Popkomm : Der Fan als Feind

Warum die Popkomm in Berlin nie angekommen ist. Ein Kommentar von Kai Müller auf die Absage der Musikmesse

Kai Müller

Das war’s dann wohl mit der Pop-Hauptstadt. Zuerst ging Berlin der Loveparade verlustig, nun wird es auch keine Popkomm mehr geben. Damit kommt den Ambitionen der Wowereit-City das Zentrum abhanden, das die Popkomm hätte sein können. Nicht, dass dadurch weniger los wäre in der Stadt. Möchte man Tobias Rapps Bestseller über die wieder erstarkte Technoszene und den Easyjetset glauben, dann war Pop selten so gegenwärtig wie jetzt. Im Konzertangebot der Stadt wird man die durch den Ausfall gerissene Lücke kaum spüren.

Es sind vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Popkomm-Betreiber zum Rückzieher zwingen. Zur Krise der Musikindustrie kommt die aktuelle Wirtschaftskrise hinzu. Die Veranstalter fürchten, dass knapp die Hälfte der 14 000 Fachbesucher und 840 Aussteller (Stand: 2008) unter dem Eindruck dramatischer Zukunftsprognosen lieber zu Hause bleibt. Doch dürfte den Verantwortlichen hinter den Kulissen klar sein, dass die Marke Popkomm durch den Aussetzer ruiniert ist. Es ist fraglich, ob es eine Popkomm 2010 in Berlin geben wird. Schon jetzt mehren sich die Stimmen, die das Zwitterding aus Kongress, Handelsplatz und Nachwuchsfestival lieber in Frankfurt oder Hamburg angesiedelt sehen möchten.

Dass die Popkomm je richtig in Berlin angekommen wäre, kann man nicht behaupten. Zwar beobachtete man erfreut, dass der Popkomm-Erfinder Dieter Gorny für die in Köln beheimatete Musikmesse nach Jahren wechselvoller Erfolge 2004 eine neue Bleibe suchte. So vieles strebte damals nach Berlin, warum also nicht auch den Branchentreff aufnehmen? Beinahe sämtliche Plattenmajors hatten Dependancen an der Spree eröffnet. Die politischen Ansprechpartner der Verbände logierten auch bereits hier. Das Umfeld stimmte also. Nur war die Popkomm nie eine Berliner Idee gewesen.

Und sie wurde auch nicht zu einer. Statt von Grüner Woche, Berlinale und anderen Großevents zu lernen und dem Berliner Bedürfnis nach Teilhabe nachzukommen, blieb man in den viel zu großen Messehallen unterm Funkturm lieber unter sich. Das Begleitprogramm aus Vorträgen und Seminaren hatte weder Esprit noch Wucht. Und die Musik ließ man so weit wie möglich entfernt von KeynoteSpeeches, Vertragsabschlüssen und Kundengesprächen stattfinden: in der Kulturbrauerei am anderen Ende der Stadt.

Diese Zweiteilung warf ein beschämendes Licht auf das Selbstverständnis der Veranstaltung. Die Abkapselung des Businesssektors passte nur zu gut ins Gesamtbild einer sich von den Musikkonsumenten zunehmend entfremdenden Branche. Der Popfan, der sich umsonst im Netz bedient, ist zum Feindbild avanciert. Dass Gorny in seiner Begründung der Absetzung erneut die Internetpiraterie verantwortlich macht, setzt die unheilvolle Kriminalisierungspraxis fort. Nun hat der Popdieb auch noch sein schönes Insidertreffen kaputt gemacht.

Hätte man sich entschlossen, die Messe Pop.com zu nennen, würde sie vielleicht geleistet haben, was man von ihr verlangen durfte: vorausweisende Impulse zu setzen. Aber Musikmanager pflegen über den Selbstbedienungsladen Internet zu klagen und von der Politik entsprechende rechtliche Einhegungen zu fordern, statt darüber nachzudenken, wie man sich den Status einer Zukunftsindustrie zurückerobern könnte. Es ist kein Zufall, dass der Niedergang der Popkomm mit dem Aufstieg der Modemesse Bread & Butter einhergeht. Im Zeitalter allseits verfügbarer Inhalte, wird die Frage nach der Verpackung wichtiger denn je – eine von der Musikindustrie verschlafene Erkenntnis. So wird das Lebensgefühl heute stärker von dem bestimmt, was man am Körper trägt, wie man sich kleidet und gibt als durch das, was man im Kopf hat. Früher war da mal Musik drin.

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