Neues Album : Peaches: Heiß mit Sahne

Mehr Madonna als Madonna: „I feel Cream“ ist das bislang beste Album der Sängerin Peaches.

Kai Müller
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Peaches.Foto: promo

Eine Frau, die rappt. Eine Frau, die ihre Dauerrede mit unflätigen Bemerkungen spickt und im superknappen Höschen mit aufgenähtem Scham-Pelz die Beine spreizt. Sie rasiert sich nicht unter den Achseln und schnallt sich gelegentlich einen Dildo um. Eine Frau, die fordert: „Fuck your pain away!“ Ihr Sound, der bald Electro-Clash genannt werden wird, verbindet ab 2000 House-Beats mit AC/DC-Gitarren und beansprucht das Macho-Terrain der Nacht-Klubs und Striplokale für die Frau, die es in Songs ständig irgendwem irgendwie besorgt. Wie viel Porno und Pop gemein haben, ist seit „The Teaches of Peaches“, ihrem Debüt, kein Geheimnis mehr. Als Sex-Figur wird diese Frau zur Berliner Underground- Queen, zur einzigen, die diese Stadt hervorgebracht hat, wie manche meinen.

Aber was folgt aus dem schrillen, übersteuerten Gebaren? Nicht unbedingt ein gutes nächstes Album. Oder auch nur die Weiterentwicklung dieser Figur, die männlicher als die Männer auftritt, um jegliche Geschlechterzuordnung zu hintertreiben – „Boys Wanna Be Her“ lautet ein Song. Denn die sexualmetaphorische Aufladung von Peaches’ Musik kommt einem nach drei aggressiven, punkigen Elektro-Alben fürchterlich aufgesetzt vor.

Wie überhaupt eine ganze Reihe Musiker aus der mittlerweile zerstreuten kanadischen Berlin-Clique um Peaches und Gonzales die hiesige Szene mit ihrem Kunst-Konzept aufmischten und glaubten, mit der einmal zugelegten Masche eine ganze Weile auszukommen. Doch schon mit „Impeach my Bush“ (2006) versuchte Peaches – in Maßen –, ihren hitzigen Geschlechterdiskurs an politisch offensichtlichere Ebenen anzukoppeln. Nun ist Peaches die Subkultur nicht mehr genug. „I dined and dashed on electroclash“, singt sie im Auftaktstück ihres am Samstag erscheinenden vierten Albums „I feel Cream“, „I snatched that cash und rise from the ash.“ Was so viel heißt wie: Da hat sie abgesahnt, damit ist sie fertig.

Wie ermüdend es ist, im Posengewimmel des MySpace-Zeitalters als besonders krass und ausgebufft rüberzukommen, beschreibt Peaches nicht. Sie lobt sich vielmehr dafür, den alten Caesarenspruch, teile dich selbst und herrsche, beherzigt und stets sämtlichen Stigmatisierungsbemühungen entwischt zu sein. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn stigmatisiert hat die ehemalige Erzieherin Merrill Beth Nisker sich selbst. Ihre Platten waren immer kraftvoll, aber nicht gut. Zum ersten mal klingt mit „I feel Cream“ ein Album der Musikerin nicht mehr wie ein billiges, trotzig schepperndes Beiprodukt zur Selbststilisierung als Bitch – positive Umdeutung inbegriffen. Es ist eine richtig famose, raffiniert zugespitzte Pop-Platte entstanden, die überhaupt erstmals die stilistische Bandbreite der 40-Jährigen offen legt. Da ballern die Bässe, bratzen Synthesizer, es bollert und ist doch zuweilen sämig genug, um die Einflüsse des aktuellen Achtziger- Pop-Revivals nicht zu verhehlen. „I feel Cream“ zeigt Peaches wieder auf der Höhe ihrer Zeit, doch diesmal ist die Musik stärker als die Pose, zu der sie den Soundtrack liefert.

Zur Frau, die ihre intime Seite entdeckt und Persönliches preisgibt, wird Peaches darüber nicht. Ihr Kunstverstand ist nur größer geworden. So stattet sie eine durchaus aufrichtige Zeile wie „I don’t wanna loose you“ mit der kühlen Noblesse der Disco-Prinzessin aus. Verzweiflung und Zärtlichkeit gefrieren im Trockeneisnebel. Die Tanzfläche ist ohnehin Peaches’ wichtigste Referenz. Sound-Splitter aus dem Techno-Universum schwirren durch Songs wie „More“, „Show Stopper“ und den Titeltrack, die sich wie Kommentare auf die Clubszene anhören und die Rolle, die Peaches darin spielt („Never mind my age/ It’s like I’m breaking out of a cage“). An manchen Stücken haben denn auch namhafte DJ-Produzenten wie SMD, Digitalism und Soulwax herumgeschraubt und für die entsprechenden Zeitgeistanteile gesorgt.

Aber es ist nicht deren Verdienst, dass „I feel Cream“ das Madonna-Album ist, das Madonna nie hinkriegen wird. Peaches allein – mit gelegentlichen Einflüsterungen ihres Weggefährten Gonzales – singt Hymnen auf das Fieber, die Enge und den Schweiß des Nachtlebens.

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