Neues Album : Grace Jones: Die Gottesanbeterin

Nach fast 20 Jahren ist Grace Jones wieder da – mit ihrem neuen Album "Hurricane". Einst machte Andy Warhol das Model zur Stilikone der Disco-Ära.

Jörg W,er
Jones
Liebt schillernde Auftritte: Grace Jones. -Foto: Getty

Es ist im Popbusiness nicht ungewöhnlich, dass das Image eines Stars nachhaltiger wirkt als die Musik. Doch für wenige gilt dies in dem Maß wie für Grace Jones: Ihre musikalische Karriere verlief durchaus erfolgreich, aber nicht so, wie man es aufgrund ihrer Präsenz im kollektiven Gedächtnis der Popkultur vermuten würde. Nun sorgte die Ankündigung für Wirbel, dass sie nach fast 20 Jahren eine neue Platte herausbringt. Seit heute ist „Hurricane“ im Handel und tritt ein schwieriges Erbe an, gilt Grace Jones doch als eine Stilikone der achtziger Jahre.

Daran ist vermutlich Andy Warhol schuld. Als der Pop-Art-Impresario Mitte der Siebziger ein farbiges Fotomodel aus Jamaika unter seine Fittiche nahm, hatte Jones schon eine Schauspielausbildung und eine mäßig erfolgreiche Modelkarriere hinter sich. Doch erst der glamouröse Auftritt in der New Yorker High Society sorgte für den entscheidenden Popularitätssschub. Grace Jones war allerdings auch kaum zu übersehen: 1,80 Meter groß, mit maskulinen Gesichtszügen und kurz geschorenen Haaren, dazu vor keinem Exzess zurückschreckend, wurde sie rasch zur Königin des Nachtlebens und erlangte in der Gay-Szene Kultstatus.

Reinster Disco-Hedonismus

Ihre ersten drei, 1977 bis 1979 entstandenen Platten waren folgerichtig reinster Disco-Hedonismus: polierte Hochglanz-Produktionen als zeittypische Artefakte einer sich dem Ende zuneigenden Ära. Jones kultivierte das Image eines übersexualisierten Raubtier-Mensch-Zwitterwesens. Ab 1980 vollzog sie dann nicht nur musikalisch einen Richtungswechsel. Auf drei Alben entstand ein charakteristischer Stilmix aus Reggae, New Wave und Synthiepop, über den Jones murmelte oder mit theatralischem Sopran sang. Sie artikulierte nun den Typus der androgynen Amazone, die das Stilbewusstsein des Jahrzehnts mitprägen sollte. Mit „Slave to the Rhythm“ erreichte die GraceJones-Idolatrie 1985 einen Höhepunkt. Gleichzeitig hatte die mediale Präsenz zu einer Übersättigung geführt. Ihre beiden letzten Achtziger-Alben klangen beliebig. Die Zeit schien abgelaufen für die Eskapaden einer als undiszipliniert geltenden Künstlerin, die von Hochleistungs-Performerinnen wie Madonna abgelöst wurde. Jones forcierte ihre Filmkarriere, die nach trashigen Auftritten in dem Spektakel „Conan der Zerstörer“ oder als Bond-Gegenspielerin im Sande verlief.

Es waren knapp 20 Jahre nötig, um das Interesse an Grace Jones neu zu beleben. Die Zeit dazwischen gibt Nährboden für Spekulationen: Hat sie sich mit Privatauftritten für Scheichs oder russische Oligarchen über Wasser gehalten? Gibt es „verschollene“ Platten? Tatsächlich ist der Mythos Grace Jones so weit in die Vergangenheit gerückt, dass man dem Comeback-Album unvoreingenommen gegenübertreten kann.

Metapher für den Kapitalismus

Das Video zur Single „Corporate Cannibal“ macht einem dies allerdings nicht leicht: Regisseur Nick Hooker verfremdet das immer noch makellose Gesicht der 60-Jährigen, bis sich die verdächtig bekannt wirkende Assoziation einer Alien-Gottesanbeterin vor Stimme und Musik schiebt. Was indes eine vorschnelle Schlussfolgerung wäre. Zwar gibt es nicht nur auf „Corporate Cannibal“ Textpassagen, in denen Grace Jones mit den alten Klischees spielt. Aber die „man-eating Machine“ ist hier nicht der androide Vampir, sondern eine Metapher für den Kapitalismus. Und das ist, bei aller Skepsis gegenüber holzschnittartiger Bekenntnislyrik, doch ein starkes Statement für eine Künstlerin, die früher nicht durch politische Aussagen aufgefallen ist.

Mit „Williams Blood“ und „I’m crying (Mother’s Tears)“ befinden sich zwei Songs auf der Platte, in denen Jones zärtlich ihre Familiengeschichte aufarbeitet. Es wirkt so, als sei sie das Versteckspiel hinter tausend Masken leid: Ihre Stimme strahlt eine Wärme aus, die durch das bloße Älterwerden nicht zu erklären ist. Und wer bezweifelt, dass Jones zur Selbstironie fähig ist, sollte in das Booklet der CD schauen: Die Fotos, auf denen sie Schokoladenabgüsse von sich selbst herstellt, offenbaren einen distanzierten Blick auf die Chimären der eigenen Biografie.

"Hurricane" verbindet Vergangenheit und Gegenwart

Musikalisch verbindet „Hurricane“ souverän Vergangenheit und Gegenwart. Ein Vierteljahrhundert nach der letzten Zusammenarbeit konnte Grace Jones wieder Sly & Robbie gewinnen, deren erdverbundene Downtempo-Riddims das Rückgrat der neun Songs bilden. Darüber hat Produzent Ivor Guest ein Gespinst aus getupften oder sägenden Gitarren, knispelnden Synthies, klimpernden Marimbas und flirrenden Streichersätzen arrangiert. Die Beteiligung einer illustren Gästeschar von Brian Eno über Tricky bis zur Afro-Legende Tony Allen verleiht dem Ganzen den popreferenziellen Ritterschlag.

Ohne ihre spektakulären Identitätsentwürfe wäre Grace Jones nur eine unter vielen gewesen. Später jedoch wurde sie zur Gefangenen des von ihr entfachten Bildersturms. „Hurricane“ ist ein Befreiungsakt, der an ihre beste Phase anknüpft. Und ohne Imagekrücken funktioniert.

Grace Jones „Hurricane“ ist bei Wall of Sound/Pias erschienen.

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