Neues Album : U2: Hütet euch vor kleinen Männern

Guter alter Rock ’n’ Roll: U2 trotzen mit ihrem Album „No Line On The Horizon“ dem Zeitgeist.

Christian Schröder
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Blaue Stunde. U2 vor der Altstadt von Fez, wo die Aufnahmen für ihr neues Album entstanden. -Foto: Anton Corbijn

Großartig, alles kommt einem total vertraut vor. Die Gitarre hallt und heult, der Sänger barmt, jauchzt und gospelt inbrünstig, irgendwann stoßen vielleicht noch ein Cello, ein paar Bläser oder Keyboardakkorde dazu. Um einen U-2-Song zu erkennen, genügen meistens ein paar Takte. Die irische Rockband existiert jetzt seit 33 Jahren, aber wirklich weiterentwickelt hat sich ihre Musik in dieser Zeit nicht. Ein U-2-Song aus dem Jahr 2009 klingt nahezu genauso wie ein U-2-Song von 1992, der sich wiederum nur minimal von einem U-2-Song von 1984 unterscheidet. U2 trotzen dem Zeitgeist, mit ihrem Wertkonservatismus haben sie es zu fünfzig Millionen verkauften Platten und zur größten Rock ’n’ Roll-Band des Planeten gebracht.

„No Line On The Horizon“ heißt das zwölfte Studioalbum der irischen Weltverbesserungsrocker, das am Freitag erscheint (Vertigo /Universal) . Das Cover ziert ein Bild des japanischen Zen-Fotografen Hiroshi Sugimoto, auf dem die Ansicht eines Meeres oder Sees im Dunst verschwimmt. Die übrigen Bilder stammen von Anton Corbijn, der die Band seit 1982 immer wieder fotografiert hat. Da stehen die Musiker in breitbeinigen Rockstarposen auf einem morastigen Strand und vor der Stadtmauer von Fez, Gitarrist David Howell „The Edge“ Evans wie immer mit Wollmütze und Sänger Bono Vox natürlich mit Sonnenbrille. In der marokkanischen Wüstenstadt, in der schon William S. Burroughs und Brian Jones die Erleuchtung suchten, hatten im Sommer 2007 die Arbeiten an der Platte begonnen, die dann in New York, Südfrankreich und Dublin fortgesetzt wurden.

„Wir wollten neue Strukturen für unsere Musik finden“, hat Bono in einem Interview mit dem „Observer“ gesagt. Fez mit seiner berühmten, inzwischen unter Unesco-Schutz stehenden Altstadt ist von Musik erfüllt, abends mischen sich Sufi-Gesänge mit den Rhythmen der Joujouka-Trommler. „Dort lag definitiv etwas in der Luft, und wir haben darauf zurückgegriffen“, erklärt Bono. Ein Weltmusikalbum ist „No Line On The Horizon“ trotzdem nicht geworden, von den orientalischen Einflüssen sind allenfalls Spurenelemente übrig geblieben. Durch die fast achtminütige Ballade „Moment of Surrender“ wabern seltsame asynchrone Backgroundgeräusche, und die Hymne „Fez – Being Born“, bei der Bono mit verzückter Stimme die „afrikanische Sonne“ beschwört, beginnt mit summenden Engelschören, dengelndem Bongo-Getrommel und verzerrten Radiogeräuschen.

Ansonsten: alles beim Alten. Bei „I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight“, dem besten Stück des Albums, legt sich die euphorisch schrammelnde Leadgitarre über den kunstvollen Offbeat des Schlagzeugs, Geigen setzen ein, und Bono seufzt, jede Silbe betonend: „Every generation gets a chance to change the world / Pity the nation that will listen to your boys and girls / ’Cos the sweetest melody is the one we haven’t heard.“ Jede Generation kann versuchen, die Welt zu ändern, aber vom Paradies auf Erden lässt sich immer nur träumen.

Ursprünglich wollten U2 die Platte von Rick Rubin produzieren lassen, dem Anhänger eines schroffen Klang-Minimalismus, der schon die Karrieren von Johnny Cash und Neil Diamond wiederbelebt hatte. Die Kollaboration zerschlug sich bald, und die Band griff auf das bewährte Produzententeam Daniel Lanois, Steve Lillywhite und Brian Eno zurück, mit dem sie seit „The Unforgettable Fire“ (1984) arbeitet. So wurde „No Line On The Horizon“ ein bloß mittelprächtiges Werk, abwechslungsreicher als die uninspiriert rockenden Vorgängeralben „All That You Can’t Leave Behind“ (2000) und „How To Dismantle An Atomic Bomb“ (2004), aber auch meilenweit entfernt von der Kraft und dem Furor der Frühwerke „Boy“ (1980), „October“ (1981) und „War“ (1983).

Man hat Bono Vox oft vorgeworfen, eher Prediger als Popstar zu sein. Die Rolle des Nur-Sängers hat er längst hinter sich gelassen, inzwischen ist er als eine Art Generalvertreter aller Entrechteten und Beladenen zuverlässig dort zur Stelle, wo die Not am größten ist – im sterbenden Regenwald am Amazonas oder in den Dürregebieten Afrikas. Als er sich mit George W. Bush traf, um für einen Schuldenerlass für die Dritte Welt zu werben, kam es zum Zerwürfnis mit Gitarrist The Edge. Der Streit ist längst beigelegt: Als Barack Obama vereidigt wurde, feierten U2 in Washington mit und spielten ihre Klassiker „Pride“ und „City Of Blinding Lights“.

U2 zelebrieren das Pathos, für ihren Rock ist das Stadion die angemessene Umgebung. Mit Ironie tut sich die Band eher schwer, auch wenn sie 1992 bei ihrer „Zoo-TV“ schon einmal Trabbis über die Bühne fliegen ließen. Aber wenn Bono nun in dem dröhnenden Monsterrockklopper „Get On Your Boots“, der ersten Single-Auskopplung des Albums, behauptet: „I don’t want to talk about wars between nations / Not right now, hey sexy boots“, dann ist das entweder Rollenprosa oder Selbstironie. Die besungenen Stiefel mögen noch so sexy sein, doch für die Kriege dieser Welt hat sich Bono noch immer interessiert.

„Beware of small men with big ideas“, warnt er dann sogar im übermütig schunkelnden Song „Stand Up Comedy“. Hüte dich vor kleinen Männern mit großen Ideen, auch damit könnte der nicht eben großwüchsige Sänger sich selber meinen. Erfindet Bono sich mit 49 Jahren noch einmal neu, verabschiedet er sich vom Gutmenschentum? Wohl kaum. Das CD-Booklet endet mit dringenden Aufrufen. Der geneigte U-2-Hörer möge Aids und Armut bekämpfen, mithelfen, Burma zu befreien, Greenpeace und Amnesty International beitreten. Der Kampf geht weiter.

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