Neues Album : Robbie Williams: Groß zu sein, bedarf es wenig

Abgesang auf das goldene Zeitalter des Pop: Robbie Williams’ Comeback-Album „Reality Killed the Video Star“.

Kai Müller
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Very british. Robbie Williams ist nach England heimgekehrt. Foto: EMI

Wie viel Zeit er bereits darauf verwendet hat, nicht der zu sein, der er ist. Und das mit 35. So alt ist Robbie Williams nämlich erst. Man ist geneigt, es zu vergessen angesichts des langen Vorlebenregisters: Mit drei gewann er seinen ersten Talentwettbewerb auf der Treppe, die von seinem Kinderzimmer in den elterlichen Pub hinabführte, wo die Gäste begeistert den Showeinlagen des Knaben folgten. Der wollte nur nicht ins Bett. Aber er machte was Großes draus. So ging es immer weiter. In der Pubertät mit der Boygroup Take That in den Teenie-Olymp emporgestiegen, startete er seinen Alleingang als jemand, der sich für nichts zu schade war, aber ohne eine genauere Vorstellung davon, welche Musik er machen wollte. Er verkleidete sich als Frank Sinatra oder er wollte vulgärer sein als die Erfinder des britischen Ladism-Rock Oasis. Dann suchte er im Bollersound der Clubkultur Zuflucht. Aber sehr oft zeigte sich auch auf den Ab- und Irrwegen, wie viel Robbie Williams in Robbie Williams steckt.

Als Popfigur hat sich der britische Sänger kaum nachdrücklich ins kollektive Bewusstsein eingraviert. Die Menschen lieben ihn für Songs wie „Feel“ und „Angel“, und dass er es noch einmal mit der größten aller Herausforderungen aufgenommen hat – ein Megastar zu sein. Dabei handelt es sich bei seiner Bilderbuchkarriere auch um einen Bildungsroman. Ein Mann auf dem Weg zu sich selbst.

„Don’t call it a comeback“, singt er nun in Anspielung auf die dreijährige Pause, die der morgigen Veröffentlichung seines achten Studioalbums vorausgegangen ist, und er rät: „Look what I invented here“. Eine Neuerfindung seiner Persona ist es nicht. Vielmehr macht den Reiz von „Reality Killed the Video Star“ aus, dass es in williamstypischer Klassizität und Zeitlosigkeit daherkommt, die ihn als Solokünstler von jeher viel älter machte, als er war. „Old Before I Die“, sang er früher schon. Das ist die Formel, nach der das Robbie- Williams-Universum funktioniert. Wenn es denn funktioniert und nicht von ihm selbst durch rebellische Störgeräusche torpediert wird wie zu letzt mit dem verunglückten Elektro-Experiment „Rudebox“.

Diesmal funktioniert es. Das Album, für dessen Cover sich der Sänger in der Pose Steve McQueens auf einem Crossmotorrad fotografieren ließ, ist das beste, was er seit „Escapology“ (2002) hervorgebracht hat. Zugegeben, die Messlatte liegt damit nicht besonders hoch. Doch die kräuselnden Gefilde der Powerballade, in denen es Williams mit einem ganzen Streichorchester aufnimmt, zeigen ihn vermutlich auf der Höhe seines Könnens. Glanzvoller, hipper wird er es wohl nicht hinkriegen, das große Gefühl. Was ihm selbst dämmert. So verrät er dem „Rolling Stone“-Magazin, dass er stets versuche, eine „perfekte Platte“ zu machen. „Ich komme allmählich zu der Erkenntnis, dass ich dazu nicht in der Lage bin.“

Ein Hauch von Disney legt sich über die Szene, wenn Williams in „Blasphemy“ seine Liebe mit den ägyptischen Pyramiden oder dem römischen Imperium vergleicht. Aber das ist genau der sympathische, ironisch zugespitzte Größenwahn, der seine rührseligen Balladen erträglich macht, weil die Fallhöhe stets mitgedacht wird. „What’s so great about the great depression“, heißt es da. Unverkennbar ist die Handschrift von Guy Chambers in diesem Song, jenes Autors, dem das Projekt Robbie Williams seine Erfolge verdankt. Nach „Escapology“ trennten sich ihre Wege. „Blasphemy“ fand damals keine Verwendung.

Trotzdem fügt es sich jetzt nahtlos ein in einen Songreigen, der unter der Regie von Achtziger-Jahre-Guru Trevor Horn all die disparaten Stile und Ideen bündelt. Schon der Opener „Morning Sun“ verspricht Breitwandkino mit säuselnder Mundharmonika, Vogelgezwitscher und einem Morgenhimmel voller Geigen. Als Nachruf auf Michael Jackson gedacht, jammert Robbie Williams, dass ihm der Appetit abhanden gekommen sei, denn er sagt sich, „the world don’t love you anymore“. Das ist der Stoff für eine üppig instrumentierte Verzweiflungsballade. Der auf sich selbst zurückgeworfene Star ist noch immer Williams’ Lieblingsthema. „I can’t help thinking about me“, greift er es in „Superblind“ wieder auf, „put a thought in for me / I’m the genuis behind me / Maybe I shouldn’t have said it.“ Dazu puckert ein Bass, wie aus dem Nichts wallt der Song zur mächtigen Hymne auf.

Was Robbie Williams über sich selbst zu sagen hat, ist auch diesmal interessanter als die in Liebesliedern verschenkte Anbetung anderer. Aber man ist ja automatisch darauf gepolt, Songs wie das sanft-soulige „Starstruck“, die metallisch- stampfende Disko-Nummer „Difficult For Weirdos“, die auch von den Pet Shop Boys geschrieben worden sein könnte, sowie „Bodies“ über den Körperkult und „Last Days of Disco“ als Bestandsaufnahmen der eigenen Geltung zu hören. Wobei Letzteres ein unverhohlener Abgesang auf das goldene Zeitalter des Pop ist.

Das ewige Los des vormaligen Castingstars Robbie Williams ist sein Selbstvergewisserungszwang. Doch Maskeraden und Kostüme, die sein jugendliches Alter kaschieren, stehen ihm besser als die Pose des Schmerzensmanns. Deshalb ist sein Verhältnis zur den Achtzigern, denen er eigens einen Song widmete und die er erneut exzessiv zitiert, auch ein gestörtes. Der demonstrative Eskapismus in hedonistische Scheinwelten gilt ihm nicht als letzter Ausweg. Vor welcher Tristesse sollte er auch fliehen wollen als dem Eingeständnis, dass er über die Welt nichts zu sagen weiß?

In den glatten Synthesizer-Wolken, mit denen Trevor Horn als Produzent von den Buggles („Video Killed The Radio Star“), Frankie Goes To Hollywood und etlichen anderen das abgekühlte Dekadengefühl der Achtziger geprägt hat und nun auch „Reality Killed the Video Star“ ausstattet, schwingt eine falsche Sehnsucht mit. Nach einem Restglanz des Pop, der im digitalen Fegefeuer zu verglimmen droht. Stars wie Robbie Williams, auf die sich alle einigen können, wird es nicht mehr geben. Schade nur, dass sein Album auch genau so klingt.

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