Neue Serie : Spreelectro: Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher hat auf Tagesspiegel.de schon viele Pop-Tipps gegeben. Jetzt spezialisiert er sich für unsere neue Serie "Spreelectro" auf Berlin und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: promo

We Love – We Love

Schon komisch: We Love, ein italienisches Electro-Project, das gerade sein Debütalbum veröffentlicht, besteht darauf: „Wir sind nicht einfach nur eine weitere Electro-Band.“ Was denn dann? Und was bitte ist daran schlecht? Genau! We Love haben der Cosmic Disco und dem Synthie-Pop der späten 70er und frühen 80er Jahre ebenso viel zu verdanken wie dem aktuellen Techno. Und auch wenn die Stimme ihrer Sängerin Giorgia Angiuli einer Überdosis Zucker gleich kommt: We Love bleiben bei der gefährlichen Gratwanderung zwischen Kitsch und Cool immer auf der richtigen Seite. Nur eines erscheint rätselhaft: Was suchen sie beim Bpitch-Control-Label der Berliner DJ-Legende Ellen Allien? Eigentlich gehören sie zu DJ Hells Gigolo-Label! Dort würden We Love, die sich abseits der Musik als Videokünstler, Grafikdesigner und Duftsammler (kein Witz!) betätigen, nämlich hinpassen wie Silberfolie auf ihren Synthesizer.

Sid Le Rock – Tout Va Bien

Hier ist er: Der Dr. Jekyll und Mr. Hyde der elektronischen Musik: Sheldon Thompson liebt es, in verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Mal ist der in Berlin lebende Kanadier als melancholischer Minimaltechnoide unterwegs und nennt sich Pan/Tone, mal ist er der mächtig mit den Beats knirschende Gringo Grinder - und dann wieder Sid LeRock, eine Kunstfigur, die es rocken lässt. „Rockno“ nennt Thompson diese Musik.; Mutter Rock, Vater Techno – oder auch umgekehrt.  Doch wie das manchmal mit den Kindern so ist, vom einen Elternteil gibt es ein wenig mehr, vom anderen ein bisschen weniger. Deshalb die Warnung an alle Rockfans: Geht jetzt bitte nicht los und holt euch dieses Album! Das ist elektronische Musik für elektronische Menschen, die auf elektronische Beats stehen. Daran ändern weder der gelegentlich auftauchende verstrahlt-zwielichtige Gesang noch die sägenden, entfernt an Gitarren erinnernden Sounds etwas.

Sonne Mond Sterne X4 – Mixed by Lexy & Oliver Koletzki

Schande über mich: Ich war noch nie beim Sonne-Mond-Sterne-Festival, obwohl es eines der größten (und schönsten) für elektronische Musik ist und gerade das 14. Mal stattfand. Aber es ist eben nicht in Berlin, sondern an der Bleichlochtalsperre in Thüringen. Trotzdem gibt es eine Berliner Verbindung: Die beiden seit langem in Berlin lebenden DJs Lexy (DER Lexy von Lexy & K-Paul) und Oliver Koletzki haben den SMS-Sampler X4 gemixt. Und auch wenn so ein Mix immer ein Kompromiss ist, weil es Absprachen gibt, von denen wir nichts ahnen, und bestimmte Songs unbedingt drauf müssen, es für andere Songs dagegen keine Genehmigung gibt, ist den beiden Schönes gelungen: Durch ihre jeweiligen Mixe zieht sich ein Spannungsbogen, der von ruhig bis heftig reicht, von deep bis schnell, von unbekannt zu bekannt. Wer weiß schon, ob sie selbst diese Tracks auch wirklich ausgewählt haben. Aber zusammengemixt haben sie sie auf jeden Fall mit Ohr und Bauch.

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