Neues Album : The Gossip: Glitzerkugel-Glück

Verwirrspiel der Zeichen: das neue Album von The Gossip lässt es krachen.

Nadine Lange
Beth Ditto
Beth Ditto, The Gossip.Foto: dpa

Karl Lagerfeld ist ein Meister des Spektakels. Seit Jahrzehnten zelebriert er die Kunst des exzentrischen Auftritts. Viele seiner Selbstinszenierungstricks wie die ewige Sonnenbrille und die Lederhandschuhe hat sich der Topdesigner von der Popwelt abgeschaut. Dorther stammen die Transfusionen, mit denen Lagerfeld immer wieder die Langeweile seiner Branche bekämpft. So lud er letztes Jahr zur Pariser Fashion Week die britische Soul-und-Drogendiva Amy Winehouse ein, zur Eröffnung eines neuen Fendi-Stores zu spielen. Die tätowierte Turmfrisurträgerin dürfte für einige wohlige Schauer beim Publikum gesorgt haben.

Dieses Jahr legte Lagerfeld einen echten Schocker nach: Er ließ Gossip auftreten. Das Trio aus Portland wird angeführt von der rund 100 Kilo schweren Sängerin Beth Ditto, die auch gerne halbnackt über die Bühne springt und sich selbst als „fette, feministische Lesbe“ bezeichnet. In Paris thronte die 28-Jährige bei diversen Modenschauen in der ersten Reihe und wurde von Lagerfeld – eigentlich ein Verfechter der absurden Size Zero – zu seiner neuen Muse erklärt.

Fraglos ist diese Episode für die Modebranche nur ein kurzer Flirt mit einem Freak. Die Kleidergrößen werden sich genauso wenig ändern wie die Schönheitsideale. Für Beth Ditto, die sich darüber wenig Illusionen macht, birgt der Ausflug in die Modewelt jedoch ein Risiko. Durch den Celebrity-Rummel geriet ihre eigentliche Profession fast völlig aus dem Blickfeld. Plötzlich ging es nur noch um ihre Kleider und Pfunde und nicht mehr um ihre Songs oder ihr phänomenales Soul-Organ.

Zudem wird einer Band, die wie Gossip in Indierock-Zusammenhängen groß geworden ist, schnell Verrat vorgeworfen, wenn sie sich aus der angestammten Szene herausbewegt. Diese Entfremdung haben Gossip auch dadurch vergrößert, dass sie vom Independent-Label Kill Rock Stars zu Major Sony Music gewechselt sind und ihr eben erschienenes Album „Music for Men“ mit Mega-Produzent Rick Rubin (Johnny Cash, Metallica) aufgenommen haben.

Und so wagt die Band mit ihrer vierten Platte tatsächlich den Quantensprung in die sich bereits abzeichnende Richtung: rein in den Mainstream, hin zum Pop. Was fantastisch funktioniert. Die zwölf Songs sind feinster Diskopunk und halten all das, was Gossip mit dem Vorgänger „Standing In The Way Of Control“ von 2006 bereits versprochen, aber noch nicht vollständig eingelöst hatten. Überstrahlte der Single-Superhit auf diesem Durchbruchsalbum noch alles, so ist ihr jetzt durchgängig ein Glitzerkugel-Glückswerk gelungen. Es reiht sich ein in den Trend der disko-infizierten Rockalben, der zuletzt mit den neuen Werken der Yeah Yeah Yeahs und WhomadeWho noch einmal aufblühte.

Die wichtigste Neuerung auf „Music For Men“ sind Synthesizer, bei denen man sich fragt, warum sich Gossip nicht schon viel früher an die Tasten gewagt haben. So hat etwa das hitverdächtige „For Keeps“ eine Synthie-Zuckerglasur, die dem Stück einen süchtigmachenden Geschmack verleiht. Und beim munter fiepsenden „Four Letter Word“ kommen Achtziger-Erinnerungen der besseren Sorte auf.

Insgesamt ist der Sound vielfältiger und glatter geworden, ohne dabei die Gossip-typische Rauheit einzubüßen. Rick Rubin hat genau an den richtigen Stellen aufgeräumt. Er gibt den Songs eine wohltuende Transparenz und bringt den Minimalismus der Band zum Strahlen.

Dass sie es auch immer noch krachen lassen können wie zu Zeiten ihrer Garagenrock-Anfänge, zeigen Gossip in „8th Wonder“ und „Spare Me From The Mold“, die sich ganz klar an die Ausflipp-Tänzer bei ihren Konzerten richten. Denen dürfte auch die Single „Heavy Cross“ gefallen: Sie erinnert vor allem im Refrain an „Standing In The Way Of Control“ und ist wieder ein großes Fest für die voluminöse Stimme von Beth Ditto, die ihr ganzes Spektrum von zarten „Uhhuhus“ bis zu lautstarken „Yeah, yeahs“ ausspielen kann. Überhaupt zeigt sich die Sängerin von einer beeindruckenden Souveränität, was auch daran liegt, dass sie nicht mehr gegen Lärmgewitter ankämpfen muss. Rubin hat den Mix deutlich zu ihren Gunsten verschoben.

In Dittos Texten, die Mini-Zitate von Kiss, Salt’n’Pepa und den Slits enthalten, geht es meist um die Liebe. Dabei ist immer klar, dass es ihr um gleichgeschlechtliches Begehren geht. Denn Gossip sind eine ausdrücklich queere Band, was sich auch auf dem Cover von „Music For Men“ spiegelt: Abgebildet ist Schlagzeugerin Hannah Billie, die man auf den ersten Blick für einen jungen Mann halten könnte. Ein hübsches kleines Zeichenverwirrspiel, verstärkt noch durch den über ihr prangenden Albumtitel – laut Ditto ein feministisches Statement.

Ganz eindeutig geht es hingegen im eingängigen „Men In Love“ zu: Hier besingt Ditto in schönster Mitgröhlmanier die Männerliebe. Der Song hat das Zeug, zur Hymne der gerade startenden CSD-Saison zu werden.

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