Oper : Gänse im Klanggewitter

An den Pariser Opern setzen Emir Kusturica und Christoph Marthaler eigenwillige Akzente.

Jörn Florian Fuchs
Time of the Gypsies
Hey Balkanbaby! Szene aus Kusturicas "Time of the Gypsies. -Foto: Opéra de Paris

1989 erhielt der Regisseur Emir Kusturica in Cannes die Goldene Palme für seinen vor Energie und Leidenschaft berstenden Film „Time of the Gypsies“. Erzählt wird die Geschichte des Jungen Perhan, der erst von seiner Geliebten Asra getrennt wird, dann seine behinderte Schwester an einen zwielichtigen ‚Helfer’ verliert und nach Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrt, um den Onkel zu töten. Der hatte nämlich in der Zwischenzeit Asra geschwängert. Nun hat der Filmemacher die Story auf Einladung von Gerard Mortier nach Paris gebracht, in die Opéra de la Bastille. In der Opernfassung allerdings opfert Kusturica die melancholische Atmosphäre des Films zu Gunsten einer turbulenten Revue aus ständigen Szenenwechseln und aufgeheizten Beats, angesiedelt zwischen Balkanpop, Folk und manchmal auch einer Parodie der klassischen romantischen Oper.

Rasch geht es von einer grünen Wiese in die Stadt. Wohnwagen, Autos, Fahrräder bevölkern die Bühne, dann werden blitzschnell ganze Häuser aus dem Boden gestampft und stürzen kurze Zeit später wieder in sich zusammen. Aus dem Graben liefern das No Smoking Orchestra sowie die Garbage Serbian Philharmonia bissige Flageoletts dazu, satte Bässe und punktierte Achtel, gesungen wird fast ausschließlich in der Sprache der Roma. Ein paar englische Einsprengsel verweisen auf das Amerika von George W. Bush und kulturelle Errungenschaften wie MTV oder Fox News. Mit Oper wie mit Punk hat das Ganze eher am Rande zu tun, vielmehr ist dieser grelle Musikclip spaßige Unterhaltung mit Tempo und Rhythmus.

Für einen zweiten, sehr lebendigen Hintergrundbeat neben den satten, lauten Bässen sorgt übrigens eine Horde Gänse, die sich immer wieder neu gruppiert und all dem Krach vergeblich zu entfliehen versucht. Die beeindruckendsten Sänger: Stevan Andjelkovic als Perhan und Nenad Jankovic als bösester Bösewicht von allen.

Das vielleicht intensivste Trauerspiel der Opernsaison

Einige Métro-Stationen weiter, im ehrwürdigen Palais Garnier, sorgen derweil Christoph Marthaler und Sylvain Cambreling für Stimmung: Verdis „Traviata“ steht auf dem Spielplan und Marthaler lässt seinen Gag-Apparat mächtig schnurren. Da schlägt etwa der piekfein gekleidete Chor rund um das zarte Hauptpersönchen virtuose Kapriolen. Christine Schäfer gibt eine düster strahlende Violetta; mit fast schon gnadenloser körperlicher und vokaler Präsenz ein Korrektiv zu Anna Netrebkos Posen. Bei allem Klamauk zeichnet Marthaler den Untergang der Kameliendame doch so rückhaltlos wie brutal. Am Pult sorgt Cambreling für eiskalte Stimmungen, auch und gerade bei den großen Partyszenen.

Anna Viebrocks Bühnenraum ist in bewährter Manier als Mischung aus Garderobe, Festsaal und Aufenthaltsraum gestaltet. Ganz hinten öffnet sich gelegentlich ein Samtvorhang und bietet Platz für ein Theater im Theater. Schäfer, Marthaler und Cambreling gelingt das vielleicht intensivste Trauerspiel der zu Ende gehenden Opernsaison.

Auch das Théâtre des Champs-Elysées präsentiert eine musikalische Sternstunde. Debussys „Pelléas et Mélisande“ wird von Bernard Haitink schwungvollklangsinnlich ausgekostet und bis ins kleinste Details effektiv ausgestaltet. Die vorzügliche Besetzung: Magdalena Kozená als Mélisande und Laurent Naori mit kräftigem Timbre als Golaud. Nur die dekorative Inszenierung von Jean-Louis Martinoty treibt es manchmal zu bunt und verlagert die symbolistische Liebesgeschichte in eine Kitschwelt à la Thomas Kinkade.

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