Neues Album : Bob Dylan: Nach Süden, über die Grenze

„Together Through Life“: Bob Dylan überrascht auf seinem neuen Album mit der Leichtigkeit und der Liebe des Alters.

Rüdiger Schaper
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Wie im Traum. Bob Dylan.Foto: dpa

Man bringt das ja gar nicht zusammen. Den Mann, der da vor ein paar Wochen in der Berliner Schmeling-Halle seine älteren, alten, uralten Songs auf manche harte Probe stellte. Und den Mann, über dem jetzt wieder gewaltige perzeptionelle Theoriegebäude errichtet werden, wie in der neuen „Spex“. Und schließlich diese neue CD, auf der derselbe Mann so leicht und federnd musiziert und eine schwer zu fassende, fast optimistische Stimmung verbreitet, die man als entspannte Ernsthaftigkeit beschreiben könnte.

„Together Through Life“, Bob Dylans 33. Album, dokumentiert auf verblüffende Weise, wie der 67-Jährige mehr und mehr in der amerikanischen Tradition aufgeht. Er spielt auch wieder seinen alten, rumpeligen Blues, aber sein Herz geht auf Reisen. Dylan flirtet mit der Musik des Südens. Der 33. Band seiner gesammelten Werke, seiner Encyclopedia Americana, widmet sich dem langsamen Tanzrhythmus des Tex-Mex. Man fühlt sich an Ry Cooder und Willy DeVille erinnert – nur dass Dylan sich schon in den siebziger Jahren south of the border herumgetrieben hat; auf dem „Pat Garrett“-Soundtrack und dem „Desire“-Album.

Leben heißt Ballast abwerfen. Die zehn Stücke von „Together Through Life“ (Columbia) erzählen von einer distanzierten, aber deshalb nicht leidenschaftslosen Spielart der Liebe. „Life is Hard“, sie ist auf und davon, der Schmerz scheint erträglich. Es gibt das Glück im Moment. „Beyond Here Lies Nothin’“: Schon der erste Song überrascht mit zarten Mariachi-Bläsern und einem signalhaften Akkordeon, das sich durch das gesamte Album zieht. David Hidalgo von der mexikanisch-kalifornischen Band Los Lobos steuert seine Quetschkommode so sublim wie stur durch Dylans neue Kompositionen, die alterslos und klassisch sind, angehaltene Zeit, wie auf den Bildern seiner „Drawn Blank Series“.

Einem Traumwandler gleich streift er durch die Landstriche, wo die Rednecks wohnen. „If You Ever Go to Houston“ reiht sich ein in Dylans Südstaaten-Geographie („Stuck Inside of Mobile“, „Mississippi“). „I nearly got killed here/in the Mexican war“: Das führt nun aus dem Stand sehr weit zurück, ins 19. Jahrhundert, in eine Zeit, die Bob Dylan mehr und mehr fasziniert. Im Süden schwirren die Geister des Sezessionskriegs noch in den Köpfen, „sie sitzen gefangen in einem Fegefeuer zwischen Himmel und Hölle und kommen nicht zur Ruhe“, hat er kürzlich in einem Interview mit Bill Flanagan von MTV erklärt.

Das muss man also auch noch verkraften. Dylan gibt Interviews! Er wirft all die Posen und Klischees ab, die Geistererscheinungen, die ihm anhaften, und man ist versucht, seine bald fünfzig Jahre währende Karriere als einen persönlichen Unabhängigkeitskrieg gegen die Pop-Industrie und die Erwartungen der Fans zu begreifen.

Zuletzt hat er jede Schlacht gewonnen. „Modern Times“, das vorletzte Album, war kommerziell außerordentlich erfolgreich, „Together Through Life“ schließt atmosphärisch daran an. Es kommt freilich noch gelassener daher, beiläufiger – das Spätwerk jenes Mannes, der einst in eine rosarote Folk- und Popwelt eindrang wie Jesus bei den Geldwechslern im Tempel.

Kein Gestikulieren mehr, keine Behauptungen. Wenn man unbedingt will, kann man „I Feel a Change Comin’ On“ als Hommage auf Obama hören, aber da schwingt auch schon wieder so viel Skepsis mit, man spürt die Entfernung, die zwischen Dylan und all den Dingen liegt, die im Tagesgeschäft hysterisch ventiliert werden. In dem erwähnten MTV-Gespräch zeigt sich Dylan von Obama fasziniert. Dylan sagt etwas Bemerkenswertes: Nicht Barack Obama habe die Politik gesucht, die Präsidentschaft, vielmehr sei die Politik zu ihm gekommen. – Beinahe ein Selbstportrait. Hat Dylan einst die Musik gefunden, oder war es umgekehrt?

„How long can I stay in this nowhere café“. So hebt der vielleicht schönste Song des Albums an, „This Dream of You“. Ein brüchiges Zwiegespräch mit den Schatten an der Wand. Alle Tränen sind geweint und alle Gläser ausgetrunken. Tag ist Nacht, und Nacht ist Tag. Die Steel Guitar windet sich in langsamem Tanz mit dem Akkordeon, und eine einsame Fiedel schaut zu. „All I have and all I know/ Is this dream of you/ it keeps me living on“. Es gibt einen Moment, singt er, in dem alles wie neu erscheint. Aber dieser Moment liegt so weit zurück. Er will nicht daran glauben, und er glaubt daran.

Schon nach dem zweiten, dritten Hören entfaltet dieses Album eine stille, hypnotische Kraft. Die Veröffentlichung von „Together Through Life“ fällt zusammen mit Leonard Cohens „Live in London“, dem Konzertmitschnitt seiner überwältigenden Comeback-Tour des letzten Jahres. Wenn Cohen das Alte Testament des Rock geschrieben hat, dann Dylan das Neue. Die Wege treffen sich und trennen sich. Cohen ist auf seine alten Tage ganz der Poet, der wieder zur Musik findet, und Dylan der Musiker, dem die Worte immer leichter werden.

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