Pop-Export : Fakesch, Schnauss et al: Die Krautpopper

Deutsche Musiker wie Michael Fakesch und Ulrich Schnauss sind in London gefragt. Dort empfinden sie die Szene als weniger strikt.

Markus Hesselmann
Fakesch
Michael Fakesch tourt mit Taprikk Sweezee durch die Welt. -Foto: K7

Backstage im Luminaire-Club im Londoner Stadtteil Kilburn: Es ist noch etwas Zeit bis zum Auftritt, da diskutieren Michael Fakesch und Taprikk Sweezee gern ein bisschen über Musik. Ihr Heimatland ist das Thema, deutsche Musik, die diesmal im Mittelpunkt der Popkomm-Messe stehen wird. „Das heißt für mich nicht deutschsprachige Musik“, stellt Michael Fakesch erst einmal klar. „Die wahre deutsche Musik ist doch elektronische Musik.“ Da schwingt er mit, der Traditionsstrang von Kraftwerk bis Paul van Dyk, von den elektronischen Ausläufern des Krautrock bis zur deutschen Schule des Techno. Mit seiner Band Funkstörung war Fakesch Teil dieser Tradition und hat sich eine weltweite Fangemeinde erarbeitet. Jetzt tourt er mit dem Sänger Nikolai Ockel von Sallwitz alias Taprikk Sweezee, der ihn auch auf seinem Soloalbum „DOS“ unterstützt. Sweezee singt englisch, klingt ein bisschen wie der frühe Prince – und verehrt Udo Lindenberg. „Er ist wirklich innovativ mit der Sprache umgegangen“, sagt Sweezee. Musikalisch sind er und Fakesch allerdings eher von Techno als von Deutschrock beeinflusst. Nach ihrem Auftritt in London bringen sie ihren scheppernden Elektrofunk jetzt auch bei der Popkomm in Berlin auf die Bühne.

Fakesch und Sweezee sind längst nicht die einzigen deutschen Künstler, die sich in diesem Jahr in der Popmetropole London sehen ließen. Cluster und Faust, alte Helden des Krautrock, begeisterten bei ihren Auftritten auch viele jüngere Fans. Am selben Augustabend, an dem Paul van Dyk 20 000 Raver in einem Südlondoner Park zum Tanzen brachte, legte Timo Maas im Club The End im Londoner West End auf. Der deutsche Techno-DJ ist dort häufig zu Gast. Hinzu kommen Künstler, die sich mit ihren deutschsprachigen Texten eher an die ungefähr 60 000 Menschen starke German community in der britischen Hauptstadt wenden: Die Fantastischen Vier füllten das Forum in Kentish Town mit 2000 Fans, Wir sind Helden spielten beim „iTunes Festival“ des Institute of Contemporary Arts. Und der Wahl-Londoner Herbert Grönemeyer singt in dieser Woche in der Royal Albert Hall.

Mit seiner Londoner Plattenfirma Grönland unterstützt Grönemeyer das, was Fakesch die „wahre deutsche Musik“ nennt. Dabei geht längst nicht alles. „Es muss anders klingen als das, was es hier ohnehin schon gibt“, sagt René Renner, Grönlands Managing Director. Neben den Krautrock-Heroen Neu! und Harmonia nennt er Digitalism und Ulrich Schnauss als Beispiele für deutsche Künstler, die etwas Eigenes hinzufügten zum Pop auf der Insel. Gods of Blitz oder die Grönland-eigene Berliner Band Pet dagegen hätten es schwer, denn sie klängen zu sehr wie das, was britische Bands selbst liefern. „Die Engländer haben Probleme damit, den Popsong aus Deutschland anzuerkennen“, sagt René Renner. Für sie kämen Popsongs in erster Linie aus dem eigenen Land sowie aus Skandinavien und den USA. Unter diesem Vorbehalt litten aber nicht nur deutsche Künstler. Die französischen Indiepopper Phoenix, ansonsten allseits geliebt, hätten in Großbritannien auch Probleme.

Ulrich Schnauss aber musste von Deutschland nach Großbritannien gehen, um anzukommen. „Ich bin in die elektronische Szene in Berlin nicht so richtig reingekommen“, sagt er, „obwohl ich es versucht habe.“ Mit seinen raumgreifenden, unter anderem von Tangerine Dream inspirierten Klangkaskaden wich Ulrich Schnauss wohl zu weit ab vom gängigen Ideal des minimalistisch stampfenden Techno. Jetzt lebt er in London. Die Szene dort hält Ulrich Schnauss für viel weniger strikt. „Wenn ich in Berlin zum Beispiel mal etwas von Oasis gelobt habe, dann bin ich gleich schräg angeschaut worden.“

Er müsse raus aus Deutschland, habe ihm sein Mentor Edgar Froese geraten. Schließlich habe Froese mit Tangerine Dream Ähnliches erlebt. Jetzt remixt Ulrich Schnauss Depeche Mode oder den Elektronikpionier Hans-Joachim Roedelius, womit er sich fern der Heimat dann auch wieder um das deutsche Musikerbe verdient macht. Für Berlin und die Popkomm hat Ulrich Schnauss keine Zeit. Er ist für zwei Wochen in den USA auf Tour.

Michael Fakesch und Taprikk Sweezee treten heute Abend bei der !K7 Popkomm Party im 103 Club in der Falckensteinstraße 47 in Kreuzberg auf. Eintritt 12 €, Beginn 23 Uhr.

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