Plattenkritik : Rihanna: Gereift in Rosa und Lila

Ein Album, auf das sich die ganze Familie problemlos einigen kann - und auch gar nicht so laut. Zart, aber rebellisch: Rihannas "Loud".

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Only Girl. Rihanna.
Only Girl. Rihanna.Foto: Universal

Das Berufsleben gerade von weiblichen Pop- und R&B-Superstars ist wirklich kein Zuckerschlecken. Mit jedem neuen Album müssen sie sich die Frage stellen: Wer will ich dieses Mal sein? In welche Rolle möchte ich schlüpfen? Heißt es doch, sich zu behaupten, den Unwägbarkeiten des Popmarktes stets aufs Neue ein Schnippchen zu schlagen. Eine Madonna, die das Spielen mit wechselnden Images zu einer hohen Kunstform gemacht hat, inzwischen robuste 52 Jahre alt, dürfte ganz blass werden, wenn sie einer jungen Kollegin wie Rihanna angesichtig wird. „Loud“ (Def Jam/Universal) ist das schon fünfte Album der 1987 auf Barbados geborenen Rihanna, und die Anzahl der von ihr gespielten Rollen fällt um einiges höher aus.

2005, als Rihanna mit 18 Jahren debütierte, war sie noch das brave Girl von nebenan. „A girl like me“ mit viel Sonne im Herzen und in ihrer Musik, das nicht viel mehr wollte, als Erfolg zu haben. Das klappte, zunächst in den USA, später überall auf der Welt. Unter Anleitung ihres Mentors Jay-Z wurde Rihanna zum „Good Girl Gone Bad“ und mit dem Stück „Umbrella“ zum Superstar. Richtig böse zu sein aber gelang ihr nicht, geschweige denn dass jemand wusste, wer nun wirklich mit ihr unter den Regenschirm durfte. Trotz ihrer Bemühungen galt sie als Popsternchen ohne echte Eigenschaften – bis ihr Freund Chris Brown dazwischenfunkte und sie übel verprügelte. Rihanna hatte eine Geschichte bekommen, die das Leben schrieb, nicht ihre Manager und Imageberater. Was diese nicht davon abhielt, ihren Schützling auf dem 2009er-Album „Rated R“ als wütende Amazone, kühlen Cyborg und rachdurstige Lack-und-Leder-Frau zugleich in Stellung zu bringen.

„Loud“ zeigt wieder Rihannas sanftere Seite. Rosa ist die Farbe der Wahl. Rihanna posiert als mal wildes, mal zartes Rosenmädchen. Die Porträtfotos auf dem Albumcover aber sollen keine Zweifel aufkommen lassen. Rihanna ist zur gereiften, vom Leben gezeichneten Frau geworden. Die natürlich auch ihre neueste Errungenschaft zeigt, ein Tattoo am Hals, die in lila gestochenen Worte „rebelle fleur“, rebellische Blume (was ja original „fleur rebelle“ heißt, aber egal). Eher weniger rebellisch und gar nicht so laut ist die Musik auf dem von mehreren Produzenten arrangierten Album. Es gilt schließlich, eine in die Millionen gehende, keineswegs nur junge Fangemeinde nicht vor den Kopf zu stoßen, zumal „Rated R“ einige bratzende Gitarren zu viel aufwies.

„Loud“ ist ein Album, auf das sich die ganze Familie problemlos einigen kann: mit ein paar primitiv stampfenden, mitunter bohrenden, an Billigtechno gemahnenden Tracks wie dem Eröffnungsstück „S & M“ oder „Only Girl (In The World)“; mit Schmachtfetzen wie „What’s My Name“ oder der herrlich sehnsüchtigen Hymne „Cheers“. Aber auch mit Ausflügen in den Dancehall, die zeigen, dass Rihanna nicht nur anständig singen, shouten und schmachten kann, sondern zu toasten versteht. Vorsichtige Vielseitigkeit heißt das musikalische Gebot von „Loud“, die Grundstimmung ist positiv bis freudig erregt. Und wenn Rihanna mit Hip-Hop-Bösewicht Eminem den Überhit „Love The Way You Lie“ anstimmt, weiß man: Nächstes Mal wird wieder alles ganz anders. Gerrit Bartels

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