Neues Album : Julian Casablancas: Vom Hündchen aufs Stöckchen

Raus aus der Rock-Ecke: Strokes-Sänger Julian Casablancas veröffentlicht ein ambitioniertes Solo-Debüt

Nadine Lange

Das ist schon ein bisschen dreist, wie sich Julian Casablancas auf dem Cover seines ersten Soloalbums inszeniert: Er sitzt in der Mitte eines halbrunden Raumes mit riesigen Lautsprechern in den Wänden. Neben ihm steht ein Grammophon und zu seinen Füßen hockt ein weißer Hund mit schwarzen Flecken. Hund und Grammophon zitieren eines der berühmtesten Plattenlabel-Markenzeichen der Welt: „His Master´s Voice“. Bei Casablancas schaut der Hund allerdings nicht in den Grammophon-Trichter, sondern auf ihn - er ist der Meister mit der tollen Stimme.

Größenwahn? Sicher. Doch Julian Casablancas kann sich sowas erlauben. Schließlich ist er der Mann, der dem Garagenrock-Revial der Nullerjahre ein Gesicht gegeben hat. Der vorläufig letzte große  Rock-Retter aus New York. Als Sänger und Songwriter der Strokes spielte er all die Schrammelgitarren-Träume der Siebziger noch einmal durch. Mit ihren Wuschelfrisuren, Jeansjacken und Converse  wirkten die fünf dünnen Burschen als seien sie direkt von der Bühne des New Yorker CBGB´s herüberteleportiert worden.

Ihr Debüt „Is This It“ aus dem Jahr 2001 hat schon jetzt Klassiker-Status. Es bereitete sowohl in den USA als auch in England eine Neubelebung der Rockmusik vor. So wurden etwa die Kings of Leon anfangs als Southern Strokes gefeiert, die White Stripes fanden mit ihrer vierten Platte endlich Gehör und in London profitierten die Libertines von der Arbeit der Strokes.

Mittlerweile ist es still geworden um die Gruppe: Nachdem vor drei Jahren das wenig überzeugende dritte Album „First Impressions of Earth“ erschien war, gingen die Bandmitglieder mit Solo- und Nebenprojekte getrennte Wege. Nur vom zweiten Gitarristen Nick Valensi und von Julian Casablancas war kaum etwas zu hören.

Nun also bricht der Sänger sein Schweigen und veröffentlicht mit „Phrazes For The Young“ sein lang erwartetes und mehrmals verschobenens Solodebüt. Es besteht aus nur acht Titeln, die alle rund fünf Minuten lang sind. Leider kann Casablancas über diese Songlänge selten die Spannung halten. Das Album ist vollgestopft mit interessanten Ideen, die aber oft nicht zusammenpassen oder zu lang ausgewalzt werden. Man braucht viel Geduld, sich diesen ambitionierten oft ziellos wirkenden Mix aus Synthie-Pop und Art-Rock zu erschließen.

Symptomatisch ist „4 Chords of the Apocalypse“: Der Song beginnt als soulige Orgelnummer, die mit Schlagzeug und E-Gitarre angereichert wird. Im ersten Refrain verformt Casablancas das Ganze dann in ein wüstes Lärmen - eigentlich reizvoll, würde nicht eine hektisch in Ecke herumrotierende Drummachine total übertreiben. Das anschließende, halbminütige Schmock-Gitarrensolo stößt er den Song endgültig über die Kante. Auch die  hitverdächtige Single „11th Dimension“ verliert durch allerlei Zwischengeplänkel an Zug. Als schäme sich Casablancas dafür, dass der Song um einem simples Keyboard-Motiv herumgebaut ist, das stark an die Pet Shop Boys erinnert.

„Phrazes for the Young“ ist erfüllt von Julian Casablancas Freude,  endlich alles auszuprobieren, was mit den Strokes nicht ging. Er experimentiert mit Billigbeats und lässt die Keyboards fiepen. Dazwischen gibt es auch immer wieder typische Strokes-Gitarrenläufe, doch Casablancas ist offenbar nicht entgangen, dass die spannendsten Indiekünstler inzwischen mit Rock wenig zu tun haben. Folk, Disco, Dancehall, Balkanbeat und Afrobeat sind die derzeit prägenden Strömungen. Und aus Brooklyn - nicht aus Manhattan - kommen die heißesten Acts wie MGMT, Santogold, Yeasayer, Grizzly Bear oder Ratatat.

Wie ein trauriger Gruß hinüber zu den Folkies auf der andere Seite des East Rivers wirkt denn auch „Ludlow St.“, ein Abgesang auf die Lower East Side. Im torkeligen Waltzertakt beklagt Casablancas, dass die Yuppies die Gegend erobert haben und versucht, sie mit einem schrägen Banjo-Solo zu verscheuchen. Das ist mal eine Idee die gut aufgeht. Und vielleicht kann Casablancas, der im übrigen sehr gut bei Stimme ist, diesen Schwung ja hinüberretten in die Arbeiten am vierten Album der Strokes. Die Band könnte es gebrauchen.

„Phrazes For The Young“ ist bei RCA/Sony erschienen. Julian Casblancas spielt am 3.12. in der Maria am Ostbahnhof.

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