Pop-Kritik : Ein Cocktail in Babylon

Der Disco-Trend hält an: Sowohl die Scissor Sisters als auch Kylie Minogue starten mit Dance-Alben in den Sommer.

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Komm' näher: Die Scissor Sisters mögen es lasziv.
Komm' näher: Die Scissor Sisters mögen es lasziv.Foto: Universal

Liebe Herr-der-Ringe-Fans, ihr müsst jetzt tapfer sein. Gandalf steigt nämlich von seinem hohen Ross herab und in den Darkroom hinab. Das ist nicht ganz jugendfrei, denn während sich der alte Mann auf seinen Einsatz vorbereitet, weht bereits Amylnitrit durch seine Nase, ein Stoff, der auf Sexpartys genauso beliebt ist wie auf Elektro-Raves.

Während Gandalf also hinabsteigt, hält er eine flammende, beinahe Shakespeare’sche Rede, so schlüpfrig wie ein Beate-Uhse-Heftchen, nur viel eleganter formuliert. Mit seinem Macbeth-Bass beschwört er ein Babylon voller Begierde, Aufschneiderei, Stroboskoplicht, bemalter Huren und aufgegeilter Gladiatoren herauf. Und wie er das sagt, merkt man, dass er das ziemlich gut findet. Gandolf führt uns direkt zum Bacchanal, einer Art kopulierenden Tanzfläche, die vom pulsenden Rhythmus angetrieben wird.

Ja, so dreht sich das Assoziationsrad, wenn man die Stimme des Schauspielers Ian McKellen in „Invisible Light“ hört, dem letzten Titel des neuen Scissor-Sisters-Album „Night Work“. Es ist gleichzeitig der Höhepunkt der Platte. Willkommen in der Disco der Scissor Sisters, die auch der Resonanzraum von Kylie Minogues „Aphrodite“ ist. Willkommen im Menschenhaufen, der sich in ihrem neuen Video „All The Lovers“ zu einer Pyramide der Lust formt.

Es ist kein Zufall, dass sich innerhalb von einer Woche zwei Alben mit der Neufassung der einst so verpönten Musikrichtung Disco beschäftigen. Denn wenn es derzeit einen Trend in der elektronischen Musik gibt, dann den, die vergessenen Ursprünge der Partymusik auszugraben. Die Lieder zitieren auf unterschiedliche Weise die Ursuppe. Die Sisters forschen den düsteren, teils schwülstigen Beat-und-Bass-Gebilden nach, die vor der Beschleunigung durch House und Techno kamen. Kylie Minogue dreht dann das Licht im Club an und spielt einen sonnendurchfluteten Disco-Pop, ein krachendes und durchweg positives Update. Hintereinander gehört, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, zwei Seiten derselben Medaille im CD-Spieler zu haben.

Zusammengehalten wird die hedonistische Zitatfülle von einem Mann: Es ist der Londoner Produzent Stuart Price, der Fachmann für Synthie-Pop-Veredlung. Auf sein Konto gingen einige lichte Momente der jüngeren Popgeschichte: Er brachte Madonna wieder mit ihren Disco-Wurzeln in Berührung, famos eingefangen in dem Hit „Hung Up“, und er demontierte mit der Synthieballade „Human“ das Rocker-Image der amerikanischen Band The Killers. Nun hat er sowohl das neue Album der Scissor Sisters als auch das von Kylie Minogue produziert.

Im vergangenen Jahr flog er an einem Samstagabend nach Berlin und traf sich mit Jake Shears, dem Sänger der Scissor Sisters. Shears lebte drei Monate in Kreuzberg, weil er Abstand brauchte von New York, der Musik, der Band. In einem atemberaubenden Tempo hatten sich die Scissor Sisters in den Pop-Olymp geschossen – innerhalb von fünf Jahren verwandelten sie sich von einem New Yorker Trash-Duo (Shears und Soundtüftler Babydaddy) zum fünfköpfigen Millionenseller samt Partyhymne. Ihr Hit „I Don’t Feel Like Dancing“ gehörte 2006 zu den meistgespielten Radiotiteln. Nach einer strapaziösen Ochsentour um die ganze Welt drohte der Kollaps. Der Schlagzeuger stieg aus, Gitarrist Del Marquis nahm eine Soloplatte auf – und Shears eine Auszeit.

Und was fand er in Berlin? Genau jene Musik, die Mitte der Siebziger auf New Yorker Lagerhauspartys entstanden war: Disco. Im Tape Club feierte die „Horse Meat Disco“ den ursprünglichen Sound vor der Kommerzialisierung durch die Bee Gees und Boney M. Die Partyreihen „Pet Shop Bears“ in der Berghain-Kantine und „Cocktail D’Amour“ in einem Loft an der Reichenberger Straße gruben ebenfalls Disco-Schätze aus und reicherten sie mit modernen Beats an. Nach Jahren des hochbeschleunigten Tanzens nahmen die DJs das Tempo aus der Musik – und gaben den Tanzenden mal wieder Zeit, sich in die Augen zu schauen. Genau das wollte Shears, deshalb bat er Stuart Price nach Berlin, ging mit ihm in den Tape Club und fand den Klang für „Night Work“.

Es ist jedoch keine eindimensionale Platte geworden. Auf „Night Work“ findet sich immer noch der kabarettartige Ton der Band, es gibt Gitarrensoli, Texte zum Erröten und mit der ersten Single „Fire With Fire“ auch eine Feuerzeug-Ballade. Insgesamt ist der Ton aber straffer geworden, kühler und elektronischer. Nie klangen die Scissor Sisters moderner, stärker verankert in der Clubkultur. Es ist eine Lust, dieses Album zu hören – das hätte man nach der Überdudelung ihres letzten Werkes nicht für möglich gehalten.

Lust ist natürlich auch das Stichwort für die Göttin der Liebe, als die sich Kylie Minogue auf ihrem elften Studioalbum inszeniert. Sie bricht mit „Aphrodite“ in das Territorium von Hochglanz-Chic, Poolpartys und Softporno auf. Während die Sisters gewissermaßen im Keller des Clubs nach rauen Klangmustern und gebrochenen Biografien suchen, steht Kylie bereits auf dem Dach desselben Gebäudes und nippt an einem Cocktail.

Ihr Sound klingt nach Ibiza-Rave, Sommerhit und Abdreh-Hymne. Lieder wie „Put Your Hands Up“ and „Get Outta My Way“ sind perfekt produzierter, leider manchmal auch seelenlos klingender Pop. Für Fans ist das wahrscheinlich eher eine gute Nachricht, denn so sieht seit 22 Jahren das Rezept der Australierin aus – mit Ausschlägen nach oben und unten. Oft überragten ihre Singles die Alben. So fiel etwa die Platte „Fever“ zum Überhit „Can’t Get You Out Of My Head“ deutlich ab. Stuart Price gelingt es nun, das gesamte Album auf einem anständigen Niveau zu halten. Das kann man vielleicht zum ersten Mal von einer Kylie-Platte sagen. Natürlich klotzen, hämmern, knallen und zischen die Synthesizer, House- Piano-Riffs und Beats, als sollten die Lautsprecher gleich wie Feuerwerkskörper in die Luft gehen – aber die Stampf-Disco funktioniert. Noch eine gute Nachricht: Es gibt keine Quotenballade.

Jake Shears hat übrigens an einem Lied auf Kylie Minogues Album mitgeschrieben. Es heißt „Too Much“, und da dreht sich die Discokugel noch einmal wie im Schnelldurchlauf. Wer dem widerstehen kann, hat kein Herz – oder einfach keine Lust zu tanzen. So hieß ja mal ein Hit der Scissor Sisters. Aber mal ehrlich, was soll man diesen Sommer Besseres tun, als zu diesen beiden Alben zu tanzen? Die Hörer können wählen, in welcher Etage der Disco sie sich amüsieren wollen und ob sie lieber von der Pina Colada oder dem Amylnitrit kosten möchten. Oder einfach beides hintereinander.

Scissor Sisters: „Night Work“ ist bei Universal erschienen; Konzert am 9. Juli im Berliner Huxley’s Neue Welt. Kylie Minogue: „Aphrodite“ wird am 4. Juli bei EMI veröffentlicht.

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