Neues Album : Lily Allen: Du darfst

Essen, Drogen, Sex: Internet-Prinzessin Lily Allen und ihr zweites Album.

Elena Senft
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Popstar. Lily Allen weiß genau, wovon sie singt.Foto: promo

Lily Allen weiß genau, wovon sie singt: „I am a weapon of massive consumption“, sagt die 23-jährige Britin über ihren Status als Popstar. Dafür, heißt es weiter, reiche es, sich auszuziehen und danebenzubenehmen. „I look at ,The Sun’, and I look in ,The Mirror’/ I’m on the right track, yeah we’re on to a winner.“ Trotzdem ist diese Selbstverherrlichung mit „The Fear“ überschrieben, denn ganz geheuer ist der Sängerin ihr Aufstieg zum It-Girl nicht, eine Rolle, die ihr angeblich sogar verhasst ist. Die Single kletterte als Vorbote ihres Albums „It’s not me, it’s you“ sofort auf Platz eins der britischen Charts und macht Lily Allen noch mehr zu dem, was sie schon ist: zum Idol eines New Ladyism, der das trunksüchtige, vulgär-proletarische und als Ladism in die Popgeschichte eingegangene Gebaren von Raufbolden wie den Gallagher-Brüdern nun auf die weibliche englische Mittelklasse überträgt.

Als respektlose Göre und Rummelstielzchen der Nation hat Lily Allen ihre Karriere im Bermudadreieck von Ruhm, Drogen und Internet begonnen. Was sie groß macht, droht sie auch zu verschlingen. Daher die Angst. Ihre Geschichte ist schnell erzählt. Ein großmäuliger Londoner Teenager mit großen, runden Augen, der gern Petticoat-Kleider, Haarreifen mit Schleife und Glitzerballerinas trägt, beweist 2006, dass MySpace funktioniert. Lily Allen hat einen Laptop, viel Zeit und jede Menge Befindlichkeiten: Sie ärgert sich über den fiesen Exfreund, ihr kiffender Bruder nervt und sie findet es blöd, dass sie nie ohne schlechtes Gewissen Spaghetti essen kann. Darüber schreibt sie Lieder und veröffentlicht sie auf ihrer MySpace-Seite. Das Lied „Smile“ macht sie berühmt. Mehrere zehntausend Besucher auf ihrer Seite, abertausende Downloads der Lieder, ihr erstes Album „Alright, still“ verkaufte sich weltweit über 2,5 Millionen Mal.

Dass Lily Allen den Plattenvertrag mit dem englischen Traditionshaus EMI bereits vor ihrer MySpace-Karriere in der Tasche hatte und dass ihr berühmter Vater, Schauspieler Keith Allen, im Hintergrund die Fäden zog, wird in der Cinderella-Geschichte oft weggelassen. Sie bleibt für immer das Mädchen, das im Internet berühmt geworden ist, das Aushängeschild der MySpace-Generation, das der späteren Serienfertigung von MySpace-Stars den Weg gewiesen hat.

Lily Allen traf einen Nerv. In ihr konnten sich all die jungen Dinger wiedererkennen, die ohne romantische Ideale durchs Leben gehen, die im Partyleben herumhüpfen, deren Eltern sich vielleicht ebenfalls getrennt haben, die wie ihre Heldin von jeder Schule flogen, Psychotherapien hinter sich haben, die sich theoretisch vielleicht zu benehmen wissen, aber einfach keine Lust darauf haben. Für ein „Bad Girl“ sieht Lily Allen zu unschuldig und süß aus. Gleichzeitig kann sie rülpsen wie ein Brauereiwirt. Weil „Smile“ so poppig-fröhlich klang, ließ man ihr durchgehen, dass es sich in Wirklichkeit um einen düsteren Song über den Rachefeldzug einer Frau handelte, die sich darüber amüsiert, wie das Leben ihres Ex-Freundes gnadenlos den Bach runtergeht. Dieser offensichtliche Mangel an Moralität katapultierte Allen in die Liga jener verruchten Celebrity- Größen, die berühmt sind, weil sie in jeder Klatschspalte auftauchen, sich schon wieder danebenbenommen haben und sich nie dafür entschuldigen. Sie heißen Lindsay Lohan, Amy Winehouse und Kelly Osbourne.

Aber Lily Allen hat auch Talent. Ihr zweites Album „It’s not me, it’s you“ klingt wieder fröhlich-eingängig und behandelt Themen so schonungslos intim, dass man hinter allem Lily Allen selbst vermutet. Entstanden ist das Sittenbild einer gelangweilten, Prozac schluckenden Jugend am Rande des Nervenzusammenbruchs. Lakonisch und unaufgeregt besingt Allen den Drogenkonsum ihrer Altersgenossen („Everyone’s at it“) und über Party-Exzesse. Sie beklagt, dass ihr Freund – ansonsten perfekt – im Bett immer zu früh kommt und nennt das Lied „Not Fair“. Das ist ihre Spezialität: gemeine Lieder, verziert mit rosarotem Schleifchen.

Lily Allen macht auch sonst all das, was ein hübscher weiblicher Jungstar eigentlich nicht darf: Sie ist ohne Anstand, ihre Liebhaber sind viel zu alt, manchmal wiegt sie fünf Kilo zu viel, sie muss regelmäßig aus den Clubs getragen werden. Auf einer Londoner Preisverleihung im letzten Jahr betrank sie sich. Als sie als Laudatorin auf die Bühne torkelte, sagte sie, sie würde also nun zum „wichtigen Teil des Abends“ kommen. Elton John fragte daraufhin ironisch: „Wie? Willst du noch einen Drink nehmen?“. Allens Antwort lautete „Fuck you, Elton. Ich bin 40 Jahre jünger und habe mein ganzes Leben noch vor mir.“ Trotzdem scheint an ihr das Alter schon zu nagen. Mit „22“ hat sie jetzt einen Song im Repertoire über die Verzweiflung, dass das Leben beinahe schon wieder vorüber ist.

Lily Allen wirkt gänzlich unbeeindruckt von der Promi-Welt. Sie ist immer wirklich Lily Allen. Wie im Lied „Chinese“, einer melancholischen Pop-Ballade, in der sie sich danach sehnt, mit ihrem Freund und chinesischem Fastfood vor dem Fernseher zu sitzen. Oder in „He Wasn’t There“, das von ihrem Leben als Scheidungskind erzählt. Dann wiederum heißt ein Stück schlicht „Fuck You“. Es kehrt das streitlustige Biest in ihr hervor, das Präsidenten Bush ein beherztes „Please don’t stay in touch“ hinterher ruft.

Von Lily Allens Streitlust konnte man sich auch Anfang des Jahres überzeugen, nachdem mit der Amerikanerin Katy Perry („I Kissed a Girl“) eine ziemlich exakte Image-Kopie ihrer selbst aufgetaucht ist. In einem Interview beschrieb sich Perry als eine dickere Version von Amy Winehouse und eine dünnere von Lily Allen. Das saß. Sie reagierte prompt, schloss sich bei Facebook der Gruppe „I hate Katy Perry“ an und drohte, Perrys Handynummer im Internet zu veröffentlichen. Internet ist schließlich ihr Medium.

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