Pianist : Größer als Lang Lang?

Shengliang Zhang ist die Sensation des Abends. Die Finger des zehnjährigen Pianisten fliegen über den Flügel und stellen das Orchester des Festivals Young Euro Classic in den Schatten. Der Wunderknabe aus China scheint nur ein Ziel zu haben: Er will besser werden als Lang Lang.

Christiane Peitz
Shengliang Zhang
Ein Wunderkind wie einst Mozart? -Foto: Bienert/Young Euro Classic

Der Junge ist ungeduldig. Verbeugt sich nicht lang, will gleich Zugaben spielen, bekommt aber erst eine Blume, flitzt raus, läuft zurück zum Flügel, intoniert was Chinesisches, verneigt sich noch mal, um in Windeseile einen Rausschmeißer hinterherzuschicken. Schon vorher, während Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488 konnte er es kaum erwarten, dass das Adagio endlich vorbei ist. Langsame Sätze? Erwachsenenkram.

Shengliang Zhang ist zehn Jahre alt, ein chinesischer Wunderknabe mit Segelohren in Uniform. Wippt im Takt und dirigiert mit, wenn die Finger mal nicht über die Tasten fliegen. Der will immer nur spielen! In China nennen sie ihn auch Niu Niu („Kleiner Bulle“). Letztes Jahr trat er mit Schostakowitsch in der Londoner Wigmore Hall auf, demnächst ist die Carnegie Hall dran. Niu Nius Ziel: Er will besser werden als Lang Lang.

Ein wieselflinker, gertenschlanker Mozart ist das. Dirigent Muhai Tang entlockt dem Ensemble aus Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie und des Konservatoriums Schanghai, die eine Woche gemeinsam probten und nun zur China-Tournee aufbrechen, einen betörend geschmeidigen Klang. Beethovens Fünfte hatten die Musiker aus Schanghai vor acht Tagen im Konzerthaus rasant angepackt: Das ungeduldige Boomland China verwandelt sich Europas Klassiker an, als sei’s beherzte Zukunftsmusik.

Zhang spielt mit Mozart, wie andere Kinder Ball spielen: selbstvergessen, unmöglich zu bremsen. Wenn er sich im Adagio dann doch diszipliniert – die entschwebende Klagemelodie jetzt bitte ganz zart anschlagen! – ertappt man sich bei seltsamen Fragen. Wie viel Drill steckt im Genie? Saß Mozart damals genauso vor seinem Publikum? Kann man musikalisches Gefühl ähnlich einüben wie Geläufigkeit? Was ist zuerst da: die Technik, die zur Emotion befähigt, oder die Empfindung, deren Ausdruck Technik erfordert? Der chinesische Klarinettist schickt Zhangs Krokodilstränen echte Tränen hinterher, er ist vielleicht 20. Klingt seine Musik nach Seele, weil er den ersten Liebeskummer schon hinter sich hat? Nur wer die Sehnsucht kennt: Welches Mindestalter erfordert die Kunst?

Die Sensation des Zehnjährigen am Flügel überschattet das gesamte Konzert. Das ist unfair. Denn das Festivalorchester – ein ähnliches Campus-Orchester war bereits im Vorjahr zusammengekommen – hat mehr zu bieten als Jugendflair. Die Lautmalerei der beiden Uraufführungen, Stefan Johannes Hankes minimalistischer „Flammengesang“ und Musheng Chens verwegener „Traum im Pfingstrosengarten“: loderndes Blech, flirrende Streicher, duftige Aquarelle, erdige Resonanzen – die vier Elemente en miniature. Bei Chen ertönen über Lautsprecher Zitatfetzen aus der traditionellen Kunqu-Oper, und das Berliner Konzerthaus weitet sich zum fantastischen Echoraum für alle nur denkbaren Vergangenheiten.

Bei Brahms’ Erster Sinfonie schließlich kittet Muhai Tang erneut mit elegantem Armschwung sämtliche Patzer, und wieder betonen die Musiker das Organische. Alles fließt: Motive erblühen und ersterben, verpupptes Pathos zwischen sammetweichen Zäsuren. Vielleicht ist das so, wenn Chinesen und Deutsche gerade anfangen, miteinander zu spielen: dass sie zuerst das Diplomatische betonen.

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