Plattenkritik : Interpol - Lust an der Rock-Platte

Darf man das? Eine ebenso prominente wie von Kritikern geschätzte Band macht Musik ohne erkennbaren Bezug auf die 60er, 70er oder 80er, ohne allzu viel Studio-Tam-Tam. Ja, Interpol darf und im besten Fall kommt dabei ein lässiges, fast beiläufiges Album heraus, das Rockmusik als das erkennbar macht, was sie einmal war. 

Martin Väterlein

Die neue, vierte Platte ist ein Abschiedsalbum. Nach den Aufnahmen verließ Keyboarder und Bassist Carlos Dengler überraschend die Band. Begründung: Er konnte das Bassspielen noch nie richtig leiden.
Das ist überaus bedauerlich, denn gerade sein Umgang mit dem so ungeliebten Instrument war eine der großen Stärken Interpols. In diesem Punkt ähneln die New Yorker den Kollegen von New Order. Auch bei diesen halfen überzeugende Basshooks das ein oder andere Mal über nicht ganz so überzeugende Songideen hinweg.
Und tatsächlich fehlen auf Interpol die richtig großen Songs, die unsterblichen Melodien. Es dominiert tiefe Melancholie und eine etwas in die Jahre gekommene, nicht mehr ganz so jugendliche Sehnsucht. Die leicht übertriebenen pathetischen Gesten früherer Aufnahmen sind einer gelassenen Frustration gewichen. Das klingt über die Gesamtlänge der Platte einfach wunderbar. Produzent Alan Moulder hat Großes geleistet und gemeinsam mit der Band ein Album geschaffen, das diesen Namen verdient. Denn hier zählt das Ganze.
Dieser Ansatz mag in Zeiten von mp3 überholt wirken, Interpol treten jedoch den Beweis an, dass eine gute Rock-Platte mehr sein kann als die Summe ihrer Einzelteile.

Mit dem Tortoise-Bassisten David Pajo ist übrigens schon ein Ersatz für Carlos Dengler gefunden worden. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Wechsel auf künftige Produktionen auswirken wird. Interpol bleiben interessant.


Neu auf Vinyl:

Das unnötigste Comeback des Jahres liefern OMD. Auf History of Modern sind es vor allem die wenig zeitgemäßen Sounds und die dünnbrüstigen Texte, die das Hören zum Ärgernis werden lassen. OMD mögen einmal weit vorn gewesen sein. Heute zählen sie allenfalls noch zur Geschichte der Moderne und sind von ihren musikalische Erben längst überholt worden.

Ganz anders Grinderman mit ihrem Frontmann Nick Cave. Der bleibt bei seinem Seitenprojekt weiterhin schön grimmig und lässt auch auf Grinderman 2 gemeinsam mit seiner Band das Tier im Mann heraus und die Bärte sprießen. Die LP dazu erscheint mit beigepackter CD.

Freunde etwas härterer Gitarrenmusik im Stil der 70er Jahre werden Wilderness Heart von Black Mountain mögen. Die US-Band gibt sich nicht mehr ganz so versponnen und experimentierfreudig wie auf den Vorgängeralben, liefert aber doch wieder einen hörenswerten Trip entlang der Ortschaften Folk, Hard Rock, Psychedelic und Blues hin.
 

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