Neues Album : Ohrbooten: Pop von unten

Es war ein Aufstieg vom Rinnstein-Ensemble zur Hitparaden-Band: "Gyp Hop“ – das neue Album der Ohrbooten zeugt aber leider von Ideenlosigkeit.

Kai Müller

Es gibt für Musiker keine härtere Schule als die Straße – unwilliges Publikum, überall Lärm und zu wenig Geld im Hut. Obwohl es schlimmere Ecken geben dürfte als den Boxhagener Platz, erschien der Aufstieg der Ohrbooten vom Rinnstein-Ensemble zur Hitparaden-Band genau wie die Tellerwäschergeschichte, die sich Berlin ersehnte. So wie die Hoffnung auf den Straßenfußballer die deutschen Sehnsüchte nach einer raffinierteren Spielkultur nährten, stand der Gossenvagabund für eine Revitalisierung erstarrter Muster und Stile. Pop von unten, das war attraktiv in einer posttechnoiden Phase, in der die Clubkultur siechte.

Doch der Gassenhauer-Ansatz hat seine Tücken, und die am wenigsten erträgliche ist seine Verspieltheit. Auch auf dem nunmehr dritten Album von Sänger Ben, Gitarrist Matze, Noordt an den Keyboards und Schlagzeuger Onkel findet so recht nichts zueinander. Da werden Songs, Beats und harmonische Kniffe mit einer Dickhäutigkeit zugetextet, dass es schmerzt. Man soll so viel verstehen, aber das meiste ist unverständliches Zeug ohne jedes Bewusstsein dafür, was ein Lied ausdrücken könnte. Einen schönen Beat gefunden zu haben, reicht offenbar. So klöppelt sich die Gruppe leichtgewichtig durch formatierte Rhythmen. Immer, wenn ein Song auf den Punkt kommen müsste, setzt er mindestens drei.

Dabei ist die Anlage dieser Band ein Pfund. „Gyp Hop“ nennen die Ohrbooten ihren bastardisierten Stil, der sich nach eigenen Worten aus sämtlichen Quellen zwischen dem Reggae Bob Marleys und dem Metal-Rock von Slipknot speist. Im Sound ist deutlich das Geräuschpanorama Berlins erkennbar: Polka-Hektik, Rap-Reime und arabische Ornamente vermitteln ein Gefühl für das kulturelle Durcheinander. Aber nicht nur, dass die Ohrbooten ihr am Freitag erscheinendes Werk ebenfalls „Gyp Hop“ (JKP/Warner) betiteln, zeugt von Ideenlosigkeit. Kein Refrain bleibt im Ohr, und Songs über Aliens, Superman oder einen Straßenmusiker, der über’s Leben angeblich Bescheid weiß, sind einfach nur geschwätzig. Ein Jammer, aber auch Straßenfußballer pflegen sich im Strafraum zu verdribbeln. 

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