Neues Album : Kuscheln war gestern

Rock ist Religion: Mit dem Album „Accelerate“ kehren R.E.M zu ihren Wurzeln zurück

Gerrit Bartels
REM
Automatisch für die Leute: Die drei von REM -Foto: Warner

Es gehört zum guten Ton berühmter und halbberühmter Rockbands, sich im Lauf ihrer Karriere immer mal wieder neu zu erfinden, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Immer den gleichen Stiefel herunterspielen, das langweilt, das ist nicht kreativ, das ist keiner noch so eingefleischten Fangemeinde zuzumuten. Ist eine Band so lange zusammen, dass sie bald in Stones-Dimensionen vorstößt, so wie die seit 1981 existierenden R.E.M., dann finden solche Neufindungsprozesse in wiederkehrenden Zyklen statt.

Nachdem R.E.M. Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre mit ihren brav-wehmütigen Hit-Alben „Out Of Time“ und „Automatic For The People“ von einer anständigen amerikanischen Indieband aus Athens, Georgia, zu einer globalisierten Volksband wurden, waren sie sich und ihrer Musik ziemlich überdrüssig geworden und glaubten plötzlich, es sei an der Zeit, zurück zu den Wurzeln zu kehren und mal wieder so richtigen Rock zu spielen. Das Ergebnis hieß „Monster“, ein musikalischer Offenbarungseid. Ein Album, das mit seinem frisierten Übersteigerrock weder an die Vorgängeralben heranreichte, noch den Indie-Spirit aus der R.E.M-Frühzeit einfangen konnte. Das aber als eine Art Neustart in der Bandgeschichte gilt.

Fünfzehn Jahre später stellte sich die Lage der Band für die Herren Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills anscheinend ähnlich dar wie Mitte der neunziger Jahre. In Interviews verlautbarten sie in den letzten Monaten, bei den Aufnahmen zu „Around The Sun“, ihrem letzten Album aus dem Jahr 2004, eine gewisse Schlappheit an sich festgestellt zu haben. Ihr Fokus sei verloren gegangen, so Sänger Michael Stipe, sie hätten das Gefühl gehabt, nicht sie selbst zu sein, auch weil sie sich auf „Around The Sun“ zu ein paar elektronischen Mätzchen hinreißen ließen, wenngleich zu sehr dezenten.

Solches Unwohlsein hat natürlich seine komische Seite. Denn in der Großpopliga, in der R.E.M. sich inzwischen bewegen, ist das mit der Identität so eine Sache. Hier darf niemandem allzu sehr vor den Kopf gestoßen werden, hier gehört der Weichspüler mit in die Trommel, hier regiert die Quengelstimme von Michael Stipe, und fertig ist die Hitlaube. Risiko-Minimierung ist alles. Das ändert aber nichts daran, dass R.E.M. sich vor allem auf Betreiben ihres Gitarristen Peter Buck fest vorgenommen haben, es auf ihrem nächsten Album etwas intensiver krachen und rocken zu lassen.

Und tatsächlich: Das 14. reguläre R.E.M.-Studioalbum, dessen Songmaterial zunächst bei einer Sommerkonzertserie in Dublin live geprobt und dann von dem von U2 bis Bloc Party geliebten Produzenten Jacknife Lee in Vancouver und Dublin sehr umsichtig produziert wurde, trägt den bezeichnenden Titel „Accelerate“ (Beschleunigung) und ist für R.E.M.-Verhältnisse ein knackig-kerniges Rockalbum geworden und beileibe kein „Monster II“. Schon im ersten Song „Living Well Is The Best Revenge“ setzen die Eingangsakkorde von Bucks brummender Gitarre ein Zeichen, auf die ein Hochgeschwindigkeitssong folgt, den R.E.M. seit gefühlten zwanzig Jahren nicht mehr gespielt haben. So geht es nicht weiter. Doch was folgt, ist im Rahmen des vorgegebenen elektronikfreien und rocklastigeren Sounddesigns ein abwechslungsreiches Album. Da quält einen zwar gleich der auf das Eröffnungsstück folgende Song „Man-Sized Wreath“, weil er im Vergleich nicht recht von der Stelle kommen will und Rock als nervendes Schreckgespenst verkauft.

Da entwickeln sich aber nach und nach fast alle Songs, mit einem Schubidubidu von Stipe hier, einem dreistimmigen Männerchor dort, mit melancholischen Höhen genauso wie mit zornigen Tiefen. „Accelerate“ beweist die Songschreiber-Qualitäten von Stipe, Buck und Mills aufs Beste, von der ersten vorab ausgekoppelten Single „Supernatural Superserious“ über das Titelstück bis zu „Sing For The Submarine“. Und wenn sie dieses Album mit zwei Stücken beenden, die nahtlos an die Bummbratzstimmung des Eröffnungsstücks anschließen, beweisen sie nicht zuletzt ihr dramaturgisches Gespür.

Nun darf man sich dieses Album aber nicht als einen völligen Neuanfang vorstellen. Es ist vielmehr so, dass Mike Mills und Peter Buck die spürbare Dominanz von Michael Stipe auf den Vorgängeralben etwas zurückgedrängt haben – aus dem scheinbaren Soloprojekt von Stipe ist wieder ein richtiges Bandprojekt geworden. Dass der Sänger mit seiner mal schmachtenden, mal quengelnden, wie üblich mehr Leid ausdrückenden als fröhlich übersprudelnden Stimme diesem Album trotzdem einen Stempel verpasst, versteht sich von selbst, gerade auch, weil er sich für alle Texte verantwortlich zeigt. Mit ihnen bewegt er sich in den Grenzen der für sein Publikum überall auf der Welt erträglichen Wahrheiten.

Er mischt unter seine gewohnte Schwurbellyrik immer etwas Kulturpessimismus, so wie in dem fernsehkritischen „Man-Sized Wreath“, wo er singt: „Throw it on the fire, throw it in the air.“ Er kritisiert in „Houston“ das Versagen der amerikanischen Regierung nach der „Katrina“-Katastrophe („If the storm doesn’t kill me, the government will“) und zeigt sich in „Supernatural superserious“ als Teenager-Versteher („No one cares/If your fantasies are/dressed up in travesties/enjoy yourself with no regrets“). Und im Schlussstück gibt er den Lordsiegelbewahrer des guten alten Vinyls: „If death is pretty final/I’m collecting vinyl/I’m gonna DJ at the end of the world“.

Man muss da nicht so weit gehen wie einst der böse Iggy Pop, der sagte: „P.C., das ist für mich Michael Stipe. Leute, die auf bestimmten Ansichten eine Karriere aufbauen.“ Doch man kann getrost sagen, dass Stipe mit seiner Art von Kulturkritik offene Türen einrennt, dass sie kaum wirklich jemandem wehtut, geschweige denn auf R.E.M. zurückfällt, sich aber immer gut macht und selbst noch von hartleibigsten, mit den Hits der achtziger und neunziger Jahre dauer- und weichgekochten Radiohörern kopfnickend goutiert werden kann.

So vermitteln R.E.M. auch mit „Accelerate“, dass sie doch ein klein wenig mehr sind als eine erfolgreiche, überlebensgroße Rock’n’Roll-Band, sondern sie weiterhin Verweigerungshaltungen zu artikulieren in der Lage sind, so durchschaubar diese sein mögen. R.E.M. sind die Konsensrockband für die Konsensgesellschaften dieser Welt, mit deren Protestpotenzial sich gut leben lässt. Und mit deren Musik sich umso besser leben lässt, desto energischer immer mal wieder getan wird, als würde die Richtung entscheidend geändert.

R.E.M.: „Accelerate“ (Warner)

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