Oper : Roulette sich, wer kann

Die Staatsopern-Festtage starten mit Prokofjews furioser Dostojewski-Oper "Der Spieler". Daniel Barenboim fühlt den Puls der Musik - eindringlich, bedrohlich.

Frederik Hanssen
Spieler Foto: dpa
Liebe in Zeiten der Coca-Colera. -Foto: dpa

So funktioniert seit 1992 die Spielplanpolitik an der Berliner Staatsoper – und zwar mit Erfolg: Worauf Chefdirigent Daniel Barenboim Lust hat, das wird gemacht. Immer wieder Mozart, immer wieder Wagner, aber auch Uraufführungen und Entdeckungen. Barenboim, der Weltkünstler, kann sich das erlauben: Wenn sein Name auf dem Programmzettel auftaucht, ist das Haus voll.

Und manchmal überrascht der Maestro tatsächlich mit einer echten Entdeckung – wie jetzt zum Auftakt der österlichen Festtage Unter den Linden. Eigentlich hatte er sich schon in jungen Jahren an der Musik von Sergej Prokofjew satt gespielt; in den Fünfzigern waren dessen virtuose Werke die Paradestücke des Pianistenwunderkinds Barenboim. Jetzt hat sich sein Interesse für den russischen Komponisten neu entzündet, an der Oper „Der Spieler“.

1915 beginnt der 24-jährige Prokofjew mit der Vertonung von Dostojewskis Roman, die Beschreibung einer dem Untergang geweihten, dekadenten Gesellschaft passt zur revolutionären Stimmung, die in der Luft liegt. Tatsächlich wird die Partitur in St. Petersburg zur Uraufführung angenommen – die Straßenkrawalle des Jahres 1917 aber erzwingen einen Abbruch der Proben. Nachdem sich das Sowjet-Regime etabliert hat, versucht Prokofjew, den „Spieler“ in Moskau herauszubringen; vergeblich: Weil er in Paris lebt, gilt er den Machthabern als Dissident. Erst 1929 kommt das Werk in Brüssel heraus, in französischer Übersetzung. Seit dem Tod des russischen Komponisten 1953 hat es kaum mehr als ein Dutzend Inszenierungen gegeben.

Barenboims samstägliche Premiere ist eine Berliner Erstaufführung – und, wie gesagt, eine echte Überraschung: Das Sujet wirkt, 140 Jahre, nachdem Dostojewski es formuliert, und 90 Jahre, nachdem Prokofjew es komponiert hat, bestürzend aktuell. In dem deutschen Kurort Roulettenburg hat sich eine seelisch bankrotte Society versammelt, die der modernen Ersatzreligion des Mammonismus verfallen ist. Die Liebesgeschichte zwischen Polina und Alexej scheitert, weil die junge Frau einfach nicht glauben kann, dass es tatsächlich Menschen gibt, die uneigennützig handeln.

Regisseur Dmitri Tcherniakov stellt als sein eigener Bühnenbildner die Handlung in einer heutigen Hotellobby nach, im anonymen Ambiente von globalisiertem Chic: Wuchtige weiße Lederfauteuils, türkis gestrichene Wände, viel blitzender Stahl. Ware gegen Geld, so hat es die Russin Polina im Schnellkurs des Turbokapitalismus nach dem Ende des Ostblocks gelernt. Wes Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing. Das Typecasting an der Staatsoper ist perfekt: Kristine Opolais gibt die superblonde Neureiche, die mit ihren Angestellten umspringt wie mit Leibeigenen.

„Hauslehrer“ Alexej ist so unsterblich in sie verliebt, dass er auf einen Wink von ihr töten würde? Okay, dann soll er zur Übung schon mal die Baronin Wurmerhelm beleidigen. Misha Didyk, breitschultrig, kugelköpfig, mit starken Wangenknochen, wie sich Dostojewski seinen Tataren Alexej vorgestellt hat, gehorcht. Doch jede Faser dieses Körpers kündet von der Wut des gedemütigten Akademiker-Prekariats: Er hat studiert und findet sich trotzdem ganz unten in der Klassenhierarchie wieder. Doch er weiß sein Aufbegehren nicht anders zu kanalisieren, als selber zum Roulettespieler zu werden: Wenn ich erst so viel Kohle habe wir ihr, werdet ihr mir schon Respekt zollen müssen! Alexej sprengt die Bank, doch nicht das Herz seiner Polina. Als er ihr den Gewinn bringt, fühlt sie sich gekauft, wirft ihm die Scheine ins Gesicht. Vorhang.

Düstere, bedrohliche Musik hat Sergej Prokofjew zu dieser Liebe in Zeiten der Coca-Colera geschrieben, und Daniel Barenboim reizt sie mit der sensationell eindringlich spielenden Staatskapelle voll aus: „Der Spieler“ ist eine Literaturoper, die den Prosatext in Parlando, in Sprechgesang überträgt, grundiert von einem atmosphärisch ausdeutenden, oft filmmusikhaften Orchesterkommentar. Prokofjew war stets ein virtuoser Instrumentator, sein Stil ist elegant, großstädtisch, klingendes Art Déco, edle Materialien, streng gefasst, edelmetallschimmernd, aber eben auch ein wenig seelenlos. Ununterbrochen treibt ein starker Puls das Geschehen vorwärts, schnell wechseln die Stimmungen, huschen Schatten vorbei, blitzen Erregungen auf, Erdtöne dominieren, die tiefen Register der Bläser, dunkle Streicherfarben.

Eine herausfordernde, anstrengende Spielart der Kunstform Oper ist das, zumal wenn der Sprachunkundige die Übertitel mitverfolgen will. Doch hat man sich einmal eingehört in diese Partitur, geht von dieser Musik eine Sogwirkung aus, zumal wenn ein Starkstrommusiker wie Barenboim im Graben waltet.

Tcherniakow versucht nicht, noch eins draufzusetzen, die Regie des 37-Jährigen bleibt zweckdienlich, präzise gearbeitet im Stil von Harry Kupfer, mit klar definierten, unzweideutigen Charakteren, wenngleich in der Personenführung noch nicht so routiniert wie beim Altmeister des realistischen Musiktheaters. Die Solisten lassen sich gerne derart leiten, füllen ihre Figuren stimmlich in vorformulierter Weise auf: Stefania Toczyska zeigt die reiche Erbtante als gnadenlose Matriarchin, so dass einem Vladimir Ognovenko, der ohne den rettenden Geldfluss gesellschaftlich vernichtete General, in seinem bassbebenden Elend fast leidtun kann. Stephan Rügamer stattet den falschen Marquis mit tenoraler Hinterhältigkeit aus, Silvia de la Muela ist eine superzickige Edelkurtisane Blanche. Einhelliger Jubel für Barenboim, sein vielköpfiges, hochkarätiges Ensemble und den rührend aufgeregten Tcherniakov.

Eine Inszenierung, die man sich merken muss: Nach nur einer einzigen Wiederholung am Ostersonntag im Rahmen der hochpreisigen Festtage heißt es für diese Spielzeit bereits: Rien ne va plus. Normalsterbliche bekommen den „Spieler“ erst in der nächsten Saison zu sehen.

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