Oper : Sterne sehen

Große Oper in Cinemascope: Verdis „Nabucco“ in der Arena di Verona.

Joachim Lange

Für Veroneser Verhältnisse ist die Abstraktion geradezu kühn: Beim Gefangenen-Chor lässt Regisseur und Ausstatter Denis Krief die Sänger in einer imposanten Raumskulptur Aufstellung nehmen, die mehr als die Hälfte der Spielfläche füllt. Ein wie aus dem Lot geratenes Bücherregal links steht dabei für die Welt der Juden und erinnert an Werke des russischen Avantgardisten Wladimir Tatlin. Die Gegenwelt auf der Rechten gleicht dagegen mehr einer Richard-Serra-Plastik: aufragende, zusammengestellte Schilde, gewölbte Wände mit deutlich militärischer Anmutung. Dahinter nichts als die Steinstufen. Darüber der nächtliche Sternenhimmel.

Mit der Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „Nabucco“ startet die Arena di Verona in ihre 85. Saison. Bis Ende August werden die Kulturtouristen hier außerdem mit einer neu ausgestatteten „Aida“ sowie mit Wiederaufnahmen von „La Bohème“, „Il Barbiere di Siviglia“ und „La Traviata“ beglückt. Experimente sind dabei eigentlich nicht erwünscht. Und auch Denis Kriefs Produktion beschränkt sich letztlich auf eine modernistische Optik.

Peter Konwitschny hatte in seinem Dresdner „Nabucco“ einen verblüffenden Regieeinfall, um die Verantwortung eines Mächtigen für sein Tun zu demonstrieren und um das Publikum mit seinen eigenen Erwartungshaltungen zu konfrontieren. In Italien gehört es zur Art des Opernkonsums – ganz unschuldig und frei von inszenatorischem Hintersinn, versteht sich. Bei Konwitschny kam nämlich das „Va pensiero“ des Gefangenenchors, der zur Hymne des italienischen Patriotismus wurde, zuerst nur aus dem Off. Als eine Halluzination des Königs, der sich zum Gott machen will und in diesem Moment temporär vom Wahnsinn geschlagen wird. Dann erst sangen die Betroffenen dieses Beinahevölkermordes tatsächlich sichtbar auf der Opernbühne. Konwitschny hatte die Idee aus dem Mutterland der Oper: Hier erzwingt das Publikum nämlich gerne ein Dacapo des Gefangenenchors. „Va pensiero“ satt sozusagen. Und weil das auch bei der Premiere in der Arena di Verona wieder so ist, lässt sich der arenabewährte und mit ziemlichem Körpereinsatz das Orchester und seine Sänger anfeuernde Dirigent Daniel Oren nicht lange bitten und blättert zurück, lässt den Gedanken noch einmal fliegen. Und auch der Regisseur dieser nach der „Aida“ am häufigsten in der Arena gespielten Verdi-Oper behandelt die Chorszene wie einen Solitär, der nicht durch „unnötige“ Bewegungen gestört wird.

Man könnte auch sagen: Vor allem bei den Chören, die ja gerade in Verdis erstem großen Erfolg eine tragende Rolle spielen, ist Krief eigentlich nichts eingefallen. Die Herrschaften begeben sich da mehr auf die Bühne, als dass sie einen Auftritt hätten. Und donnern dann manchmal los, als wären sie Solisten, die alle einzeln gehört werden wollen. Wenigstens bleibt ihnen das choreografierte Aufmarschieren erspart, mit dem Nabuccos Mannschaften in unfreiwilliger Komik die Arme schwingen und ihre Körper verdrehen. Gegen diese Spaßtruppe hätten die Leute des Gegenspielers Zaccaria jedenfalls leichtes Spiel.

Bei den Kostümen setzt Krief auf GrauSchwarz – doch ein bisschen mehr nach eroberndem König dürfte Leo Nucci schon aussehen, wenn er da hoch zu Ross hereingeritten kommt. So aber strahlt nur sein Gesang Noblesse aus. Maria Guleghina, setzt für eine kräftig skizzierte Abigaille ihr nicht mehr ganz taufrisches Organ mit ziemlichem Vibrato arenafüllend ein, während Nino Surgualadze als ihre Bühnenschwester Fenena versucht, ihre kleine Rolle zur Primadonnenpartie hochzuspielen. Das fällt kaum ins Gewicht, denn Krief, der laut eigener Aussage eh nichts von interpretierender Regie hält, beschränkt sich auf Tableau-Arrangements und verordnet seinen Sängern allenfalls die große verdeutlichende Geste, wenn Abigaille den verräterischen Brief über ihre Herkunft zerreißt oder wenn der König mit gewaltigem Bühnenblitz und -donner vom Wahnsinn getroffen zu Boden geht.

Das dient der Erkennbarkeit auch noch auf den letzten Steinstufen der antiken Arena. Wirklich bewegend im Sinne einer Geschichte ist das freilich nicht. Aber das erwartet bei diesen nächtlichen Opernspektakeln auch kaum einer.

Infos: www.arena.it

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