Orchesterleiter : Es gibt ein Leben nach der Klarinette

Der einstige Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker Karl-Heinz Steffens dirigiert jetzt auch. Damit wird ein lange gehegter Traum für ihn wahr.

Frederik Hanssen

So einen Anblick kannte er bei seinem bisherigen Job nicht: Der große Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt ist nur halb gefüllt, als Karl-Heinz Steffens das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach dirigiert. Bis vor wenigen Wochen war Steffens Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker und spielte stets vor ausverkauftem Haus. Doch nach 23 Jahren als Profimusiker, sechs davon beim hauptstädtischen Spitzenensemble, hat er sich entschlossen, seinen lange gereiften Traum zu verwirklichen und sich eine zweite Karriere als Orchesterleiter aufzubauen. Staatsopern-Chef Daniel Barenboim, als Pianist und Maestro selber ein Doppelbegabter, hat ihm die schmeichelhaften Worte mit auf den Weg gegeben: „Ich kennen derzeit keinen besseren jungen Dirigenten“.

Was Karl-Heinz Steffens da am Sonntag seinen Kollegen vom Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach auf die Pulte legen lässt, ist ein exemplarischer Querschnitt durch das gängige Repertoire – Klassik, Romantik, allgemein akzeptierte Moderne – und wirkt auf dem Papier fast wie eine Art selbst auferlegter Tauglichkeitstest. Den er souverän besteht: Bela Bartoks „Divertimento für Streichorchester“ formt er mit bloßen Händen zu atmosphärischer Dichte, das kleine Ensemble entfaltet einen beeindruckend tiefenscharfen Klang, die Stimmen beginnen zu sprechen. Für Tschaikowskys größer besetzte „Rokoko-Variationen“ greift Karl-Heinz Steffens anschließend dann doch zum Dirigentenstab, lässt sich auf ein partnerschaftliches Dialogisieren mit dem exzellenten Cellisten Claudius Popp ein. Welche Art der Unterstützung sich Solisten wünschen, weiß Steffens ja aus eigener Erfahrung.

Sein großes Plus als Dirigent, das er natürlich auch seiner Karriere als Klarinettist verdankt, ist überhaupt die Fähigkeit, mit den Instrumentalisten zu atmen, der Musik einen Puls zu geben. „Rhythm is it“ heißt das bei Simon Rattle, von dem sich Karl-Heinz Steffens auch in Sachen Joseph Haydn einiges abgeguckt haben dürfte. Dessen 103. Sinfonie, die „,mit dem Paukenwirbel“, setzt er spielend unter Strom. Die Ecksätze kommen frühlingshaft-lebensprall daher, das Andante nimmt er ganz wortwörtlich, „gehend“ eben, mit frischem Mut voran! Geradezu bühnenreif das Menuett, das Steffens als Widerstreit der Charaktere inszeniert: empfindsam vs. ungestüm.

Die Berliner Philharmoniker haben einen ihrer wichtigsten Instrumentalisten verloren – die Musikwelt hat einen tatendurstigen Maestro gewonnen. Auf baldiges Wiederhören! 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben