tun, sondern liegt am Musiker und wie genau er seine künstlerischen Visionen umsetzen kann, falls er denn welche hat. Mokke hat definitiv solche Visionen und auch das Können, sie in Klang umzuwandeln. Kein Wunder, hat der in Berlin lebende Japaner ja lange dem Multikulti-Projekt „Nomad Sound System“ seinen Stempel aufgedrückt: Sechs Musiker aus verschiedenen Ecken der Welt, zusammengehalten durch die Beats ihres Effektmanns, DJs und Produzenten. Alleine geht es bei Mokke aber so gar nicht multikulti zu, sondern elektronisch-verstrahlt. Krasse Soundlandschaften irgendwo zwischen Techno, Dubstep, Bass Music und instrumentalem Hip Hop baut Mokke auf Wingbeat auf. Und zwar, jetzt kommt’s, mal sehr warm und weich, mal lauwarm-verstolpert-verspielt, mal kühl und glasklar, dann wieder psychedelisch-mollig.

Soukie & Windisch – A Forest (URSL)

Beim ersten Durchhören von „A Forest“, dem Gemeinschaftsprodukt von Nayan Soukie und Fritz Windish, tat sich nicht viel bei mir. Gefällige, nicht allzu schnelle House-Beats, liebliche Melodien und eine ziemlich glatte Produktion, so meine ersten Gedanken. Allerdings hatte ich einen Fehler begangen und „A Forest“ ziemlich leise auf einer kleinen Kompaktanlage gespielt. Beim zweiten Mal kam die große Stereoanlage mit den guten Boxen zum Einsatz, es wurde lauter gedreht und Bier gab es auch noch. Ein Unterschied wie Tag und Nacht! Der Bass, den der Hamburger und der Berliner bevorzugen, hat ordentlich Druck, ohne zu nerven. Claps und Schnippser kommen sehr funky rüber. Und dann ergibt auch noch der Albumtitel richtig Sinn: Tatsächlich, es gibt eine kleine musikalische Verbeugung vor der englischen Band „The Cure“, die sich vor 33 Jahren mit ihrem Song „A Forest“ in die Köpfe der Fans spielten und deren Gedanken noch dunkler werden ließ. Soukie & Windish haben mit dunklen Gedanken nicht viel im Sinn, wollen aber ebenfalls in unsere Köpfe. Und in unsere Beine. Und was man noch so alles bewegen kann.

Jeff Mills - Sequence. A Retrospective of Axis (Axis)

Und weil wir schon dabei sind: Lass uns über das Alter sprechen! Ein paar Monate noch, dann wird der DJ und Techno-Produzent Jeff Mills 50. Eine eher gruslige Zahl für einen wie ihn, der nach wie vor Teil der Clubkultur ist, auch wenn er zusätzlich sehr viel „erwachsenere“ Spielwiesen für sich gefunden hat. Einen nicht unerheblichen Teil seines DJ-Lebens hat Mills in Berlin verbracht, er gehörte zur von Tresor-Gründer Dimitri Hegemann ausgerufenen Techno-Achse Berlin – Detroit.

Über 300 Seiten dick und exakt so groß wie eine Schallplatte jedenfalls ist „Sequence“: Ein Buch, mit dem Mills noch ein anderes  Jubiläum feiert, nämlich das 20. seines Plattenlabels Axis. Jede Menge Fotos, Noten, Plattencover und zum Glück auch Musik finden sich da, nämlich seine besten und prägnantesten Stücke aus den letzten zwei Jahrzehnten, verpackt in einen USB-Stick (oder, wer es mag, separat auch auf CD). Mills arbeitet sich in seiner Musik an einem großen Thema ab, seinem großen Thema: Fasziniert vom Weltraum, von Planeten, von Raumschiffen, Zeitreisen, Außerirdischen machte und macht der Produzent Techno, der als Soundtrack zu den Sternen zu verstehen ist. Mit aktueller Clubmusik oder gar Electronic Dance Music hat das kaum zu tun. Aber auch hier: Ein Visionär, der die eigenen Vorstellungen in Sounds umsetzen kann. Science Fiction trifft Bassdrum!

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