Pop-Tipp : Sammy Davis Jr., Michael Holm, Marianne Rosenberg

Im Internet empfiehlt Kulturredakteur Christian Schröder gern unaktuelles Vinyl.

Christian Schröder
268537_0_fcaa8a2c.jpg
Christian Schröder.Foto: Doris Klaas

Das Internet, sagen die Euphoriker, hat den Pop demokratisiert. Der Rat von Kritikerpäpsten ist überflüssig geworden, seitdem im Netz jeder Song immer nur einen Klick entfernt ist. Statt wie früher auf die allmonatlichen (inzwischen nur noch zweimonatlichen) Kaufbefehle der Branchenbibel „Spex“ zu warten, kann der Fan nun  problemlos in den unendlichen Weiten des WWW auf Entdeckungsreise gehen und dabei die obskursten musikalischen Perlen entdecken.

Man kann aber auch zur genau gegenteiligen Ansicht gelangen: Das Internet, so klagen die Pessimisten, hat den Pop banalisiert. Was früher einmal Teil einer Gegenkultur war, ist jetzt nur noch ein allgegenwärtiges, auf MP 3-Format herunterkomprimiertes Hintergrundrauschen. Die Unterschiede zwischen High und Low, Independent- und Mainstreamkultur sind eingeebnet, ihre subversive Kraft hat die Popmusik längst verloren.

Umso schöner, dass es immer noch Musik gibt, die sich ihrer Digitalisierung verweigert, die nicht auf CD zu haben ist und allenfalls auszugsweise auf Youtube kursiert. Musik, die knistert und knackt und für die man ganz oldschoolmäßig Flohmärkte, Trödler und Sammlerbörsen abklappern muss: Vinyl. Hier nun also nach dieser etwas überlangen theoretischen Einleitung einige völlig unaktuelle, aber trotzdem dringliche Plattenempfehlungen:

Sammy Davis Jr.: „Something For Everyone”

„Ambition: I wanna do my thing!”, steht auf dem opulenten Klappcover dieses 1970 erschienenen Meisterwerks, mit dem sich der Sänger so weit vom croonerhaften Late-Night-Jazz entfernte wie nie zuvor und nie danach. Der damals bereits 45-jährige Entertainer nahm die Platte für das Soullabel Motown auf, das sich rühmte „The Sound Of Young America“ zu definieren. Auf dem Cover posiert er nach dem Vorbild von Jimi Hendrix’ Album „Electric Ladyland“ als Playboy zwischen lauter Hippiegirls, nur dass sie bei ihm – bis auf eine – nicht nackt sind.  Titel wie „Spinning Wheel“ und „Hi-Heel Sneakers“, in dieser Zeit Standards auch bei anderen Sängern, werden hier zum pumpend groovenden Disco-Inferno, selbst das zu Tode gecoverte „My Way“ bekommt eine soulifizierte Rundumerneuerung. Höhepunkt ist aber Sammy Davis’ Version von „In The Ghetto“, das er übrigens – hätten Sie’s gewusst? – selbst geschrieben hat. Gestochen scharfe Bläsersätze und erotisch seufzende weibliche Backgroundchöre machen die Edelballade, die Elvis zwei Jahre zuvor ein triumphales Comeback verschafft hatte, zur Dancefloorangelegenheit. Ach ja, an dieser Stelle muss auch noch darauf hingewiesen werden, dass Barack Obama seinen Wahlkampfslogan „Yes We Can“ von Sammy Davis geklaut hatte. Sein Motto klang allerdings noch etwas selbstbewusster: „Yes I Can“.

Michael Holm: „Michael Holm“

„Michael Holm zählt heute zu den dünn gesäten deutschen Künstlern, die mit der internationalen Entwicklung Schritt halten können“, prahlen die Linernotes auf dem Klappcover, das außen mit – Schluck, schwere Geschmacksverirrung – blaulilafarbenem Pelzimitat bedruckt ist. Das ist zwar Werbeprosa, stimmt aber  trotzdem. Das zweite, schlicht „Michael Holm“ beititelte Album des damals 27-jährigen Sängers fällt tatsächlich, wenn es so etwas gibt, in die Rubrik Avantgarde-Schlager. Der ehemalige Jurastudent, der seit den frühen Sechzigerjahren mit eigenen Songs auftrat, arbeitete eng mit dem späteren Munich-Sound-Begründer und Disco-Gott Giorgio Moroder zusammen, der die Platte produzierte und bei den meisten Titeln mitkomponierte. „Arizona Girl“, eine der ersten deutschen Produktionen, bei denen dieser frühe Synthesizer eingesetzt wurde, ist um eine plastikhaft fiepende Moog-Fanfare aufgebaut. „Nachts scheint die Sonne“: ein Glamrockknaller mit Wah-Wah-Gitarre und exzessivem Handclapping-Einsatz. Und „Smog in Frankfurt“ geißelt als einer der frühesten Protestschlager die Folgen der Umweltverschmutzung. Da kommt der Ich-Erzähler des Songs nicht schnell genug zu seiner Geliebten, weil im smog-verseuchten Frankfurt die Straßen gesperrt sind. „In den Augen hab ich Tränen von Gas und Rauch / Und weil du so fern bist, darum auch“, barmt er. Der Refrain lautet: „Nur in meinem Traum, Traum, Traum ist die Welt voll Licht / Ist der Himmel blau, blau , blau wie ein See.“ Holms größter Hit „Mendocino“ feiert übrigens in diesen Tagen seinen 40. Geburtstag.

Marianne Rosenberg: „Liebe kann so weh tun“ (B-Seite von „Lieder der Nacht“)

Näher als hier war der deutsche Discoschlager dem Schlafzimmersoul von Barry White nie: Anderthalb Minuten benötigt das schläfrig-balladenhafte, von gesprochenen Liebeskummerzeilen unterlegte Intro, dann schieben mächtige Bläsersätze die Nummer auf den Tanzflur. Das Stück kam 1976 heraus, ein Jahr vor dem Film „Saturday Night Fever“, mit dem die Discowelle den globalen Durchbruch schaffte. Zu verdanken hatte die damals 21-jährige Marianne Rosenberg, die sich auf dem Cover der Single mit modischer Föhnwelle zeigt, ihren Pionierstatus dem Produzenten Joachim Heider. „Liebe kann so weh tun, doch sie gibt auch viel / Ohne Liebe leben, nein, das könnt’ ich nie“, es sind ewige Wahrheiten, die die Sängerin hier säuselt. Heider, der nicht genug zu preisen ist, arbeitete so zielstrebig wie keiner seiner Kollegen am Import des Philly-Sounds nach Deutschland. Die Streicher und gedämpften Bläser seiner Produktionen lassen sich an Opulenz kaum überbieten. Der Klangtüftler, der Christian Anders entdeckte und zeitweilig ein enger Spezi von Michael Holm war, nannte sich auch Jo Heider und Alfie Khan. Einige weitere Perlen aus seiner Werkstatt sind auf dem großartigen Sampler „Disco Deutschland“ des rührigen Hamburger Labels Marina Records dokumentiert, darunter auch Marianne Rosenbergs Wiedervereinungshymne „Wieder zusammen“, die Single-B-Seite ihres Hits „Marleen“. Zu haben ist die herausragende Compilation nicht nur als Doppel-LP, sondern auch als CD.

Christian Schröder, geboren in der ostwestfälischen Metropole Bielefeld, lebt seit 1990 in Berlin. Beim Tagesspiegel ist er, gemeinsam mit Kai Müller, für die Pop-Berichterstattung im Feuilleton und die Seite Berlin Kultur zuständig. Er mag Gitarrenlärm, Singer/Songwritertum, Sixties-Beat und sogar Schlager, eine seltsame Leidenschaft, die dazu führte, dass er im Jahr 2004 eine Biografie über die große Sängerin Hildegard Knef veröffentlichte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar