Pianist Lang Lang : Wild und weise

Es ist immer wieder ein Erlebnis, den Wunderpianisten Lang Lang bei seiner Kunst zu beobachten. Dieses Mal in der Berliner Philharmonie.

Christine Lemke-Matwey
Lang Lang
Ein Genuss: Künstler Lang Lang am Piano. -Foto: dpa

Für einen Moment, als das musikalische Urwissen sich im Saal geradezu klumpt und alle Fragen nach guter oder weniger guter Interpretation erlöschen, schiebt sich plötzlich ein Bild des alten, ja greisen Lang Lang vors innere Auge: Wie er mit grauer Mähne an den Flügel tappt, umständlich sein Taschentuch platziert, ächzend Platz nimmt und geduldig darauf wartet, dass auch der letzte brüllende Huster verstummt. Der chinesische Wunderpianist Lang Lang wird dieses Jahr 26, und man kann sich in der Tat schwer vorstellen, dass er mit 56 oder 86 irgend weiser und weiter wäre oder mehr er selbst als heute. Das mag ein schlechtes oder ein gutes Zeichen sein. Was hat man von einem Genie noch zu erwarten, das schon so fertig auf die Welt kommt?

Lang Lang indes ist schlau und gewieft und selber neugierig genug, an diesem Abend in der Berliner Philharmonie sein Entwicklungspotenzial wenigstens kostprobenweise aufblitzen zu lassen. Zunächst einmal wirkt er ernster als in den Jahren zuvor, außerdem macht er am Klavier deutlich weniger Faxen. Und auch das Programm stützt die These vom Erwachsenwerden. Vorneweg, böse gesagt, eine romantisch-freie Improvisation über Mozarts Klaviersonate KV 333 (nein, natürlich die Sonate selbst, mit extremen Temporückungen und allerlei jazzigen Vorschlägen geradezu pfingstwunderlich intoniert). Und hinten raus die reine Virtuosenfreude: Granados’ „Los requiebros“, die am Ende gar die Pianistenfüße tanzen lassen, und Liszts aberwitzige Ungarische Rhapsodie Nr. 6, von mindestens 40 Fingern gespielt, die öffentliche Entfesselung geheimer Mächte.

Schon vor der Pause aber macht der Chinese mit Schumanns gewaltiger C-Dur Fantasie klar, dass es ihm um mehr zu tun ist als ums bloß Circensische. Form und Orientierung mögen seine Sache nicht sein, auch muten die drei Satzschlüsse arg gedrechselt an. Trotzdem möchte man rufen: Gebt dem Mann eine Orgel, auf dass er seinen Klangfarben und -gestalten noch mehr Reichtum, mehr Wucht verleihe! Und wenig später: Schenkt ihm den Bayreuther Orchestergraben!! Denn idiomatischer, dramatischer, liebestrunkener, todessüchtiger und wollüstiger hat man Isoldes Liebestod (in der Liszt-Transkription) nie gehört. Als schrien sich die Noten selber die Seele aus den Hälsen. Ob Lang Lang jemals in einer Wagner-Oper war? Keine Chance, bei 150 Auftritten pro Jahr. Nach zwei vollen Stunden Musik steht ihm die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Jubel, Ovationen. Und nur eine einzige dürre Zugabe. Das Alter, was sonst. Christine Lemke-Matwey

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