Oper : Strahlender Glanz bis in die Spitzen

Koloratur - ein Privileg der Jugend? Natalie Dessay, Diana Damrau und Edita Gruberova stellen ihre Stimmgewalt in Berlin unter Beweis.

Frederik Hanssen

Koloraturen sind ein Privileg der Jugend. Dieses himmelhoch Jauchzende, diese Jubelrufe des Entzückens, die Triller und Rouladen, gewagten Sprünge in höchste Höhen, glitzernden Tonkaskaden und verspielten Verzierungen. Sicher, im Barockzeitalter, als der Gesang strengen rhetorischen Regeln gehorchte, ergingen sich auch Kaiser und Kommandanten in Koloraturen, doch als im 19. Jahrhundert die Opernkomponisten beginnen, Realismus auf die Bühne zu bringen, ihre Charaktere möglichst getreu der menschlichen Natur nachzubilden, da sind es vor allem die frühreifen Mädchen, aufblühenden Teenager und schwer verliebten jungen Frauen, deren Gefühle aus dem übervollen Herzen auf die Lippen drängen, sich in virtuosem Gesang verströmen. Immer an der Grenze, vor lauter Gefühlsüberschwang den Kopf zu verlieren. Denn zumindest in der romantischen Oper ist es vom Freudentränentaumel zum Wahnsinn nur ein kleiner Schritt.

Natalie Dessay hatte am Montag bei ihrem Auftritt in der Deutschen Oper Berlin sowohl den einen wie auch den anderen Seelenzustand im Programm. Als „Deutschlanddebüt“ der französischen Koloratursopranistin war der Abend angekündigt, was allerdings nicht stimmte, denn bereits im März 1997 war Dessay zwei Mal an der Staatsoper Unter den Linden aufgetreten, bei einem Gastspiel des Pariser Théâtre du Châtelet – und wer damals dabei war, als sie unter der Leitung von Pierre Boulez die Titelrolle in Strawinskys „Rossignol“ gesungen hat, wird die atemberaubende Schwerelosigkeit ihrer Stimme noch bestens in Erinnerung haben, die Mühelosigkeit, mit der sie sich in stratosphärische Höhen aufschwang.

„Eine noch höhere Stimme als meine, denke ich, gibt es nicht“, sagte sie damals. Und doch war ihr die Gabe eher Last als Lust, die Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ mochte sie nie leiden, stattdessen träumte sie davon, das Belcanto-Repertoire zu erobern, im Geiste von Rossinis Definition cantar che nell’anima si sente – um Seelenzustände auszusingen. Sie hat sich den volleren, weichen Ton, den das italienische Fach erfordert, mittlerweile erarbeitet, hat auch harte Zeiten durchgemacht, zwei Stimmbandoperationen hinter sich gebracht.

Im Jahr 2008 nun ist eine gereifte Interpretin zu erleben, die mit raffinierter Technik und vollendeter Eleganz ihre Melodielinien formt, mit feinsten Pianissimo-Schattierungen arbeitet, jeden Ton ihrer Koloraturen als Sinnträger definiert, den es mit Bedeutung aufzuladen gilt. Auf ihrer jüngsten, bei EMI erschienen CD ist das beeindruckend nachzuhören. Als Live-Ereignis aber ist Natalie Dessays Berlin-Gastspiel eine Enttäuschung: Gerade mal ein Drittel des zweieinhalbstündigen Abends bestreitet die Französin, wer ihretwegen gekommen ist, muss sich durch einen Berg sinfonischer Petitessen hindurchhören (Dirigent: Pinchas Steinberg). Im Streben nach Tiefenschärfe in der Charakterzeichnung wirft die Sängerin selbst den heiteren Nummern wie Manons Gavotte einen dunklen Schleier über, kauert als Traviata wie ein Häufchen Elend auf einem Stuhl, gibt selbst beim Applaus die Leichenbittermine nie auf und speist am Ende das ekstatisch jubelnde Publikum mit der anspruchslosen Zwei-Minuten- Nummer der Musetta aus Puccinis „La Bohème“ ab.

Da dürften die Zuhörer am kommenden Mittwoch mehr Diva für ihr Geld geboten bekommen. Dann nämlich tritt in der Philharmonie Diana Damrau auf. Die attraktive Sängerin aus Günzburg an der Donau ist seit ihrem frechen Blondchen in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bei den Salzburger Festspielen 2003 die am heißesten gehandelte Koloratursopranistin auf dem Markt, eine hinreißende, mitreißende Darstellerin mit stupender Virtuosität, die noch die heikelsten Verzierungen als Ausdruck emotionalen Aufruhrs glaubhaft zu machen versteht. Der metallische Kern ihres Soprans prädestiniert sie derweil noch für das deutsche Fach, doch wenn man sie auf ihrem aktuellen Album „Arie di Bravura“ als Mozart- und Salieri-Heroinen erlebt, kann man spüren, dass hier eine Interpretin für die dramatischen Herausforderungen wie Bellinis „Norma“ heranwächst.

Sängerinnen wie Diana Damrau und Natalie Dessay, aber auch die technisch über alle Zweifel erhabene, bühnenpräsente Sumi Jo oder Elena Mosuc, die für jede Regie-Idee offen ist und zuletzt an der Lindenoper als an den Rollstuhl gefesselte Maria Stuarda beeindruckte, sie alle umkreisen seit langem den Thron von Edita Gruberova, der Königin aller Koloratursopranistinnen. Doch die Slowakin, die mit ihrem Credo „Je lauter die anderen singen, desto leiser werde ich“ seit fast vier Jahrzehnten Liebhaber des Schöngesangs in Entzücken versetzt, wird ihren Ehrentitel am 9. April zweifellos zu verteidigen wissen, wenn sie konzertant in der Philharmonie (zu Wahnsinnspreisen von 80 bis 218 Euro) Bellinis Druidenpriesterin „Norma“ gibt, diese Traumrolle, die sie sich fast bis zu ihrem 60. Geburtstag aufgespart hat. Wenn es stimmt, dass Koloraturen ein Privileg der Jugend sind, dann ist Edita Gruberova der lebende Beweise dafür, dass Musik einen Menschheitstraum tatsächlich möglich macht: die ewige Jugend.

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