Patti Smith : Unter dem Regenbogen

Patti Smith beschwört in der Zitafdelle Spandau den Geist der Flower-Power-Ära.

Nadine Lange
Patti Smith
"Peace will come": Rockpoetin Patti Smith. -Foto: DAVIDS

Mit geballten Fäusten über dem Kopf betritt sie den Ring. Patti Smith ist eine Kämpferin auf einer Mission, programmatisch schon der erste Song des Abends: „People have the Power“, ihr Demonstrationsklassiker. Er klingt poppig-mitreißend wie immer und schafft den perfekten Übergang zum Eröffnungsstatement: „Use your voice!“, ruft sie dem Publikum zu. Ja, so macht man das, Herr Grönemeyer, Mister Bono! Für politisch bewegte Barden gibt es hier einiges zu lernen. Zum Beispiel wie man mit geschlossenen Augen am Mikrofon steht, die Arme weit ausbreitet und dabei absolut unpeinlich „Peace will come“ singt.

Die Zeile stammt aus dem Dylan-Song „Changing of the Guards“, einem der zwölf Cover-Versionen auf Patti Smiths aktuellem Album „Twelve“ (Sony BMG). Man hat das Gefühl, sie hat das Lied vor allem wegen dieser drei Worte über den Frieden ausgewählt. Ebenso dürfte „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones sie aufgrund der Refrain-Zeile „War, children, it’s just a shot away“ angezogen hat. Mit ihrer noch immer faszinierenden Stimmkraft schleudert die 60-Jährige den Satz wieder und wieder in den Hof der Zitadelle Spandau. Und schickt noch ein wütendes Antikriegs-Statement hinterher. Dabei hackt sie nicht auf George W. Bush herum, wie es für US-amerikanische Musiker auf deutschen Bühnen inzwischen zum Standard geworden ist. Denn sie meint nicht nur ihn, sondern alle Kriegstreiber und Gewalttäter der Welt.

Trotz der politischen Aussagen entsteht während des Konzerts nie das Gefühl, agitiert zu werden. Denn Patti Smith bindet ihre Message so souverän in ihre Musik ein, dass ihr Enthusiasmus ansteckend wirkt. Besonders gut gelingt ihr das bei der psychedelischen Adaption von Jimi Hendrix’ Song „Are you experienced?“, der mit einem zarten Dialog zwischen ihrer Klarinette und der E-Gitarre ihres Sohns Jackson beginnt. Langsam kommt auf gedämpften Saiten das bekannte Motiv dazu, schließlich trägt Smiths Gesang das Lied zu einem volltönenden Höhepunkt. In zwei Spoken-Word-Passages fordert die New Yorkerin mit wehenden Haaren zum Kämpfen und Tanzen auf, spricht vom Himmel, der Liebe und der Schönheit.

Das hippieske Flair der Performance wird vom überwiegend älteren Publikum freundlich aufgenommen. Und als Smith mit einer Sonnenblume über der Schulter am linken Bühnenrand auftaucht, ist das ein wunderbar versöhnliches Bild: Eine Ikone des Punk trägt ein Flower-Power- Symbol. Auf ihrem T-Shirt ist ein Peace-Zeichen und das Wort „Love“ zu erspähen. Die Dresscodes der frühen Punkjahre scheinen vergessen. Eigentlich war Patti Smiths Genre schon immer Rock – was sie mit einem hoch energetischen „Free Money“ von ihrem berühmten Debüt „Horses“ (1975) umgehend demonstriert. Der Song erstrahlt unberührt vom Staub der Jahrzehnte – wie der Rest des nostalgiefreien Programms.

An Patti Smith’ linker Seite steht wie eh und je Lenny Kaye. Schon bei ihrem ersten Auftritt in der St. Mark’s Church vor mehr als 36 Jahren begleitete er sie an der Gitarre. Ob an der Akustikgitarre oder an der blau-weißen Fender – Kaye steuert die Band mit seiner effektiven Spielweise. Manchmal schlägt er nur die Begleitung und lässt den 25-jährigen Jackson Smith die Leadgitarre spielen. Der versteckt sich zwar hinter Vollbart und Schiebermütze, wirkt aber sicherer als vor fünf Jahren beim Konzert seiner Mutter auf der Museumsinsel.

Einmal hängt sich Patti Smith auch selbst eine akustische Gitarre um. Da es gerade zu regnen begonnen hat, versucht sie, die Wolken mit einem süßen „Rain, rain go away, little Patti wants to play“ zu vertreiben. Das klappt nicht ganz, dafür zeigt sich am Ende des Lieds ein Regenbogen. Das Wetter regt die Rockpoetin zu Plaudereien an. So leitet sie den Jefferson-Airplane-Titel „White Rabbit“ mit der skurrilen Geschichte ihres nachmittäglichen Berlin-Ausflugs ein, bei dem sie auf der Suche nach einem Café am Bahnhof Zoo zwischen nackte Männer geriet (offenbar der Christopher Street Day) und schließlich von einem drei Meter großen Hasen bedient wurde.

Nach den Drogen kommen die Hits: „Because the Night“ und „Gloria“ dürfen in keinem Patti-Smith-Set fehlen. Berührender sind die beiden Zugaben. Bei Lou Reeds „Perfect Day“ glaubt man ihr jeden Buchstaben. Und als furioses Finale spielt sie „Babelogue/Rock ’n’ Roll Nigger“ – inklusive hinzugedichteter Ökobotschaft. Ex-Umweltminister Jürgen Trittin im Publikum wird sich gefreut haben.

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