Neues Album : Silbermond: Flexibel bleiben

Gemeinsam anders: Silbermond und ihr neues Album „Nichts passiert“.

Kolja Reichert
265056_0_07b4e524.jpg Foto: Sony Music
Wir sind für euch da. Thomas Stolle, Stefanie Kloß, Andreas Nowak und Johannes Stolle bilden Silbermond.Foto: Sony Music

Seine Anfänge als Bassist machte der Schreiber dieser Zeilen bei Ten Sing, einer christlichen Jugendmusikvereinigung. Das machten in meiner Kleinstadt alle so. Wenn man nett war und die anderen nicht beim Beten störte, konnte man sich musikalisch einigermaßen verwirklichen. Man konnte etwa Songs vorschlagen, die bei Konzerten mit großem Chor aufgeführt werden sollten. Ich schlug „Space Lord“ von Monster Magnet vor, eine Teufelshymne mit kirchenspaltender Kraft. Das ging okay, man musste nur statt „zerteile die Welt“ „vereine die Welt“ singen, und schon war die Energie der Gegenkultur eingebettet in gemeinschaftsstiftende Aufbruchsstimmung.

Rock war mal da, um zu spalten. Er wollte das Publikum unterteilen in die, die mitkönnen und die, die nicht mitkönnen. Auf den Druckwellen der Gitarren flog man über die anderen hinweg. In Abwandlung des Slogans eines Pastillenherstellers: Ist es zu hart, bist du zu schwach. Doch diese Kraft stiftet auch Gemeinschaft, und in der richtigen Potenzierung schließt sie niemanden mehr aus.

Beispielhaft demonstrieren das Silbermond, die soeben mit „Nichts passiert“ ihr drittes Album vorlegten und mit der Single „Irgendwas bleibt“ ganz vorne in den Charts stehen. Manche gönnen das den Mittzwanzigern aus Bautzen nicht. Dabei sind sie durch harte, ehrliche Arbeit nach oben gekommen. Kalkuliert, weichgewaschen, austauschbar – man könnte Silbermond manches vorwerfen. Aber wenn man es mit einer der derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands zu tun hat, die zudem mit „Symphonie“ in der Version von Sarah Brightman einen internationalen Hit landete, ist die Frage, ob die Musik gut oder schlecht ist, nicht interessant. Wichtiger ist, warum sie so ungemein gut funktioniert.

Und da kommt wieder Ten Sing ins Spiel. Dort begannen auch Silbermond, in einem Umfeld, in dem Musik in erster Linie ein Mittel ist, um Gemeinschaftserlebnisse zu schaffen. Und dieses Gefühl, im Größeren aufgehoben zu sein, tragen sie auf besondere Weise in jedes ihrer Live-Konzerte. Die Band überschüttet ihre Fans mit Liebesbekundungen und engagiert sich für Nachwuchsmusiker aus ihrer Region. Mit hingabevollen Texten rührt sie Tausende zu Tränen. Silbermond sind der beste Beweis dafür, dass Popmusik nicht für sich selbst steht, sondern ein soziales Werk ist, das vom Publikum mitgeschaffen wird.

Stefanie Kloß ist nicht die clevere Strahlefrau wie Judith Holofernes von Wir sind Helden, nicht das freche Girlie wie Mia-Sängerin Mieze. Die Personen stehen bei Silbermond bewusst im Hintergrund und bieten ihren Fans damit die größtmögliche Projektionsfläche zu einer Musik, die in ihrem Stilspektrum von keimfreiem Nu’ Metal Marke Linkin Park über Garagenrock bis zur großen Pop-Ballade vor allem eins ist: flexibel. Silbermond sind einfach da. Silbermond geben einem das Gefühl, nicht alleine zu sein. „Stell dir vor du bist nicht alleine / und alles tanzt / jeder tanzt / aus der Reihe“, singt Kloß. Es ist genau diese Gratwanderung zwischen Anpassung und Abweichung, die Silbermond für Kirchen-Open-Airs ebenso qualifiziert wie für Protestkonzerte wie beim G 8-Gipfel 2007. Die Gesellschaftskritik auf „Nichts passiert“ kommt in einer Dosierung, die gerade für das Gefühl reicht, auf der richtigen Seite zu stehen. „Nicht mein Problem“ schnurrt Gastsänger Jan Delay im gleichnamigen Stück über Missstände wie „Ein Auto fährt 210“ oder „Wenn Stoiber Bundeskanzler wär“. Wer war nochmal Stoiber? Schade, dass im Korsett von Text und Musik kaum Energie zwischen den Künstlern entsteht, auch nicht beim Schlussduett mit Xavier Naidoo in „Sehn wir uns wieder“.

Silbermond sind nicht die Rockband, die dringend etwas loszuwerden hat. Wie Blütenpollen nehmen sie Bedürfnisse und Stimmungen auf, die in der Luft liegen. In ihrer konzentrierten Klarheit ragt denn auch die Single aus dem Album heraus. Über verhaltenem Marschrhythmus und melancholischer Gitarre singt Stefanie Kloß den Klagegesang zur Krise: „Gib mir ’n kleines bisschen Sicherheit / In einer Welt, in der nichts sicher scheint / Gib mir in dieser schnellen Zeit / Irgendwas, das bleibt.“ Eine Forderung, die ein authentisches Gefühl transportiert. Und zugleich die Kernkompetenz von Silbermond offenlegt: die Kopplung der umarmenden Kraft des Schlagers mit der Rückstoßwirkung von Rock.

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