Oper : Die Sängerkrieger

Die Festspielsaison beginnt: Während Bayreuth sich verjüngt, fordert Baden-Baden die Wagner-Traditionsstätte heraus.

Frederik Hanssen

Die Sache mit dem 25. Juli war natürlich ein Versehen. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem traditionell die Bayreuther Festspiele beginnen, steht dieses Jahr in Baden-Baden Richard Wagners „Tannhäuser“ auf dem Programm. In einer Traumbesetzung, mit Waltraud Meier, Robert Gambill und Roman Trekel. „Zuerst hatten wir die Premiere ein oder zwei Wochen früher angesetzt, dann gab es zeitliche Probleme mit den Sängern. Irgendwann stand der 25. Juli da und keiner hat’s gemerkt“, wehrt sich Andreas Mölich-Zebhauser, der Intendant des Baden-Badener Festspielhauses, gegen den Verdacht einer bewussten Provokation. Er habe, erklärt der joviale Ruhrgebietler, sogar mit Wolfgang Wagner über die Koinzidenz gescherzt.

Wer den greisen Komponisten-Enkel und Bayreuther Patriarchen ein wenig kennt, kann sich kaum vorstellen, dass der notorisch misstrauische Franke belustigt auf den „Zufall“ reagiert hat. Und auch seine Tochter Katharina dürfte not amused gewesen sein. Seit ihrer Quasi-Nominierung für die Nachfolge im Amt der Festspielleitung (zusammen mit Halbschwester Eva Wagner-Pasquier) ist sie darum bemüht, das Image von Bayreuth aufzupolieren und zu verjüngen: In dieser Saison, der ersten nach dem Tod von Wolfgangs Frau Gudrun, der „heimlichen“ Hügel-Chefin, gibt es mehrere Premieren der besonderen Art. Erstmals in ihrer Geschichte laden die Festspiele zum kostenlosen Public Viewing auf den örtlichen Festplatz (bei Katharinas „Meistersinger“-Inszenierung am nächsten Sonntag), außerdem kann man die Aufführung live im Internet verfolgen, die Online-Tickets kosten 49 Euro. Und vor wenigen Tagen wurde sogar die altehrwürdige Website erneuert: www.bayreuther-festspiele.de wartet nun mit Videoguide und Podcast auf.

Während die Traditionsstätte den Anschluss zum 21. Jahrhundert sucht, ist der Baden-Baden-Chef kokett genug, um die Wagner-Gralshüter zu eben jenem „Sängerkrieg“ herauszufordern, von dem „Tannhäuser“ erzählt. Seit zehn Jahren leitet Andreas Mölich-Zebhauser das Festspielhaus und machte den verschlafenen Nobelkurort zu einer der ersten Adressen in der Klassikwelt.

Alles begann mit einem Fiasko: Von einem windigen Manager aus Stuttgart hatten sich die Baden-Badener Lokalpolitiker ein irrwitziges Projekt aufschwatzen lassen. Der alte Bahnhof des Städtchens sollte zum Foyer des zweitgrößten Opernhauses Europas werden, einem 2500-Plätze-Musentempel, der sich – Sensation! – ganz ohne Subventionen selber tragen sollte. Bald erhob sich ein Glas-Stahl-Koloss des Wiener Architekten Wilhelm Holzbauer, die Akustik war herrlich, die Stadt hatte sich verpflichtet, bis 2022 jährlich vier Millionen Euro an die Investoren abzustottern – und das Festspielhaus stand, kaum eröffnet, vor der Pleite, weil das Publikum die astronomischen Preise einfach nicht zahlen wollte. Die deutsche Theaterlandschaft lachte hämisch, das Land Baden-Württemberg und die Stadt kratzten weitere sechseinhalb Millionen Euro zusammen und holten sich einen Kulturmanager, der gerade in Frankfurt das Ensemble Modern aus der finanziellen Schieflage herausgeholt hatte. Andreas Mölich-Zebhauser wagte den second service, schlug mutig auf – und landete ein Ass.

Nach vier Spielzeiten brauchte er für den Betrieb des Festspielhauses keine staatliche Unterstützung mehr. Zwei Drittel seines 24-Millionen-Euro-Etats kommen heute aus den Ticketverkäufen für rund 100 Konzerte, Opern, Kammermusik-, Lieder- und Ballettabende pro Saison, sieben Millionen sammelt er bei Sponsoren und privaten Mäzenen ein. Mölich-Zebhausers Kunden bringen Baden-Baden einen jährlichen Kaufkraftzufluss von 46 Millionen Euro, jede sechste Hotelübernachtung wird von den Festspielgästen gebucht.

Jetzt sitzt der Mittfünfziger im Foyer des Berliner Adlon, ein Springbrunnen plätschert, der Barpianist ertränkt BeatlesKlassiker in Arabesken. „Wir wollen Unverwechselbarkeit durch musikalische Exzellenz und szenische Genauigkeit erreichen“, erklärt der Dirigentensohn. Bisher versuchte er vor allem, „bei den Sängern so maßstäblich zu sein, dass der eine oder andere Kollege sich die Fingernägel kaut“. Sein nächstes Ziel ist der „Abschied vom aktualisierenden Regietheater: Ich habe eine Grundskepsis bei Inszenierungsansätzen, die nicht wirklich von der Musik ausgehen. Wenn sie nicht im Zentrum steht, können wir auch Film oder Theater machen. Wir müssen die platten Aktualisierungen vermeiden und dem Zuschauer Fantasieraum lassen, in dem er seine eigenen Assoziationen leben kann.“

Stückdekonstrukteure wie Stefan Herheim, der am kommenden Freitag den neuen Bayreuther „Parsifal“ herausbringt, lehnt Mölich-Zebhauser ab. Theaterleute nach seinem Geschmack sind dagegen Christoph Loy oder Claus Guth. Und natürlich Nikolaus Lehnhoff. Mit dem Altmeister, der vor allem für die Genauigkeit seiner Personenführung bekannt ist, hat er schon oft zusammengearbeitet, von Lehnhoff stammt auch der „Tannhäuser“, der am gleichen Tag in Baden-Baden Premiere hat.

Die Inszenierung kommt aus Amsterdam, denn als frei finanziertes Haus muss sich Baden-Baden stets Koproduzenten suchen. Auch Claudio Abbados Auftritte – 2005 mit der „Zauberflöte“, in diesem Mai mit „Fidelio“, 2010 mit Verdis „Otello“ – sind jeweils Stationen innerhalb einer internationalen Tournee. „Zunächst war ich enttäuscht, dass ich die Stücke aus Kostengründen immer nur zwei oder drei Mal zeigen kann“, räumt der Intendant ein. „Knappheit ist aber immer auch Konzentration. Und die Idee eines Festspiels ist es ja gerade, beispielhaft zu zeigen, wie gut es sein kann.“

Die exemplarischen Aufführungen sollen künftig unter anderem von Christian Thielemann dirigiert werden: MölichZebhauser hat sich den Chef der Münchner Philharmoniker und Bayreuther Hausgott, der gewiss auch dieses Jahr als „Ring“-Dirigent auf dem Hügel bejubelt wird und das künftige Leitungsteam um Katharina Wagner verstärken will, gleich für mehrere Projekte gesichert. Auf den „Rosenkavalier“ im nächsten Jahr folgt 2011 ein weiterer „Ring“, jeweils mit den Münchner Philharmonikern. Bob Wilson bringt zu Pfingsten 2009 einen „Freischütz“ heraus, von der New Yorker Metropolitan Opera kommt ein Rossini-„Barbiere“, Anna Netrebko und Rolando Villazon präsentieren mit Rachmaninows „Aleko“ und Tschaikowskys „Jolanthe“ russische Raritäten.

In dieser Saison lag der Schwerpunkt ganz auf Wagner, mit einem „Tristan“ aus Glyndebourne, einem „Fliegenden Holländer“ vom St. Petersburger MariinskyTheater und eben mit dem „Tannhäuser“. „Unser Haus ist für Wagner wie gemacht“, findet Mölich-Zebhauser, der den „mulmigen Mischklang“ aus dem abgedeckten Bayreuther Orchestergraben nicht mag. Er liebt dagegen „die Verbindung von großem Klang und höchster Transparenz“, wie sie sein moderner Saal bieten kann. Vor allem, wenn Konzertorchester Oper spielen. Zum wiederholten Mal reist jetzt das Deutsche Symphonie-Orchester aus Berlin an. „Wenn sich Konzertorchester der Herausforderung Oper stellen, ist das immer ein Motivationsfaktor. Das ist der Festspielgedanke, übertragen auf die Musiker: das Besondere. Das sind alles Jungfernfahrten.“ Das war so bei Kent Naganos „Parsifal“ 2004 und „Lohengrin“ 2006, das wird auch beim „Tannhäuser“ so sein, wenn der designierte Musikchef der Pariser Oper, Philippe Jordan, das DSO dirigiert.

Wenn Andreas Mölich-Zebhauser über Projekte nachdenkt, darf er eins nicht vergessen: Er muss Events en suite produzieren, weil er die privaten Geldgeber sonst nicht begeistern kann. Und weil er Medienaufmerksamkeit generieren muss. Es ist also gar nicht schlecht,wenn der Name seines Regie-Wunschkandidaten für den Thielemann-„Ring“ durchsickert und prompt alle Welt über Florian Henckel von Donnersmarck spekuliert. Harald Schmidt kommentierte in seiner „Focus“Kolumne: „Optisch gäben Thielemann und von Donnersmarck ein deutsches Doppel ab, das Rammstein wie eine Boygroup aus dem Grand-Prix-Vorentscheid erscheinen ließe.“ Dass Deutschlands ehrgeizigster Filmemacher dann doch absagte – Künstlerpech. Aber Baden-Baden war mal wieder in aller Munde.

Mit dem „Tannhäuser“-Coup am Tag der Bayreuther „Parsifal“-Premiere verhält sich das nicht anders. Lächelnd lehnt sich der Kulturmanager in seinem Lederfauteuil zurück und weist jedes Konkurrenzdenken von sich: „ Ich wünsche mir, dass es Bayreuth gut geht. Außerdem gibt es sowohl dort als auch bei uns mehrere Aufführungen, so dass jeder Wagnerianer beide Inszenierungen erleben kann.“ Einen Unterschied lässt Mölich-Zebhauser dabei lässig unter den wuchtigen Couchtisch im Hotelfoyer fallen: In Baden-Baden muss niemand zehn Jahre lang betteln, um irgendwann Tickets zu ergattern. Eine gültige Kreditkarte genügt.

Informationen zum Programm in Baden-Baden: www.festspielhaus.de

Andreas Mölich-

Zebhauser
, 56, leitet das Festspielhaus

Baden-Baden seit 10 Jahren und rettete es vor der Pleite. Sein

Erfolgsrezept: Musik vom Feinsten – und kein Regietheater

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben