Pop-Tipp : Prefab Sprout, Wild Beasts, Safi

Musik, die Kai Müller, Kultur-Redakteur beim Tagesspiegel, sich zu Hause selbst auflegt.

Kai Müller
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Kai Müller.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Prefab Sprout, Let’s Change the world with Music (Ministry of Sound)

Männer mit weißen Bärten sind für gewöhnlich über den Punkt hinaus, sich und anderen noch etwas vormachen zu wollen. Wenn sie es überhaupt auf sich nehmen, in langen, erschöpfenden Studiosessions ein Album aufzunehmen, von dem sie selbst sagen könnten, dass es Bestand hat, dann geht es um nichts anderes als eben die eine Sache: Musik. Das gilt für die zarten betörenden Wunderwerke eines Robert Wyatt ebenso wie für die sporadischen Lebenszeichen Paddy McAloons.

Aktuelle Bilder zeigen den 52-jährigen Gründer, Sänger und Kopf von Prefab Sprout hinter einer Wand aus Haaren, eine schwarze Sonnenbrille schützt die beinahe erblindeten Augen, Hut und Spazierstock runden das Bild des Schrats ab. Seit zehn Jahren sind Prefab Sprout, diese Lieblinge des Feuilletons und Vordenker des Pop, mehr oder weniger verstummt. 2001 veröffentlichte das Quartett um McAloon nach 24-jährigem Bestehen ein letztes Album („The Gunman & other Stories“), die Songs waren allerdings 1994 geschrieben worden, was der verkorksten Karriere der Edelpopper noch eins drauf setzte. Sie schienen ihrem eigenen Avantgarde-Anspruch immer weiter hinterher zu laufen. Dabei war McAloons Idee simpel: schönster Soul-Pop, der über sich selbst nachdenkt, von weißen Engländern.

Lange glaubte sogar die Plattenfirma, sie könnte Geld damit machen. Hatten Prefab Sprout dem verchromten Hochglanz-Pop von Human League in den achtziger Jahren nicht die Krone aufgesetzt? Aber als McAloon in Folge des gefloppten Comeback-Albums „The Jordan“ (1990) wieder keine Hits lieferte, sondern nur eine schwelgerische Liebeserklärung an die Popmusik selbst, riss der Faden.

Es war wohl ein bisschen viel verlangt, mit den Mitteln des Soul zu den Ursprüngen des Soul gelangen zu wollen.

Für „Let’s change the world with Music“ hat McAloon, von seiner schweren Augenkrankheit genesen, die alten, zurückgehaltenen Songs mit moderner Studiotechnik überarbeitet – und das Prefab-Sproud-Gesamtwerk nachträglich um ein hübsches, funkelndes Stück Metamusik erweitert: Sämige Synthies, düster brodelnde Funk-Beats und eine sublime Sehnsucht, die sich mit Geld, Sex und Jugend nie zufrieden geben würde. Denn es geht auf diesem Gospel-Album um die Bedeutung, die Musik für Romantiker wie ihn hat, um ihren metaphysischen Kern. „Richer than money and bigger than fame/ Love is the reason I’m playing this game”, singt McAloon mit seiner alterslosen Stimme, die ja der beste Beleg dafür ist, dass es sich bei ihm um einen Initiierten handelt.

„Let’s change the world with Music“ lässt sich als Konzeptalbum hören, ohne ermüdend zu wirken. Eher amüsiert einen der Wille zur Transzendenz. Musik sei die Stimme, heißt es in „Let There Be Music“, mit der Gott beschlossen habe, zu den Menschen zu sprechen. In dieser Gestimmtheit geht es „home to Jesus“.  Großartig. Wer diesen Schutzschirm aufspannt, braucht keine Staatsbürgschaft.

Wild Beasts, Two Dancers (Domino)

Es ist nicht ungewöhnlich, auf Alben die Dynamik einer Clubnacht nachzuinszenieren zu wollen. DJs wie Moby („Last Night“, 2008) oder Anrdew Butler (Hercules & Love Affair) machen das, um ihr Referenzsystem offen zu legen und vor allem Bezüge zur Disko-Ära herzustellen.

Auch die Wild Beasts, Rockband aus Kendal, das nördlich von Leeds gelegen ist, greifen für „Two Dancers“ auf die Dramaturgie des Nachtlebens zurück. Aber der Band geht es nicht um Tanzmusik. Sondern um eine Hysterie des Begehrens, das trotz aller Schlüsselreize kein Objekt findet. Man schlägt sich die Nacht in Clubs ja nicht nur um die Ohren, um zu tanzen und gute Musik zu hören. Vielmehr geht es darum, etwas von der erotischen Spannung zufassen zu kriegen, die Hitze, Schweiß, schöne Körper und Drogen verbreiten.

Von „gegenstandsloser Lust“ spricht Tom Fleming, der Bassist, der auf diesem zweiten Album des Quartetts erstmals deutlich als
Sänger hervortritt. Bislang gebührte Hayden Thorpe das Privileg des Singens. Wobei es großen Streit in England darüber gibt, ob man das, was Thorpe mit seiner hellen Kopfstimme anstellt, überhaupt „Singen“ nennen kann. Er ist ein Operettentyp. Fleming ist der Melancholiker. Auch diese beiden sind Tänzer, ein Gespann von beinahe unheimlicher Dynamik.

Nach ihrem rohen, verspielten und exzentrischen Debüt „Limbo, Panto“, das sich haargenau so anhörte, wie ein Britpop-Debüt mit dandyhafter Punk-Attitüde eben klingen muss – überhitzt, bereiten auf „Two Dancers“ nun kühl schimmernde Gitarren und minimalistisch-kreiselnde Rhythmen das Feld für eine atemberaubende Melodramatik. Da wird aus Sicht junger Frauen erzählt was die Jungs so attraktiv macht, ihre Schuhe nämlich. Die Burschen ziehen als Königsgarde durch die Nacht. Bis eine brutale Vergewaltigungsszene, die wie eine Choreografie betrachtet wird, zeigt, wohin leer laufende sexuelle Energie führt. Das ist Popmusik auf dem Gipfel ihres Könnens: Wie furchtbar schön ist doch die Barbarei. 

Panzerballett, Hart genossen – von Abba bis Zappa (Act)

Junge Jazzmusiker haben in Deutschland meist irgendein Konservatorium absolviert, bevor sie auf’s breite Publikum losgelassen werden. Obwohl – breit? Das war einmal. Deshalb müssen einige auch noch die Siggi-Loch-Schule durchlaufen. Der Münchner Labelmacher lässt seinen Nachwuchs mit Vorliebe auf Standards der Popmusik los. Oder sagen wir: Er ermutigt zum Nahe liegenden. Und das höchst erfolgreich. Bei Jan Zehrfeld, Gitarrist aus München, wäre nichts nahe liegender als Thrash Metal, eine besonders verstiegene, rasante und kryptische Unterform des Heavy Metal. Seine Diplomarbeit hat der Fingerfuchs über Meshuggah geschrieben und sich auf zwei tollen Platten mit seiner Band Panzerballett bereits einem Gewitter aus krachenden Breaks und wuchtigen Unisono-Läufen hingegeben. Er nennt sein Verfahren: „Verkrassen“. Das ist Musik für Nerds. Eine grandiosere hirnverbrandtere Dehnung des Jazzbegriffs lässt sich schwer finden.

Mit „Hart genossen“ legt Panzerballett nun ein Cover-Album vor, das zwar immer noch absonderlich ist, aber leider offenbart, dass „krass“ zu sein, auch nur eine Methode ist, das Einfach möglichst vertrackt klingen zu lassen. Da wird die „Simpsons“-Melodie durch den Wolf gedreht, „Mein Teil“ von Rammstein in den Free Funk entrückt und ABBAs „Gimme Gimme Gimme“ so weit zerstückelt, dass die Glieder auf ewig verschollen bleiben. Das funktioniert gut bei Stücken wie Klaus Doldingers „Jadoo“, bei dem der Meister – einst von Siggi Loch entdeckt - sogar selbst mitspielt. Auch Zappas Musik ist gewitzt genug, um dem metallischen Zugriff von Panzerballett standzuhalten. Bei Nicoles „Ein bisschen Frieden“ jedoch wird’s peinlich, weil Gastsängerin Conny Kreitmeier glaubt, die Parodie exemplarisch machen zu müssen.

Jan Zehrfeld und seine Kompagnons sind einfallsreiche Arrangeure. Aber genau das wollte man von ihnen gar nicht wissen. Diese Lektion der Siggi-Loch-Schule hätten sie schwänzen sollen.

Safi, Kalt (Zickzack)

Apropos Härte. Keine schöne, aber eine aufwühlende Platte hat eine junge Frau aus Leipzig mit ihrem Trio gemacht, das nach ihr benannt ist: Safi. „Leute wie du denken, das geht so weiter/ Aber ich bin gescheiter“, schreit sie in „Aus“ und ich erschrecke beinahe, so wahr ist dieser Satz. Safis Musik ist brutal, laut und sie rührt an etwas, das man nicht ignorieren kann. Wer sich als Sängerin, Gitarristin und Texterin von bitterbösen Abgesängen auf alles Einengende so verausgabt, wirklich alles gibt, der ist automatisch im Recht. Das ist die Tatsachenlogik der Emotion. Und manchmal springen Zeilen dabei heraus wie: „Goldesel, die gibt’s nicht mehr und gedeckte Tische räumen sich von selber leer.“

Einsfünfundsechzig misst Safi, zierlich ist sie, blond, vehement. Beim Spielen steht sie auf Zehenspitzen. Schreit viel, grummelt, würgt, lamentiert, kreischt und prollt. Die Stimme viel zu rau für den Körper. Nina Hagen, na klar. Aber warum schaffen das so wenige? Auch Safi klingt, als würden Stimmen durch sie sprechen. Wie ein Feuerteufel springt sie durch die brachiale Lärmlandschaft von E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und besingt eine Welt, die zum Aus-der-Haut-Fahren ist. „Warum woll’n alle Durchgeknallten, Kaiser, König oder Admiral sein, oder Gott?“, fragt Safi mit der Inbrunst der Übertreibung.

Schon im Sommer kam „Kalt“, das Debütalbum, heraus. Moses Schneider hat es produziert. Die Band ist purer Krach. Kein Genuss, ein Muss.

Kai Müller ist Kultur-Redakteur beim Tagesspiegel. Geboren 1967 in Hannover, wollte er zunächst Kapitän werden, nahm aber nach mehreren Frachtschiff-Reisen Abstand von der Idee. Studierte statt dessen in Freiburg und Berlin. Lebt in Kreuzberg, drei Kinder.

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