Partnerland Türkei : Auf der anderen Saite

Die Popkomm blickt in diesem Jahr nach Istanbul. Dort verschmelzen musikalische Welten. Aus der Begegnung von Folklore und HipHop entstand ein neuer Sound

Dorte Huneke
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Istanbul wie es singt und lacht. Die Stadt hat musikalisch so einiges zu bieten und ist für Musikbegeisterte ein Must.Foto: Panos Pictures / VISUM

Der Taksim-Platz ist der Verteiler. Früher floss von hier aus Trinkwasser zu den Haushalten der näheren Umgebung. Heute ergießen sich Menschenströme in die Hauptgeschäftsstraße Istiklal Caddesi – von morgens bis zum Morgengrauen. Um das „Denkmal der Republik“ auf dem Taksim-Platz kreisen unter blinkenden Reklametafeln telefonierende Gestalten, die versuchen, ihre Verabredung zu finden – mit Anzug und Krawatte, tokiohotellisch gestylten Haaren und Lederjacke oder im pinken Hemd mit gegelten Haaren. Wer sich gefundet hat, bahnt sich in kleinen Gruppen einen Weg durchs Getümmel, links und rechts von der historischen Straßenbahn, aus der die Fahrgäste ihre Armen heraushängen lassen können wie bei den Cable Cars in San Francisco. Wer nicht rechtzeitig zur Seite springt, weil zwischen Stimmengewirr, Muezzinrufen, Straßenmusikern und der Vielfachbeschallung aus den umliegenden Geschäften die Aufmerksamkeit schwindet, wird hilfsbereit gezogen oder geschubst. Alles ist draußen, alles ist laut. Wir befinden uns in Beyoglu, dem Zentrum der türkischen Musikszene.

„Wir sind nicht angetreten, um der Szene einen Tritt  zu verpassen“, erklärt Chi K., Sängerin der türkischen Newcomerband Zi Punt, deren aktuelles Video „Nudge“ bei MTV Türkei auf Heavy Rotation lief – tanzbare, eingängige elektronische Musik. „Aber wenn die türkische Popszene durch unsere Musik interessanter und vielschichtiger wird, dann ist mir das recht.“ Für westliche Ohren klingt ihr Elektropop nicht neu, doch für viele türkische Hörer ist er eine Neuentdeckung. Die Musik- und Lifestylemagazine haben sich in den vergangenen Wochen auf Zi Punt und ihr Debütalbum „Nudge Nudge“gestürzt wie verhungerte Wölfe auf ein Festmahl. „Die Türkei ist ein großes Land und es gibt viele Künstler – die meisten machen Pop, Rock, Hip Hop, Arabesque oder Volksmusik“, sagt Oguz Kaplangi, Produzent und Gitarrist von Zi Punt. So gesehen sei ihre Musik durchaus neu und anders. Mit seiner Lebensgefährtin Chi K. Leitet er das Label Elec-Trip Records für elektronische Musik mit einem Hang zum Schrägen. Dort sind Undergroundgrößen wie Portecho und Mira unter Vertrag.

Nach Istanbul kamen in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Einwander aus dem anatolischen Osten der Türkei. Sie haben zur Vielfalt der türkischen Musikszene beigetragen, die so experimentell wie konservativ ist. Über 90 Prozent der verkauften CDs stammen von einheimischen Musikern. Die Türkei ist jung – das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren – und traditionsbewusst. In den Cafes zwischen Taksim-Platz und Tünel, dem Ende der Straßenbahnlinie, treten allabendlich Coverbands auf. Das Publikum singt mit und tanzt zwischen Stühlen und Tischen. Das Publikum ist zwischen 18 und 80 Jahre alt, alle lieben MFÖ, die „türkischen Beatles“. Auf eine Papierserviette schreiben sie ihre Wunschtitel – „Gelbe Tulpen“, „An den Ufern der Insel warte ich auf dich“ oder „Die Straßen von Istanbul“ – die in einem Hut eingesammelt und mit ein bisschen Glück auch gespielt werden.

Generationsübergreifend geliebt wird Sezen Aksu, die „Stimme Istanbuls“ und so etwas wie die Erfinderin der türkischen Popmusik. Vor ihr verneigen selbst 16-jährige Rap- und House-Fans ihr Haupt. Die türkische Popdiva, die 1976 ihren ersten Nummer-Eins-Hit feierte und inzwischen 54 Jahre alt ist, ließ sich nicht nur von Fatih Akin zu einem Liveauftritt in seinem Film „Crossing the Bridge“ überreden. Sie singt auch auf dem dritten Soloalbum des Rapstars und Endlos-Stakkato-Meisters Ceza. Ihr kürzlich erschienenes Album „Deniz Yildizi“ (Seestern) ist voller trauriger Melodien, bombastischer Nostalgie und Melancholie – jenem Gefühl von „hüzün“, das Orhan Pamuk in seinem Buch „Istanbul“ beschrieben hat. Die Platte ist eine Hommage an ihren vor zwölf Jahren verstorbenen Lebensgefährten, den türkisch-armenischen Komponisten Onno Tunc. Aksu selbst nannte es ihr persönlichstes Album, von der türkischen Kritik wurde es als ihr bislang bestes gefeiert. Mit dem Stück „Güvercin“ (Taube) setzt sie dem 2007 auf offener Straße erschossenen armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink ein Denkmal.

„Musik besitzt die Kraft, einen bedeutenden Beitrag zur gesellschaftlichen Aussöhnung, einer friedlichen Welt und einer zunehmend freiheitlichen Lebensgestaltung zu leisten“, sagt Ferhat Tunc. Der kurdischstämmige Sänger verbrachte wegen seiner politischen Ansichten und der Liebe zur kurdischen Sprache mehrere Jahre im Gefängnis und im deutschen Exil. Heute lebt er in einer einfachen Wohnung in Cihangir, dem Kreuzberg von Istanbul mit entsprechendem Ausländer- und Kreativen-Anteil, drei Steinwürfe vom Taksim-Platz entfernt. Die sparsame Instrumentalisierung seiner oft schmerzvoll klingenden Lieder führt den Zuhörer in die Vergangenheit. Tunc selbst vergisst allerdings nicht den Blick nach vorn: „Wir sollten nicht nur auf die Probleme und Sorgen unseres Landes, in dem wir leben, schauen, sondern uns auch dessen kulturellen Reichtums bewusst sein, ihn verstehen und fühlen.“ Deshalb wirbt Tunc dafür, traditionelle türkische Instrumente wie Ud, Saz oder Kanun mit modernen Instrumenten zu kombinieren.

Eine Kunst, die vor allem die vielen jungen experimentierfreudigen Bands beherrschen, die in größeren Städten aufgewachsen oder in jungen Jahren an den Bosporus gekommen sind. Dazu gehören Gevende, einer der besten türkischen Liveacts, der auch bei der Popkomm vertreten sein wird. Gevende, so heißen eigentlich jene Musiker, die in Ostanatoliens bei Hochzeiten und anderen Festen spielen. Ein Grund zum Feiern ist der improvisatorische Musikstil, den die fünf Gevende-Mitglieder mit Trompete, Geige, Bass, Schlagzeug, Gitarre und Gesang produzieren, auf jeden Fall – eine Art psychedelischer Folklore-Rock, bei dem traditionelle Elemente im MTV-Schnellschnittverfahren unter unruhige Rhythmen gemischt werden. Eine Soundkarambolage, in der sich die widersprüchlichen Kräfte von Moderne und Tradition spiegeln.

„Wenn man eine Mannschaft aus 15 Leuten, sagen wir einige türkische Klarinetten-Spieler, eine Jazz-Kapelle, DJs, ein paar Baÿlama-Spieler und Rapper, in ein altes Auto packt und anschließend ohne Bremsbelag bergab fahren lässt – was dabei herauskommt, könnte man als Sound von Istanbul beschreiben,“ sagt der Geiger Ömer Öztuyen. „Die Frage der Zugehörigkeit ist zu einem Problem geworden“, meint der Bassist Okan Kaya. „Wohin gehören wir? Das muss jeder für sich selbst beantworten. Das macht das Leben hier manchmal chaotisch.“ Die Songs von Gevende scheinen mitunter aus den Nähten zu platzen vor lauter unterschiedlichen Einflüssen und Instrumenten.

Das Ganze erinnert an die siebziger Jahre und an die neopsychedelische Istanbuler Band Baba Zula, die in Fatih Akins Film „Crossing the Bridge“ mit dem Berliner Neubauten-Gitarristen Alexander Hacke so genannte „Street-Recordings“ produziert hat. Ein Zusammenschnipseln von Straßensounds, um die musikalische Vielfalt Istanbuls einzufangen. Gevende und Baba Zula, aber auch DJ Shantel, treten regelmäßig im Babylon und im Peyote auf, zwei angesagten Musikclubs, die seit den neunziger Jahren der weit verbreiteten türkischen Liebe zur Cover-Version Eigenproduktionen entgegensetzen. Fans der elektronischen Musik hingegen treffen sich im Indigo, einem der teureren Clubs mit aufwändigen Videoinstallationen und hochkarätigen Gästen aus der internationalen DJ-Szene.

Am frühen Morgen türmt sich auf der Straße der Unabhängigkeit der Müll aus den Bars und Clubs, die nach und nach ihre Pforten geschlossen haben. Müllmänner räumen emsig alles beiseite, damit das Spiel in ein paar Stunden erneut beginnen kann. Das Partyvolk isst bei Özsüt noch ein Profiterol, Teigbällchen mit Schokoladensoße, bevor es vom Taksim-Platz aus in alle Richtungen der 15-Millionen-Metropole auseinanderstrebt.

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