Neues Album : Peter Gabriel: Herz der Lieder

„Scratch my back“, Peter Gabriels neues Album, hält statt neuer Songs ein Dutzend Coverversionen bereit. Ein Verlegenheitsprojekt ist es dennoch nicht.

Jörg W,er
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Charismatiker. Vor wenigen Tagen ist Gabriel 60 Jahre alt geworden. -Foto: p-a/ dpa

Wäre es nicht wunderbar, mit Mitte dreißig nie mehr arbeiten zu müssen? Nur noch das zu machen, worauf man wirklich Lust hat? Für Peter Gabriel wurde dieser Traum 1986 wahr, als er mit seinem fünften Soloalbum „So“ einen Monsterhit landete. Fünf Millionen verkaufte Platten allein in den USA, das reichte damals noch, um ein für allemal ausgesorgt zu haben. Sofern man klug genug war, den Tantiemenregen nicht für standesgemäße Rockstar-Exzesse rauszuhauen.

Knapp 25 Jahre später kann man konstatieren, dass Peter Gabriel die Chance genutzt hat. Zu seinem 60. Geburtstag, den er am Samstag feierte, bringt der Meister mit „Scratch my Back“ (Real World/EMI) mal wieder eine Platte raus – es ist erst das dritte reguläre Album seit „So“. Auf der faulen Haut gelegen hat der einstige Sänger der Progrock-Helden Genesis indes nicht: Neben zahlreichen organisatorischen Projekten widmete sich Gabriel seinem auf Weltmusik spezialisierten Plattenlabel und dem Ausbau der Real World Studios. Das ländliche Refugium im südenglischen Wiltshire, idyllisch eingerichtet in einer umgebauten Wassermühle, wird regelmäßig von Kollegen wie Shirley Bassey, Oasis, Tom Jones, New Order oder der unlängst wieder aufgetauchten Sade gebucht.

Ob „Scratch my Back“ ähnlichen Wirbel auslöst wie Sades Comeback, bleibt abzuwarten. Statt neuer Songs gibt es ein Dutzend Coverversionen. Nicht gerade ein bahnbrechender Ansatz, nachdem so ziemlich jeder von Johnny Cash bis Nena mit Aufnahmen fremder Stücke ein Publikum zu gewinnen suchte. Doch dies ist kein Verlegenheitsprojekt, mit dem ein ins Abseits geratener Musiker um Aufmerksamkeit buhlt. Peter Gabriel drückt den sorgfältig ausgewählten Originalen von Künstlern wie Talking Heads, Arcade Fire, Radiohead oder Lou Reed nicht nur unmissverständlich seinen interpretatorischen Stempel auf. Er legt in vielen Fällen Deutungsschichten frei, die man den Vorlagen kaum anhören konnte. So wird gleich zu Beginn David Bowies „Heroes“ mit kathartischer Illusionslosigkeit als genau die zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte dargeboten, die in der Wave-Hymne vom aufrüttelnden Sirenengeheul übertönt wurde.

Gabriel verzichtet konsequent auf das elektrifizierte Instrumentarium der Popmusik: keine E-Gitarren, kein Schlagzeug, keine Synthesizer. Stattdessen lässt er sich von dem Neuseeländer John Metcalfe klassische Arrangements zwischen kammermusikalischer Strenge und sinfonischer Üppigkeit maßschneidern. Mit seiner technisch nicht überragenden, aber charismatischen Stimme taucht er tief in das Herz der Lieder ein, wobei er ihnen durch Reduktion auf die melodische Struktur und den poetischen Gehalt eine existenzielle Dringlichkeit verleiht. Natürlich werfen die Originale lange Schatten, zumal sich Gabriel an unbestrittene Meisterwerke wagt. Und doch sind es gerade die ganz großen Stücke wie Paul Simons „The Boy in the Bubble“, Neil Youngs „Philadelphia“ oder Randy Newmans „I think it’s going to rain today“, die durch seine Bearbeitung neue Facetten gewinnen.

In den besten Momenten erreicht „Scratch my Back“ das Format von Johnny Cashs erschütternden „American Recordings“. Manchmal aber wird den Originalen unnötig Gewalt angetan, etwa wenn das eigentlich betörend zarte „Flume“ von Bon Iver mit orchestralem Pomp zum viel zu lauten Drama aufgebauscht wird.

Aber falls sich hier jemand ungerecht behandelt fühlt, besteht ja die Möglichkeit zur Revanche: „Scratch my Back“ ist der erste Teil eines symbiotischen Projekts, dessen zweiter „I’ll scratch yours“ heißt und im Herbst erscheint. Dann nehmen sich die gecoverten Künstler im Gegenzug Stücke von Peter Gabriel vor. Hoffentlich mit vielen spannenden Resultaten wie der Magnetic-Fields-Version von „Not one of us“, die das Stück, so Gabriel, in eine „Schwulen-Hymne im Electro- Disco-Stil“ transformiert haben. Das will man hören.Jörg Wunder

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