Neues Album : Olli Schulz: Mach den Bibo

Knuffiger Deutschrock: Olli Schulz’ neues Album "Es brennt so schön" wurde in Hamburg und in seiner Wahlheimat Berlin eingespielt.

Kai Müller
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Hund sucht Fahrrad. Olli Schulz.Foto: Ben Wolf

Er hat sich lange genug in Tourbussen, Garderoben und backstage herumgedrückt, um die richtigen Leute zu kennen. Jahrelang verdingte sich Olli Schulz als Roadie, reichte befreundeten Rockmusikern die gestimmten Gitarren an, stand als Sicherheitsmann an den Absperrungen. Um eine witzige Bemerkung nie verlegen. Dass er auch eigene Lieder schrieb, wusste jeder. Doch erst Marcus Wiebusch, Frontmann der Hamburger Band Kettcar und damals junger Labelgründer, drängte den groß gewachsenen Musiknarr in die Singer/Songwriter-Karriere. Mit seinem musikalischen Partner Max Schröder, der sich der Hund Marie nannte, nahm er drei Alben auf, die seinen Ruf ständig mehrten.

Nun erscheint „Es brennt so schön“, sein erstes richtiges Solowerk, weil Schröder als festes Tomte-Mitglied keine Zeit mehr fand. Es hätte nahe gelegen, sich nach diesem Aderlass vollends zum Folk- Sänger zu wandeln, der an seiner Gitarre traurige Weltbeobachtungen intoniert. Doch Schulz kennt die richtigen Leute. Jedenfalls, wenn es darum geht, keine Band zu gründen. Produzent Moses Schneider ist dafür viel zu beschäftigt. Der Berliner Kopf des Transporterraum-Studios formte um Schulz herum eine Sessionband, bei der er selbst Bass spielte und sein Kompagnon Ben Lauber am Schlagzeug saß. Sie sind bekannt dafür, Musik live einzuspielen, also als Rausch und ohne wenn und aber zu erleben. Leise geht das nicht.

Beinahe unvermeidlich, dass Olli Schulz’ Musik sich vom früheren Fingerpicking-Sound löst und in härtere Gefilde vorstößt. Ein nervös pulsierender Vierviertel-Beat, eine vorpreschende Piano- Figur und das atemlose Gestammel vom Ärger, der gut ankommt in einer Stadt, „wo keiner etwas tut“. Das ist urbane Frustprosa, die in der Erkenntnis gipfelt: „Die Guten, die bluten, weil die Schlechten sie knechten und der Rest hält sich da raus.“ Die Desillusionierung ist weit gediehen, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Liegt es daran, dass man dem knuffigen Burschen seine große Weltverwerfungsgeste nicht abnimmt? „Ab jetzt tut’s nur noch weh“, lautet die Parole, die als flatterndes Banner im Luftstrom wegblasender Rock-Melodien hängt.

Das hörte sich 2005 noch ganz anders an. Da steckte Schulz Tiefschläge wacker weg. „Ich habe keine Zeit zu bluten“, sang er, „und ich habe keinen Platz für Wunden/ Während ihr die Schmerzen sucht/ Hab’ ich Glück gefunden.“ Das passte besser zu dem abgerüsteten Ego-Trip eines sympathischen Schlunz’. Gerne hörte man bei Auftritten seinen ausschweifend-pointierten Berichten über Hundebesitzer – er selbst ist auch einer – und Gitarrenverkäufer zu, die vor dem Kunden mit Thin-Lizzy-Riffs auftrumpfen. Das kleine Glück, der kleine gekonnte Moment, die verzeihliche Macke, sie fanden in den schlichten, ironischen Songs dieses Entertainers und „Bettmenschen“ – so ein Songtitel – ihren natürlichen Hallraum. Leider hat ihm das selbst nicht genügt.

Er sei letztes Jahr „ganz schön genervt“ gewesen, erklärt Olli Schulz sein Bedürfnis nach rockigeren Tönen. „Ich musste von irgendwelchen Leuten hören, dass ich es jetzt endlich schaffen müsse. Ich hab das Gefühl, dass bei allen Menschen ab einem gewissen Alter ein unglaublicher Druck entsteht.“ Früher hat er diesen Druck ignoriert, jetzt will er ihn musikalisch brechen und macht Deutschrock. Dabei geht das Wertvollste verloren, das er hat: seine Bartleby-mäßige Lässigkeit.

Stattdessen plustern sich seine Songs zu gewaltigen Lärmwänden auf. Da schäumen die Becken, krachen die E-Gitarren. In dem mitreißend verwehten „So lange einsam“ stimmt eigentlich alles, abgesehen vom unverhohlenen Pathos, das sich an Zeilen aufrichtet wie „Man ist so lange einsam, bis man lernt allein zu sein“. Die um etliche Begleitmusiker verstärkte Studioband treibt sich immer furioser in den Verzweiflungssound hinein, aber Schulz hält diesem Druck nicht stand. Es mangelt ihm an der nötigen Kälte und dem Glauben an die eigene Großartigkeit. Auch „Ewig Leben“, dem Triumphgeheul von Oasis nacheifernd, bleibt eine blasse Exkursion. Überhaupt kommt Schulz ständig in die Quere, dass er ein brennendes Kämpfen insinuiert, es aber gar nicht ernst meint. Rockmusik ist da die falsche Gewichtsklasse. Ganz bei sich ist Schulz deshalb mit der Party-Kracher-Satire „Mach den Bibo“. Das ist großer, hirnrissiger Spott.

- Olli Schulz’ „Es brennt so schön“ erscheint am Freitag bei Columbia

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