Neues Album : Kanye West: Luft raus und Synthies rein

Kanye Wests Musik ist weniger Hip-Hop, weniger R&B, sondern lupenreiner Alles-Pop. Auf seinem neuen Album "808s & Heartbreak“ beweist er, dass seine Modulationsfähigkeiten so begrenzt sind wie seine Raps.

Gerrit Bartels
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Neuer Weg, alter Weg. Kanye West.Foto: dpa

Man kennt diese Choreografie aus vielen Videos großer und nicht ganz so großer Hip-Hop-und R&B–Stars. Einsamer Mann, Typus Rapper oder Schmachtsirene, sinniert über die Schwierigkeiten und Fallstricke der Liebe, kann sich aber vor haufenweise um ihn herumtanzenden und herumzärtelnden Frauen nicht retten. Everything but the girl eben. Der Hip-Hop-Produzent Kanye West wäre nicht das, was er ist, nämlich einer der größten lebenden Superstars des Genres und noch größer, als es Puff Daddy in den neunziger Jahren war, würde er dieses immer gleiche Schema nicht zumindest in zwei, drei Stücke zerhauen.

Im Video zu seiner aktuellen Single „Love Lockdown“ sieht man auch ihn als – tatsächlich von seiner Freundin gerade verlassenen – einsamen Mann über die Schwierigkeiten und Fallstricke der Liebe sinnieren, Frauen jedoch bleiben außen vor. Stattdessen hat sich West ein paar als afrikanische Ureinwohner gestylte Menschen in sein Video geholt, die ihm in die Quere kommen, vor allem aber das von Trommelschlägen herrlich angetriebene und sofort in Stein und Bein gehende Stück illustrieren sollen. Das Wissen um seine Herkunft, die Demonstration seiner afrikanischen Wurzeln ist das Mindeste, das sich West bei allem ihm nicht fremden notorischen Statusgeprotze schuldig ist: als Sohn eines ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und einer – kürzlich verstorbenen – Universitätsdozentin, als langjähriger Freund des Chicagoer Conscious-Rappers Common und Ex-Student, der der Musik zuliebe seine akademische Laufbahn aufgab.

Von Jay-Z entdeckt und von diesem für vier Tracks seines Meisterwerks „The Blueprint“ engagiert, machte sich Kanye West zunächst als Produzent zahlreicher Hits von Alicia Keys bis Ludacris, von Talib Kweli bis eben Common einen Namen. Und wie das bei erfolgreichen Männern im Hintergrund so ist: Irgendwann wollen sie selbst vorne mitspielen, siehe Puff Daddy, Timbaland, Neptunes und, und, und. Mit „The College Dropout“ legte West 2004 gleich einen Meilenstein vor. Auf dem Album arbeitete er sich an seinem Studienabbruch und den unvermeidlich verständnislosen Fragen seiner bürgerlichen Umgebung gewissenhaft-humorvoll ab; und er breitete sein lexikalisches musikalisches Wissen aus und tat insbesondere eine Menge Soul von Chaka Khan bis Aretha Franklin in den Hip-Hop-Zerkleinerer.

Als begnadeter Rapper erwies er sich dabei nicht. Doch das machte bei der Menge der Gaststars nicht viel aus, zumal er in den folgenden Jahren mit „Late Registration“ und „Graduation“ (au ja, die Uni!) bewies, dass er keine Genrekonventionen zu erfüllen gewillt war, wovon Daft- Punk-Samples, Rockgitarren, Flying-Circus-Spielereien und dergleichen mehr zeugen. Kanye Wests Musik ist weniger Hip-Hop, weniger R&B, sondern lupenreiner Alles-Pop. Würde man seine Biografie nicht kennen, könnte man sagen: Er ist ein Popstar, der mit Hip-Hop genauso verfährt wie etwa die aus anderen Lebenszusammenhängen stammende Madonna. Als Zutat, weil es sich gut macht, weil der Markt ein großer ist.

Auf „808s & Heartbreak“, seinem neuen Album, singt West denn auch vorzugsweise – wenngleich seine Modulationsfähigkeiten so begrenzt sind wie seine Raps. Auf manchem Stück erwartet man nach seinen Gesangspassagen immer nur den Beat von „Love Lockdown“, und vor Enttäuschungen schützen dann nur Gastrapper wie Young Jeezy und Lil Wayne.

„Love Lockdown“ ist eins der Probleme dieses Albums, kein anderes Stück reicht an diesen Überhit heran. Ein anderes, schwerwiegenderes Problem hat mit dem fast willfährigen Einsatz von Synthies und Drumcomputern zu tun, die einige Stücke verwässern und so klingen, als stammten sie aus Plastikpop hits der achtziger Jahre. Da hilft kein Soul, kein Schlurfbeat, kein Streicher und auch kein wahrlich schönes und herzzerreißendes Schlussstück über das Leben Pinocchios, wenn Synthies und Roland-TR-808-Drumcomputer plötzlich zum Liebesersatz werden.

Kanye Wests „808s & Heartbreak“ ist bei Universal Music erschienen.

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