PeterLicht : Der unsichtbare Songwriter

Anfangs war PeterLicht ein guter Witz. "Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck. Bin ich, bin ich" sang er 2001 mit lustigen NDW-Keyboards im Hintergrund - ein leichter, rätselhafter Sommerhit. Ein paar Jahre später war PeterLicht mit "Lieder vom Ende des Kapitalismus" nicht nur bei einer der besten politischen deutschsprachigen Platten ever angekommen, sondern gewann auch beim Bachmann-Literaturwettbewerb den Publikumspreis. Und das alles, ohne sein Gesicht in den Medien zu zeigen. Sein viertes Album erscheint am Freitag und heißt "Melancholie und Gesellschaft".

Peer Göbel
PeterLicht
PeterLicht. Sein neues Album spricht Bände. -Foto: promo

Da stand ich mit einem Textblatt in der Hand auf diesem Festival im Publikum und sang mit hunderten anderen: "Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt". Ich war einer, und ich war einer von vielen. War es das Äußerste, was wir in karrierevernarrten Zeiten noch an Solidarität finden konnten, war es ein Ausgangspunkt? Oder war es das Banalste – der Beweis, dass Popmusik eben die Gedanken und Bedürfnisse von vielen treffen muss? Oder hielten wir gerade der coolen Indie-Haltung in ihrer Ähnlichkeit zum Stadionpop den Spiegel vor? Oder machte es einfach Spaß, das merkwürdige Wort "Sorge" mal laut zu singen und damit die Sorge kleiner werden zu lassen?

Und wer war dieser Mann auf der Bühne, der wie ein Bi-Ba-Butzelmann auf und ab hüpfte, wahrscheinlich in seinen Mittdreißigern, ich glaube, er war blond, trug Spex-Brille und geknöpftes Hemd: Eher mein lokaler Bankangestellter, als einer der heißesten Songschreiber unserer Zeit. Und an der Seite hingen Schilder: Bitte nicht fotografieren!

PeterLicht ist der unsichtbare Songwriter. In den Medien tritt er nicht mit Gesicht in Erscheinung. In seinen Liedern kommt er als Person nicht vor. "Es geht nicht um meine Person", sagt PeterLicht im Interview. "Ich bin nicht relevant. Ich bin überflüssig." Bei Harald Schmidt setzte er durch, nur vom Kopf abwärts gezeigt zu werden. Bei seiner Teilnahme am Bachmann-Lesewettbewerb, wo er 2007 den Publikumspreis gewann, wurde er nur von hinten gefilmt.



Quelle: Google Video

Kopflos bei Harald Schmidt im Mai 2006



Quelle: Youtube.com

PeterLicht liest beim Bachmann-Wettbewerb 2007

Das ist Verweigerung, funktioniert aber auch als Verkaufsmasche, denn aus dieser Logik kommt niemand raus: Die Marke PeterLicht hat sich durch den Entzug am Musikmarkt platziert. Wie man's auch macht, es gibt kein Entkommen. Folgerichtig zitiert PeterLicht auf "Melancholie und Gesellschaft" Adorno. In "Stilberatung" heißt es: "Es gibt keinen wahren Po im falschen". Es ist ein pfiffiges Lied, einer der zahlreichen Ohrwürmer der Platte: "Bitte nie mehr Sexualität zeigen", ruft PeterLicht beschwingt den Medien- und Warenproduzenten zu.

Überhaupt schäumt das neue Album manchmal über vor Spielfreude. Der Solokünstler PeterLicht hat eine Liveband um sich geschart, die nun auch den Klang des Albums ausmacht. Die elektronischen Beats sind vollkommen verschwunden, stattdessen regieren Klavier und Akkustikgitarre, ein souveränes Schlagzeug, manchmal mehrstimmiger Gesang. Was früher etwas kaputter nach Bastelei am eigenen Computer klang, wirkt nun wie ein gediegenes Jazz-Quartett, das keinen Jazz spielt. Und die Balladen erst: Streichermeere, elegische Klaviernummern und nachdenkliche Formen.

Wortgewalt hatte PeterLicht auch auf seinen früheren Platten unter Beweis gestellt, und auf "Melancholie und Gesellschaft" dringt tatsächlich oft die Gewalt in die Texte ein: "Die Vergeltungsschläge kommen ja erst gegen Mittag / Bis dahin haben wir noch etwas Zeit / um alte Schulden heimzuzahlen (...) / oder Völker zu verwünschen oder Fahnen zu verbrennen" (aus: "Marketing").

Die Systemkritik und ihre Widersprüche, die sich der Vorgänger "Lieder vom Ende des Kapitalismus" noch groß auf die Fahnen geschrieben hatte, ist weniger plakativ geworden, eher fragend und an das Private rückgekoppelt. Das Schlüsselstück "Marketing" verbindet die Sprache des Krieges, der Philosophie, der Medienbranche.

Das offensichtlich Lustige ist bis auf wenige Ausnahmen in den Hintergrund getreten, gegenüber komplexen Sprachspielereien. Lediglich das "Trennungslied" reiht sorglos, fatalistisch und hoffnungsfroh Namen und Reime auf.

Und immer wieder entziehen sich die Assoziationsspiele und Bilder einer eindeutigen Lesart. Einfache Slogans hatte PeterLicht noch nie zu bieten, aber doch manchmal Sätze, die mehr im Gedächtnis blieben. "Melancholie und Gesellschaft" ist ein Wortungeheuer, verbunden mit manchmal euphorischer, manchmal elegischer Musik. Ein Wortungeheuer, das eine eigene Poesie vorantreibt und in sprachspielerischer Weise ins Herz der Gegenwart vordringt: der Krieg, die Medien, das Individuum. Ein unsichtbarer Songwriter für Zeiten, in denen der Mensch unsichtbar ist.

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