Newcomer-Bands : Schwarz sehen

Der weiße Pop entdeckt Afrika: mit den fulminanten Debütalben von Vampire Weekend und Foals.

Kai Müller
Foals Promo
Die Foals. -Promo

Wer in seinem Zimmer zu reisen versteht, vermeidet Katastrophen. Das hat die Filmemacherin Agnes Varda in ihrer Kino-Hommage „Hundert und eine Nacht“ gesagt. Und sie meinte: Fiktionen sind stärker als jede Erfahrung. In der Popmusik hat sich dieses Prinzip noch stärker als in der Bilderwelt des Films durchgesetzt. Davon zeugen in diesem Frühjahr eine Reihe herausragender Alben, die völlig unabhängig voneinander den Groove wiederentdecken und ein imaginäres Land der Tänze und Mythen beschwören. Sie begeben sich auf eine Entdeckungsfahrt zu den Ursprüngen des Off-Beat – im eigenen Kopf.

Das klingt etwa so: Langsam anschwellende Bläser, wie von einem fernen Schiffshorn, die plötzlich in einen schiefen, verkanteten und stolpernden Beat kippen. Eine Gitarre funkt wilde Morsezeichen. In den ersten 32 Takten ist „The French Open“, das Eröffnungsstück des am Freitag erscheinenden Debütalbums der britischen Newcomer-Band Foals, nur die Skizze eines Songs. Er schleppt sich dahin, so lückenhaft und zerzaust, als hätte man auf ihn geschossen. Bis die fünfköpfige Band die Gangart ändert und vor dem inneren Auge ein Ghettoblaster auf einem staubigen nigerianischen Marktplatz auftaucht. Von der Bassdrum angetrieben fallen die Foals in einen fröhlichen Afrobeat, die Bläser kehren mit schneidenden Attacken zurück, und in den Rufen von Sänger Yannis Philippakis klingen die Highlife-Gesänge eines Fela Kuti nach. Das ist unwiderstehlich. Wenn auch nicht ganz ersichtlich wird, was eine Hymne auf den Tennisprofi und Lacoste-Star Andy Roddick mit afrikanischen Rhythmen zu tun hat.

Sie seien angeödet gewesen vom Elektro-Sound, der die Studentenpartys ihrer Wahlheimat Oxford beschallt habe, erklären die Foals in Interviews. Ausgerechnet im tiefschwarzen Afrobeat fanden die weißen College-Abbrecher für ihr Erstlingswerk „Antidotes“ (Warner), was dem Indie-Rock abhanden gekommen ist: das abenteuerliche Moment. Und schon werden die Foals als „Schlüsselband für 2008“ gehandelt („Daily Telegraph“). Sie stehen in einer Reihe mit Damon Albarn, den Ruby Suns aus Neuseeland, mit A.J. Holmes aus Berlin, den Dirty Projectors, Yeasayer und Vampire Weekend aus New York. Letztere haben in jüngster Zeit mitreißende, vielbeachtete Alben veröffentlicht. Keiner von diesen Musikern war je in Afrika oder hat vor, dorthin zu reisen. Afrika ist auch nur die auffälligste Inspirationsquelle für eine Spielart der Rockmusik, die sich vom Disco-Einfluss und Baukastenprinzip des Laptop-Pop frei macht, um eine neue, frische Ausgelassenheit zu finden.

Diese Trendwende fällt in eine Zeit einer zunehmend blutleer agierenden Indie-Musik, die sich an Vokabeln wie New Wave, Post-Punk und Retro-Rock abarbeitet. Indie, das bedeutet noch immer, auf E-Gitarren fixiert zu sein und einen Song vom knalligen Riff her aufzubauen. Doch hat sich diese Klangkultur, wie der „New Yorker“ unlängst bemängelte, seiner afroamerikanischen Wurzeln entledigt. Der Gegenbeat und mit ihm die Seele seien abhanden gekommen. In den Verweigerungsgesten der Indie-Musiker, die beim Spielen den Boden anstarren, Referenzen nur an das eigene Genre zulassen und lärmende Akkordflächen über stupide Viervierteltakte schichten, ist Pop zum freudlosen, überdeterminierten Kopftheater abgekühlt.

Da kommen die vier Bubis von Vampire Weekend in ihren Ralph-Lauren-Klamotten gerade recht. Auf ihrem selbstbetitelten Debüt besingen sie die Schönheiten der modernen Architektur, die Fallstricke englischer Orthografie oder eine New Yorker Buslinie. Überall leuchten die Verlockungen der Konsumwelt, und sie werden grundiert von windschiefen Soukous-Gitarren. Wie passt das zusammen? So dürften sich die Hohepriester der afroamerikanischen Tradition die Rückkehr der „schwarzen“ Kultur nicht vorgestellt haben: Afrika taucht als Bezugsgröße gar nicht mehr auf.

Wann immer westliche Musiker sich für afrikanische Musik interessiert hätten, sagt Vampire-Weekend-Sänger Ezra Koenig, seien sie auf der Suche nach Spiritualität gewesen. „Wir interessieren uns für die Modernität des Afro-Pop.“ Als Referenzpunkte nennen die Musiker des Quartetts, das sich an der Columbia-Universität kennen lernte, Platten aus Madagaskar, Südafrika, dem Kongo, von Brenda Fassie, Fela Kuti, S. E. Rogie und dem senegalesischen Orchestra Baobab. Aber vor allem „Graceland“ von Paul Simon hat die New Yorker nachhaltig geprägt. Songs wie „Mansard Roof“, „Bryn“ oder „Cape Cod Kwassa Kwassa“ fischen im selben polyrhythmischen Pool wie Simons legendäres Afro-Pop-Album von 1986. Allerdings ohne jede weltmusikalische Verklärung. Koenig & Co. steht der Sinn nicht nach realen Erfahrungen. Der Afrobeat wird vielmehr entkernt und raffiniert mit dem Kraftfeld lauter E-Gitarren verzahnt; man hört Rockmusik, die geradezu anmaßend illusionär ist. „But this feels so unnatural“, singen die College-Boys und finden, dass das auch für Peter Gabriel gelte.

Der hatte sich in den achtziger Jahren wie viele weiße Musiker – vor allem aus Europa – des schwarzen Kontinents als Ideenreservoir bedient. Cream-Schlagzeuger Ginger Baker war einer der ersten, der zu den tribalistischen Ursprüngen zurückkehren wollte. Und nicht nur er hegte die Hoffnung, etwas in sich entfesseln zu können, das der dressierte Rock-Trommler in ihm nicht zuließ. Auch die Talking Heads griffen in ihrer polyglotten Phase unter dem Einfluss von Produzent Brian Eno darauf zurück („Remain in Light“). Wobei Eno unumwunden zugab, dass er alles, was er über afrikanische Musik wisse, von einer einzigen Fela-Kuti-Platte habe. Nun steht er mit Coldplay im Studio und soll, wie man hört, den britischen Rockstars zu neuer Vitalität verhelfen. Und Gabriel? Der gründete quasi als Entschädigung für seinen Erfolg ein Weltmusik-Label.

Von derlei moralischem Ablasshandel wollen die Upper-Class-Zöglinge von Vampire Weekend nichts wissen. „Es gibt nichts Schlimmeres als westliche Popstars“, erklärt Koenig, „die behaupten, sie hätten ein afrikanisches Herz.“ Prompt zogen er und seine Mitstreiter sich den Zorn der linksliberalen NY-Intelligenzija zu. „Please ignore this Band“, fordert die „Village Voice“ und hält der Band Snobismus vor. Ihre Musik verströme „den fauligen Gestank alten Geldes, alter Politik und verknöcherter Oberschicht.“ Doch ignorieren lassen sich die vier Mittzwanziger nicht mehr. Vielmehr geht es, wie die „New York Times“ treffend bemerkt, um den „immer wiederkehrenden mythischen Moment, wenn junge Krachmacher ihre Gitarrengurte kürzer schnallen und Tanzmusik spielen“.

Die Renaissance des Afro-Pop geht mit einer wohltuenden Ausdünnung des Soundbildes einher. „Wie Insekten“ sollen die E-Gitarren klingen, sagt Foals-Mastermind Yannis Philippakis. Also konzentriert er sich auf das Plingel-Plängel einzelner, unverzerrter Töne, die oberhalb des zwölften Bundes gegriffen werden, und lässt Akkorde wie Insektenschwärme aufsteigen. Auch das Schlagzeug reißt mehr Lücken auf, als es schließt. Und dennoch gelingt auch den Foals ein magisches, stilistisch abwechslungsreiches Album – ohne jede Wildheit. In seiner exquisiten Strenge steht „Antidotes“ dem Minimalismus viel näher als der Buschtrommel, was einmal mehr verdeutlicht, wie fern es verklärenden Afrika-Reminiszenzen ist. „Ich kann unordentliche Musik nicht ertragen“, sagt Philippakis und nennt Steve Reich, den Meister des Seriellen, als Vorbild.

Wie abstrakt diese klirrende Popwelt ist, schwant einem bei der Frage, worum es hier eigentlich geht. Letztlich bleiben die Songs unverständlich. „Es sind keine Erzählungen“, sagt Philippakis, „es sind Bilder, die in meiner Vorstellung eingebrannt sind.“ Die größten Abenteuer werden eben im eigenen Zimmer bestanden.

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