Pop : Stop it, Macho!

Fünf DJs gründen eine Popband. Auch wenn sie nicht so aussehen, sie haben alles, was eine Boygroup braucht. Am Freitag erscheint das erste Album von Hot Chip aus London. Es steht für die neue, digitalisierte Bohème.

Timo Feldhaus
Hot Chip
Sie ist da - die erste Platte von Hot Chip! -Foto: promo

Bei Auftritten stehen sie in einer Reihe, nebeneinander, fünf junge Männer, die sich hinter Synthesizern und Laptops verschanzen, um den Hals hängen Gitarren, in den Händen halten sie Rasseln, sie tröten und hupen, rocken und raven. Hot Chip ist eine Boygroup. Sie haben sich zwar selbst erfunden, und in ihren zu großen C & A-Pullovern mit komischen Motiven schauen die West-Londoner so gar nicht wie Popmusiker, sondern wie weltfremde Bastler aus. Aber mit einer Boygroup verbindet sie, dass jeder einen bestimmten Jungstypus zu verkörpern scheint. Da gibt es den coolen Schönling Owen Clarke. Al Doyle und Felix Martin teilen sich die Rolle des süßen Literaturstudenten (sollte es in jeder Boyband geben). Schließlich markieren Alexis Taylor und Joe Goddard, die beiden Bandgründer und Sänger, das Antipodische: klein, kassengestellbebrillt und falsettierend der eine, der andere ein bärtiger, bäriger Bariton.

Seit sieben Jahren feilen Hot Chip an einer Songwriter-Ästhetik, die von R-’n’-B-Sounds und frickeliger Elektronik gerahmt wird. Dabei fanden sie immer stärker zu einem tanzbareren Klangbild, das wuchtige Disco- und zart-schnurbselnde Minimalhouse-Einschläge erkennen ließ, ohne den Charme der Bedroom-Produktion zu verlieren. „The Warning“, ihr zweites Album, wurde vergangenes Jahr für den Mercury Music Prize nominiert, „Over and Over“ vom NME zur Nr.-1-Single des Jahres 2006 gekürt. Weshalb es nicht überrascht, dass ihre am Freitag erscheinende Platte „Made in the Dark“ Musikmagazine und Feuilletons in helle Aufregung versetzt. In der „Spex“ war von „der Band neuen Typs“ die Rede, die zwei bislang unvereinbare Modelle in sich vereint: die klassische Rockband, die sich als gang of five um eine musikalische Idee versammelt, und den DJ, der jeder von ihnen auch ist.

Hot Chip selbst wussten schon immer, was ihnen bis heute eigentlich kaum jemand glauben möchte: Sie machen Konsensmusik. Songs, auf die sich jeder einigen kann. „Eines der Dinge, die ich aufregend finde“, bekannte Taylor in einem frühen Interview, „ist der Moment, wenn großartige Popmusik ganz oben in den Charts steht. So etwas wie ein eigenartiger Timbaland-Track, der klanglich interessant und trotzdem Nummer eins ist. Ich bin da sehr ehrgeizig. Ich möchte interessante Musik machen, die gleichzeitig Pop ist.“ Das erklärt auch, warum die Band von einem kleinen Indie-Label zu Emi gewechselt ist.

Ob das allerdings auch der Musik guttut? „Made In The Dark“ zerfällt in zwei Teile. Die Ambivalenzen, die in Hot Chips Elektropop angelegt sind, werden auf ihrem dritten Album in beide Richtungen vorangetrieben. So bilden die 13 Lieder ein doppelgesichtiges Monstrum. Die ersten Songs finden in Titeln wie „Ready For The Floor“ und „Shake A Fist“ ihre Bestimmung und sind tatsächlich tanzbar, explosiv und scheppernd. Auf der anderen Seite stehen Songs wie „We’re Looking For A Lot Of Love“ und das titelgebende „Made in The Dark“: zarte Liebeslieder, voller Wehmut, Sehnsucht und fragiler Verletzlichkeit. Eine Gitarre macht sich breit, die bisher bei Hot Chip nicht vorgekommen war.

Für eine Band, die Zwischentöne und Dissonanzen geschickt zu streuen und ins Absurde zu wenden versteht, die mit dem Dilettantismus kokettiert und für eine leicht verschusselte Empfindsamkeit steht, klingen Hot Chip heute beinahe zu smart. Das gipfelt in Balladen und RaveRock-Krachern, die nur dazu gemacht sind, auf Livekonzerten zu funktionieren – vor drei Jahren war das noch anders: da veröffentlichten sie ein Minialbum mit dem Titel „All Filler, no Killer!“.

Die Vermählung von Boygroup-Image und dem Frickeluniversum der Nerds ist in der Musikgeschichte nicht neu. Zwei der wichtigsten Platten der Popmusik gingen aus dieser Kombination hervor. „Pet Sounds“ der Beach Boys und „Sgt. Pepper’s“ von den Beatles waren Adoleszenzalben, mit denen sie sich vom Bild des süßen Mädchenschwarms emanzipierten. Das ist die Art konzeptueller Pop, auf den Alexis hinaus will.

Viele Musiker sehen sich heute eher als Verwalter alter Musikstile denn als originäre Erneuerer. Auch Hot Chips eklektische Musik formt sich aus der Rekombination vergangener Musikgenres, die Band verwendet Zitate allerdings, ohne zu imitieren. Die fünf Jungen haben von jeher Musik gehört, Schokolade gemampft und noch mehr Musik gehört, statt sich das heroische Gestenrepertoire ihrer Vorbilder anzueignen, wie es im britischen Pop durchaus Tradition hat. Ihre Echtheit ergibt sich eigentlich erst dadurch, Moden nicht (mit-)erlebt zu haben. Und Hot Chip sind dabei auf völlig neue Art glaubhaft – nämlich ohne sich festzulegen. Sie stehen in ihrer Wankelmütigkeit für die neue, digitalisierte Bohème, die in Projekten denkt, statt sich einer Lebensaufgabe zu verschreiben.

Hot Chip zehren vor allem von der schwarzen Musik, von Prince und R. Kelly. Dessen Song „I’m A Flirt“, in dem der R-’n’-B-Macho seinen Freunden rät, ihre Freundinnen lieber nicht mit in den Club zu nehmen, wenn er in der Nähe ist, beantworten Hot Chip mit „Wrestlers“. Es ist ein imaginäres Zwiegespräch mit einem Weiberhelden, der sich für unwiderstehlich hält und sich die Frauen der Freunde angelt. Alexis entwirft im Song den Traum eines Wrestling-Kampfes, in dem der Macho, der den Charme, die Muskelpakete und den Ruhm auf seiner Seite hat, niedergerungen wird. Damit halten Hot Chip ihre erste Tugend hoch, die auch die größte Waffe aller Nerds dieser Welt ist: die Fantasie.

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