Oper : Handwerk fürs Mundwerk

Im Opernstudio der Staatsoper trainieren Nachwuchstalente wie Silvia de la Muela für die Bühne. Italienisch will anders gesungen sein als Russisch.

Eva Kalwa
Muela
Zwischen Ton- und Karriereleiter. Silvia de la Muela -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Mit einem plötzlichen Schwung ihres schwarzen Stiefels kickt die junge Frau den grünen Sitzball unter den Klavierflügel. Dann formt Silvia de la Muela Daumen und Zeigefinger ihrer linker Hand wieder zu einem Kreis, öffnet die Lippen und lässt ihre Stimme steigen: „Falli uscire immantinente, o ti fo pentir con lor.“ „Immantinente mit zwei m!“, ruft Serena Malcangi von ihrem Stuhl in der Ecke des Raums dazwischen. „Das bedeutet sofort, unverzüglich.“ Der italienischen Sprachtrainerin entgeht keine einzige falsch betonte Silbe. Silvia de la Muela bleibt nichts anderes übrig, als die Phrase noch einmal von vorne zu beginnen.

Das „Internationale Opernstudio“ der Berliner Staatsoper residiert in einem nüchtern eingerichteten Raum im Magazingebäude des berühmten Musiktheaters. Am Flügel sitzt ein freundlich lächelnder Mann, Boris Anifantaki, der Leiter des im November 2007 eröffneten Opernstudios. Sechs Nachwuchssänger aus Israel, Australien, Argentinien, der Ukraine und Deutschland erhalten hier eine zweijährige Ausbildung, zwei Soprane und je ein Mezzosopran, Tenor, Bariton und Bass. Der Jüngste ist der erst 21-jährige argentinische Bass Fernando Javier Radó. Die älteste Teilnehmerin ist Anfang 30. An welchen Rand der Skala Silvia de la Muela gehört, möchte sie der Öffentlichkeit nicht preisgegeben wissen – da gibt sie sich schon ganz als Diva.

Mit der in Madrid geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Mezzosopranistin probt Anifantakis seit einiger Zeit die Dorabella aus „Così fan tutte“. Die Stipendiaten wollen das Sextett aus der Mozart-Oper in Kürze dem künstlerischen Leiter des Hauses, Daniel Barenboim, sowie der Gütersloher Stifterin des Programms, Liz Mohn, präsentieren. Die Liz-Mohn-Kultur-und-Musik-Stiftung finanziert die Lehrer, Meisterklassen und Studioproduktion mit 250 000 Euro jährlich, dazu kommen Stipendien für die Teilnehmer. Bis 2011, also für zwei Ausbildungszyklen, ist die Finanzierung zunächst gesichert.

Sprachtrainerin Malcangi hat sich nach der „Così“-Probe mit einem Seufzer über das trübe Berliner Wetter verabschiedet: „Das ist ja wie Ende Dezember in Mailand!“ Nun wird Russisch gesungen. De la Muela gibt die auf eine Geldheirat versessene Blanche in Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“. Das selten gespielte Stück hat am 15. März unter Barenboims Leitung Premiere – dass sie dabei sein kann, ist eine tolle Chance für die junge Sängerin. Mit ihrer privaten Gesangslehrerin hat sie bereits viel Arbeit in die Aussprache des Russischen investiert. Bisher hatte sie den richtigen Zugang zu den warmen, dunklen Lauten trotz der Unterstützung ihres ukrainischen Opernstudiokollegen Viktor Rud, der im „Spieler“ den Mr. Astley singt, noch nicht gefunden – heute platzt der Knoten plötzlich. „Das ist ja hervorragend, komplett anders als bisher!“ Anifantakis ist begeistert. Auf einmal „kaut“ Silvia de la Muela die Konsonanten stärker, lässt die Sprache mit scheinbarer Nachlässigkeit vorbehaltloser aus ihrem Innern kommen, versucht nicht mehr, ihre tiefe Sprechstimme beim Singen unnötig zu strecken. „Ich glaube, hier hast du etwas entdeckt, was dir für dich selbst und bei vielen anderen Rollen nützen wird.“

Für Anifantakis ist die persönliche Entwicklung der Stipendiaten ebenso wichtig wie deren gesangliche Fortschritte. An manchen Tagen probt der langjährige Dozent für Klavierbegleitung an der Hochschule für Musik in Detmold von morgens bis in den späten Nachmittag mit ihnen, organisiert außerdem den Ablauf der Ausbildung und die Betreuung der Teilnehmer. „Es ist eine Freude, mitzuerleben, wie die Sängerinnen und Sänger vorankommen, dafür braucht es vor allem erstklassige Unterrichtsangebote wie den nächsten Workshop mit Roman Trekel“, erzählt er nach der Probe beim Gespräch in der Kantine des Intendanzgebäudes. De la Muela nickt zu den Worten ihres Betreuers, ihre dunklen Augen leuchten: „Die Ausbildung ist hervorragend. Besonders gefällt mir, dass wir in die Arbeit der Staatsoper integriert sind und nicht getrennt davon ausgebildet werden. Man ist zugleich sehr behütet, kann sich in kleineren Rollen ausprobieren oder als Cover bereitstehen, falls ein Star krank wird. Niemand wird verheizt.“ Da ergehe es Nachwuchssängern an kleinen Häusern anders: Sie müssten früh viel singen, und manchmal auch Partien, die zu schwer für sie sind. In der Provinz enden Karrieren oft, bevor sie wirklich begonnen haben.

Nicht nur die Meisterklassen sind anspruchsvoll, sondern auch der wöchentliche Lehrplan: Einzelstunden, szenisches Training, Ensembleproben, Sprachtraining und so weiter. „Das Bewegungstraining bei John Norris ist fantastisch. Er ist mein erster Trainer, der bewusst Verbindungen sucht zwischen Körper und Gesang. Negative Spannungen werden gelöst und positive entwickelt, das ist sehr hilfreich beim Singen“, sagt de la Muela. Norris hat Erfahrung, er ist auch für das Bewegungstraining des Opernstudios an der Bayrischen Staatsoper verantwortlich. Dort wie in Zürich, Hamburg und Nürnberg bestehen seit Jahren ähnliche Modelle wie jetzt an der Lindenoper. Bereits Mitte der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre existierte Unter den Linden übrigens bereits einmal ein Opernstudio, zu dessen Absolventen unter anderen Roman Trekel gehört, heute eine Stütze des Staatsopern-Ensembles.

Auf dem kleinen runden Tisch in der Kantine liegt die blau eingebundene Studienpartitur des „Spielers“, der Text ist in kyrillischen Lettern abgefasst. „Wir mussten das Alphabet erst lernen, die Übersetzungen mit Bleistift darüber schreiben“, berichtet Anifantakis. Unvermittelt lacht Silvia de la Muela, öffnet ihre Tasche und holt eine identisch aussehende Partitur hervor: „Es existiert eine romanisierte Umschrift – nur wir wussten es nicht!“ Anifantakis lächelt: kein Problem, so habe man sich die Geschichte vom „Spieler“ eben besonders intensiv erarbeitet. Ein schwarzer Stiefel wippt zu diesen Worten des Opernstudioleiters, sein Auf und Ab wirkt entspannt und energisch zugleich.

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