Pop-Tipp : Bob Dylan, Felice Brothers, Reverend Peyton

Was der Berliner Musiker, Autor und Journalist H.P. Daniels zurzeit am liebsten hört.

H.P. Daniels
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H.P. Daniels.Foto: Peter-M. Scheibner

BOB DYLAN: Together Through Life (Columbia)



Immer wieder Bob Dylan. Bob Dylan als treuer Begleiter durchs Leben. Als ewige Quelle von Rat, Trost, Freude, Inspiration. Immer wieder Bob Dylan. Immer noch Bob Dylan. Seit ich im August 1965 zum ersten Mal seinen Song "Like A Rolling Stone" gehört hatte, sich dieser merkwürdige Sound in Herz und Seele gebohrt hatte. Diese aggressiv jubelnden Triolen der elektrischen Gitarre von Mike Bloomfield - duddeldi-duddeldi-duddeldi-duddeldi - "how does it feeeel?". Diese unerhört merkwürdig näselnde, krächzende Stimme, die die Silben so seltsam betonte und damit alles Gefühl zu transportieren schien und alle Gedanken, die ein Jugendlicher haben, aber nicht ausdrücken konnte. Dafür hatten wir Dylan. Unsicherheiten, Irritationen, Sehnsüchte, Hoffnungen. Eine Ahnung von Freiheit, Rebellion gegen alles Einengende. Das alles lag in diesem Song, "Like A Rolling Stone", dieser Stimme, der Gitarre, der grummelnden Orgel und der quietschelnden Harmonika. Together Through Life. Mit Bob Dylan all die Jahre.

Und man ist zusammengeblieben, auch wenn es vielleicht nicht immer leicht war mit der ewigen Treue. In den 80ern zum Beispiel, als Bob für eine Zeitlang die Energie, Ideen, die Wörter, die Musik, die Lust abhanden gekommen zu sein schienen.

Doch dann ist alles wieder zurückgekommen, die alte Liebe neu entflammt. Dylan zeigte, dass er immer noch der Beste von allen war. Der größte Song-Chronist unserer Zeit. Der große Überlebende, der gerade 68 geworden ist und zuletzt noch so herausragende Werke schuf wie Time Out Of Mind (1997), Love & Theft (2001), Modern Times (2006).

Und jetzt Together Through Life. "Some people tell me I've got the blood of my land in my voice" singt Bob hier nicht ganz ohne berechtigten Stolz. Wieder sind es die besten musikalischen Traditionen seines Landes, aus denen er hier erneut schöpft, und in denen er seit etwa 50 Jahren zu Hause ist. Wo sich swingender Blues der Melodie von Otis Rushs Song "All Your Love" mischt mit einem Akkordeon zu lässigem New-Orleans-Feeling ("Beyond Here Lies Nothing"). Wo auf eine rührend melancholische Ballade mit Mandoline und Streichern schmutziger R&B folgt, Willie Dixons "I just Want To Make Love To You" mit neuem Text mutiert zu "My Wife's Hometown". Überhaupt klingt vieles auf diesem Album nach dem Sound des Chicagoer "Chess" Labels, seinem ruppigen Rhythm & Blues der 50er-Jahre. Nach Muddy Waters und Chuck Berry ("Jolene" und "Shake Shake Mama").

"I Feel A Change Coming On" wiederum klingt nach Dylans eigenen "Basement Tapes", nach einer fröhlich hüpfenden Version von "I Shall Be Released" mit einem sparsam fragmentarischen Gitarren-Intermezzo. "Forgetful Heart" stapft sumpfig im klanglichen Morast und stochert in der klanglichen Erinnerung von "Love Sick". "It's All Good" ist ein knurriger Boogie auf einem Akkord, im Geist von Slim Harpo, wo sich Gitarre, Harmonika und Akkordeon immer wieder gegenseitig das Themen-Riff hin und herwerfen.

Überhaupt: das Akkordeon von David Hidalgo, dessen melancholische Klangfarbe dem Album seinen entspannten Südstaaten-Touch gibt. Die betörende Kombination von Dylans Stimme mit weichen Bläsern, Akkordeon und Pedal Steel in "If You Ever Go To Houston" wird zu einem Landschaftsgemälde von texanischer Weite. Und der zauberhafte Tex-Mex-Sound von Akkordeon und wehmütig schmierenden Geigen in "This Dream Of You", der wie vom Oberdeck eines Mississippi-Dampfers, wo einige Paare sich engumschlungen langsam im Tanze drehen, sehnsuchtsvoll zum Ufer herüberweht.

Und schon sind wir wieder ein Stück weiter. Durchs Leben mit Bob Dylan. Und gehen immer weiter. Zusammen.

THE FELICE BROTHERS: Yonder Is The Clock (Team Love Records)

Das erfreuliche am dritten Album der Felice Brothers: dass sie sich treu geblieben sind, dass sie die großen Hoffnungen, die man vor zwei Jahren in sie als Newcomer gesetzt hatte, nicht enttäuscht haben. Dass sie keine dieser hochgejubelten Blender unter den neueren Bands sind. Dass sie immer noch dieselbe unbekümmerte Musik machen, wie am Anfang, wie auf den beiden brillanten Vorgängeralben "Tonight At The Arizona" (2007) und "The Felice Brothers“ (2008).

Immer noch klingen sie so, als hätte jemand auf den Aufnahmeknopf einer altmodisch analogen Bandmaschine gedrückt, während die drei Brüder Simone, Ian und James Felice sowie zwei ihrer Kumpels ihre zeitlose Musik spielen. Country, Blues, Folk, Rock 'n' Roll. Einfach so zum Spaß, für sich und ihre Freunde. Auf der Veranda ihres Hauses in den Catskill Mountains im Upstate New York. Mit akustischen Gitarren, kreischender Mundharmonika, verbeulten Trommeln und rostigen Stimmen, die angenehm an Bob Dylan oder Keith Richards erinnern.

Sie hören sich an, als würden sie im Keller von "Big Pink" sitzen, jenem berühmten Haus in Woodstock, würden dort weitermachen, wo Dylan und The Band 1967 mit den Aufnahmen zu den "Basement Tapes" aufgehört haben, würden dort eine wilde Session starten, ihre berauschenden neuen Songs aufnehmen. Über Liebe, Verrat, Tod und Teufel, Gefängniszellen, Bahnhöfe, eiskalte Winternächte.
Mit knarzenden Elektrogitarren, Steel Guitars, quietschenden Akkordeons, klassischem Klavier, drahtigem Banjo, rostig blechernen Bläsern, ächzender Posaune und tinkelndem Honky-Tonk-Piano.

Alles ist in dieser außerordentlichen Musik zu hören: Die Traditionen, das Leben, gestern und heute, das Land, das Wetter, die Berge, die Flüsse, der Staub, die Menschen, die Geschichten. Fröhliche und melancholische, verschlungene Melodien, wüste Tanzstampfer und wilde Singalongs.

Die Felice Brothers sind eine umwerfende Band. Lebendig und direkt. Ihre Musik ist - weder berechnet noch berechnend - die pure Freude.

THE REVEREND PEYTON'S BIG DAMN BAND: The Whole Fam Damnily (Sideonedummy Records)

Bumm.Bumm.Bumm.Bumm. Knalliger Rhythmus. Mit dem Daumen auf der tiefen Saite einer rostigen National Steel Gitarre. Ostinater Bass. Bumm.Bumm.Bumm.Bumm. Dann eine flinke Melodie mit den Fingern aus den höheren Saiten gepickt. "Can't pay the bill" bellt Reverend Peyton mit näselnder Shouter-Stimme. Breezy, seine Frau, schrabbt dazu auf dem Waschbrett, so heftig, als müsse sie des Reverends bollerige Landei-Hosen vom Staub der Strasse reinschrubben und gleich noch die Menschheit von allen Sünden. Jayme, der Bruder des Reverend, hämmert ins Schlagzeug, als wolle er es ungespitzt in den Boden nageln.

Wie ein durchgeknallter Robert Johnson oder Elmore James auf Speed spielt der Reverend im Affenzahn den Country-Blues auf diversen Resonatorgitarren. Mit und ohne Bottleneck. Zum knalligen Fingerpicking - in der Art eines durchgedrehten Mississippi John Hurt oder Reverend Gary Davis - erzählen die Songs von den ewigen Aufs und Abs des Lebens, eindringlich, schön und wahr. Dass man nicht mehr angeln gehen kann, weil Flüsse und Fische versaut sind mit Schwermetallen. Dass Wal-Mart die guten alten "Country Stores" ruiniert hat. Dass man nicht krank werden darf, wenn man sich keine Versicherung leisten kann. Aber dann scheinen auch immer wieder die kleinen Freuden des Lebens durch. Das ist der Blues. Zeitgemäß und mit dem Wissen, wo er herkommt.
Reverend Peyton's Big Damn Family ist eine erfreulichsten Entdeckung der jüngsten Zeit.

Von 1981 bis 1991 war H.P. Daniels Frontmann, Sänger und Gitarrist der legendären Rockband THE ESCALATORZ. Heute arbeitet er als freier Autor und Journalist, seit 1998 auch für den Tagesspiegel. Er bestreitet Lesungen und Solokonzerte. Nicht zuletzt aus seiner Zeit mit den ESCALATORZ sind ihm alle Mythen des Rockmusikerlebens, Stage und Backstage bestens vertraut. Aufgeschlossen für neue Talente in Rock-, Blues- und Singer-/Songwriterszene lässt er doch keine Zweifel aufkommen: erst durch die Beatles, die Stones, Bob Dylan und natürlich deren Wegbereiter wie Jimmie Rodgers, Hank Williams, Woody Guthrie, Muddy Waters, Chuck Berry und andere wurde vieles möglich, was es heute gibt.

www.myspace.com/hpdaniels

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