Popmusik : Die Tonträger

Die Popmusik im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Ein Kanon, was Rock ’n’ Roll vorangebracht hat.

Ed Ward
Haben die Platten, die wir hören, einen Einfluss auf unser Weltverständnis?
Haben die Platten, die wir hören, einen Einfluss auf unser Weltverständnis?Foto: Ullstein

Wenn ich nach den zehn wichtigsten Platten in meinem Leben gefragt werde, weiß ich nie eine Antwort. Ich habe ein Problem mit solchen Fragen. Am Ende kommt nur eine Liste dabei heraus. Und Listen sind blöd. Wenn Sie mir nicht glauben, schauen Sie sich die Liste der „50 besten Musikfilme“ an, die der britische „New Musical Express“ kürzlich zusammengestellt hat. Nicht ein einziger Film mit Schwarzen ist darunter. Außerdem fehlen stark von Musik inspirierte Kinoerzählungen wie „O Brother Where Art Thou“ und „Almost Famous“, geschweige denn „Hard Day’s Night“ und „Help!“ von den Beatles.

Welche Platten wir hören und welche Filme wir sehen, hat meiner Meinung nach wenig Einfluss auf unser Weltverständnis. Es sind die Technologien, die uns ändern. Denn obwohl jedes technische Gerät seit Erfindung der Wachswalze von jedem anders benutzt wird, bestimmen sie doch unsere Gewohnheiten und unser Konsumverhalten. Die Platten, die mein Leben geprägt haben, stimmen jedenfalls mit denen anderer Menschen kaum überein.

1) 45er-Single

Bei mir begann alles damit, dass ich bei einem Freund das erste Mal Rock ’n’ Roll hörte. Wir saßen im Schlafzimmer seiner älteren Schwester und spielten ihre 45er-Singles ab, das war im Oktober 1957. Nichts sagt Rock ’n’ Roll so wie das kleine runde Ding mit dem großen Loch in der Mitte. Seine Handlichkeit, Strapazierfähigkeit und der laute Klang machten die 45er zum perfekten Medium der neuen Musik. Das große Loch in der Mitte gab es, weil der Hersteller RCA Victor, der mit den ersten Singles 1949 auf den Markt kam, auch seine RCA-Plattenwechsler mit einer fetten Spindel verkaufen wollte. Doch die Menschen umgingen das, indem sie verschiedene Pfropfen und Einsätze verwendeten. Obwohl eine Plattenseite bis zu acht Minuten Musik aufnehmen konnte, beschränkte sich die überwiegende Mehrheit der 45er auf das radiofreundliche Drei-Minuten-Format. Oder weniger. Selbst, als die Rockkultur zur Langspielplatte überging, war es weiterhin sinnvoll, auch Singles Beachtung zu schenken.

2) Les Pauls E-Gitarre

Elektrisch verstärkte Gitarren gibt es seit den dreißiger Jahren. Aber erst Les Pauls „Log“, ein Instrument, das keinen Klangkörper mehr besaß, brachte die Leute ins Grübeln. Der Gitarrentüftler Les Paul hatte es bei sich zu Hause aus einem soliden Stück Holz geschnitzt und geschmirgelt, mit elektrischen Tonabnehmern und einem Gitarrenhals versehen. Leo Fender war der Erste, der in Massenproduktion mit Festkörper-Gitarren ging. Der Vorteil der E-Gitarre lag auf der Hand, da Instrumente ohne Hohlraum viel lauter gespielt werden konnten als die halbakustischen Jazzgitarren, bei denen lästige Rückkopplungsgeräusche entstanden. Das ermöglichte neue Klangmuster. Die Gitarristen nahmen diese Herausforderung denn auch unverzüglich an und revolutionierten den Sound der Popmusik für immer. Der Blues aus Chicago wurde rauer. Der näselnde Twang in der Country-Musik wurde schärfer, aggressiver. Und schließlich trat Chuck Berry auf den Plan, um eine neue, speziell auf die E-Gitarre zugeschnittene Sprache zu entwickeln, die zu einem essenziellen Baustein des Rock ’n’ Roll wurde.

3) Tonband

Erfunden wurde das Magnetband von BASF in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Nach Amerika gelangte das erste Tonbandgerät als Nazi-Kriegsbeute und wurde umgehend zur Produktionsreife gebracht. Nun konnten Aufnahmen überarbeitet, das Tonband mehrfach überspielt und der ganze Aufnahmeprozess kostengünstiger gemacht werden. Vorher war die aufgenommene Musik direkt in einen Musterträger graviert worden. Aber jetzt konnte man sich praktisch alles erlauben: von einem Musikstück mehrere Aufnahmen nehmen, aus jeder die schönsten Stellen herausschneiden, sie neu zusammenkleben und den Hörer mit einem Klangeindruck hinters Licht führen, der viel perfekter war, als er unter realen Bedingungen geworden wäre. Daneben wandten sich die Komponisten der musique concrète-Bewegung dieser neuen Technik zu. Sie verwendeten Geräusche auf Tonband als Bausteine für ihre Kompositionen, ließen es rückwärts laufen, beschleunigten oder verlangsamten es. Und sie zerstückelten das Band in kleinste, isolierte Einheiten – eine frühe Form des Samplings.

4) Stereo

Vieles von dem, was Popmusik zur universellen Sprache machte, geht auf Kriegstechnik zurück. So auch die Aufspaltung eines Signals auf zwei Kanäle. In der Luftfahrt wurde das als Leitsystem benutzt. Obwohl sich die Stereo-Technik danach keineswegs so zügig durchsetzte, wie frühe Werbeclips einen glauben machen wollten, verbreitete sich der Zwei-Kanal-Sound nach seiner zivilen Einführung 1958 sukzessive. Ich sehe mich noch im Wohnzimmer der Familie eines Freundes vor der brandneuen Stereoanlage des Vaters sitzen und einem Tischtennis-Match oder Rennautos zuzuhören, die über einen imaginären Parcours kurvten. Erstaunlich, wie lebensecht das damals wirkte. Jeder High-Fidelity-Fan – und Mister Powers war zweifellos ein solcher Audiophiler – hatte solche ulkigen Platten, um die Vorzüge des Stereozeitalters zu demonstrieren. Es bestand kein Zweifel, dass klassische Musik plötzlich besser klang, wenn Orchester oder Streichquartette mehr Raum bekamen, um sich zu entfalten. In der Popmusik war Stereo zunächst nicht sehr verbreitet, da es sehr viel teurer war, stereofonisch aufzunehmen. Außerdem, seien wir ehrlich, war Popmusik nicht seriös genug, um die Gnade des Audiophilen zu finden. Das war schlicht eine Frage religiöser Anschauung: Selbst Phil Spector, der als einer der ersten Studiokünstler große Vorteile aus den modernen Aufnahmetechniken zog, schwor auf Mono. Erst die Beatles brachen mit diesen Vorbehalten. Auch wenn die Stimmen derer nie verstummten, die die Mono-Version des „Sgt. Pepper’s“-Albums für die bessere halten.

5) Mehrspur-Mischpulte

Dieselbe Technik, die uns erlaubte, Klang auf zwei verschiedene Boxen zu verteilen, ermöglichte es, Sound-Informationen erst auf vier, dann acht, schließlich 64 Kanäle aufzuspalten. Ziemlich schnell begannen Leute wie der Gitarrist Les Paul oder der britische Produzent Joe Meek, mit dieser Innovation auf ihre eigene verrückte Weise umzugehen. Es schien keine Grenzen zu geben, wie George Martin und die Beatles bei der Entstehung von „Sgt. Pepper’s“ zeigten, dem damals avanciertesten Produkt der Vierspur-Technik. Studios waren kompliziert geworden und sie wurden es noch mehr. Toningenieure mussten lernen, Mikrofone in einem Raum anzuordnen, ebenso wie Architekten Räume zu entwerfen lernten, die den Schall optimal schluckten. Die Vorstellung, dass Aufnahmeprozesse ein Ereignis so natürlich wie möglich wiedergeben müssten, wurde noch illusorischer: Die Musiker mussten sich nun im Studio nicht mehr begegnen, um zusammen zu spielen, die Aufnahmen mussten nicht einmal mehr an demselben Ort stattfinden.

6) LP

Sie wurde mit einer Geschwindigkeit von 33,3 Umdrehungen in der Minute abgespielt und auf eine Seite passte nahezu eine halbe Stunde Musik. Die klassische Musik bediente sich dieses neuen Mediums zuerst. Aber es war Frank Sinatras Album „In The Wee Small Hours“ von 1955, das eine weitere Qualität der Langspielplatte offenbarte: eine Reihe von thematisch verbundenen Songs so hintereinander anzuordnen, dass sie eine eigene Dramaturgie entfalteten. Es dauerte eine Weile, dass auch der Mainstreampop sich für diese Idee erwärmte. Denn erstens, die Kosten! Was in der Popkultur immer ein Argument ist. Zweitens umso mehr, da Rock ’n’ Roll für Teenager gedacht war, eine Klientel mit ausgesprochen kurzer Aufmerksamkeitsspanne und bedauernswert unterentwickeltem Interesse an ausgefeilter Klangarchitektur. Ganz zu schweigen von der Frage, welcher Künstler überhaupt in der Lage sein würde, für mindestens vierzig Minuten genügend gute Songs zusammenzukriegen. Elvis Presley beantwortete die Frage ziemlich endgültig, nachdem er von RCA unter Vertrag genommen worden war. Trotzdem waren Alben noch Jahre später für die meisten Künstler nur eine Ansammlung ihrer Singles.

7) Kofferradio

Es sind kleine metallische Plättchen mit Germanium-Kristallen, die eine Reihe pophistorischer Revolutionen ausgelöst haben. Als Erstes bei Radios: Meins hatte die Größe eines Taschenbuchs und einen Stöpsel für Kopfhörer, so dass ich spät nachts Sender wie WLIB (Voice of Harlem) hören konnte, ohne dass es jemand mitbekam. Aber das war nur ein Vorteil des Kofferradios. Ein anderer war, dass man es anschalten konnte, ohne warten zu müssen, bis die Röhren sich erhitzt hatten, was auch der Musik, die nun sofort aus dem Radio herausschoss, eine neue Unmittelbarkeit verlieh. An! Aus! Da! Weg!

8) Cassette

Als ich 1967 für eine Reportage nach San Francisco flog, hatte mir die Redaktion des Magazins einen Cassettenrekorder von Philips mitgegeben, bei dem das Magnetband in einer kleinen Plastikschachtel lagerte. Ich benutzte das futuristische Gerät nicht nur, um Interviews mitzuschneiden, sondern auch, um Musik in den Tanzlokalen einzufangen, über die ich berichten sollte. Zu meiner Überraschung waren diese Mitschnitte erstaunlich gut. So wurde ich augenblicklich zum Anhänger der Cassette. Und es dauerte nicht lange, bis die Welt mit mir übereinstimmte. Bald schon wurden Alben nicht nur auf Vinyl, sondern auch in Cassetten-Form herausgebracht. Denn man konnte nun erstmals Musik, die man erworben hatte, auch im Auto hören. Aus Sicht der Plattenfirmen besaßen sie allerdings einen schwerwiegenden Nachteil. Man konnte Cassetten auch ohne etwas darauf kaufen, um sie mit eigenen Song-Sammlungen zu bespielen. Verrückterweise versuchte die Musikindustrie deshalb, Cassetten wieder aus dem Verkehr zu ziehen, und ignorierte dabei völlig, dass jene, die am meisten kopierten, auch am meisten kauften. Ein Fehler, der sich später wiederholen sollte.

9) CD

Philips verdanken wir nicht nur die Cassette, sondern auch die Compact Disc, kurz: CD. Digitale Aufnahmetechniken gab es bereits, aber bei der Übertragung auf Vinyl und andere analoge Tonträger ging immer ein bisschen von dem Glanz des Makellosen verloren. Da lag die Idee nahe, ein Medium zu finden, das digitale Daten exakt so speicherte, wie sie gewonnen worden waren. Es musste klein genug sein, um im Auto abgespielt zu werden, aber groß genug, um Beethovens Neunter Platz zu geben. Ich habe den Silberlingen lange getrotzt, fand sie teuer, empfindlich, und argwöhnte, dass sie wohl auch nicht besser klingen würden. Jedenfalls, bis ich eines Tages die Aufführung von Steve Reichs „Drumming“ als CD zugeschickt bekam. Es handelt sich um ein prozessuales Stück, das sich langsam aufbaut, über eine Stunde lang werden die Rhythmen immer dichter und intensiver. Ich besaß die Komposition bereits als Platte, aber ich hörte sie nie, da ich es hasste, sie nach der Hälfte umdrehen zu müssen. Eine Woche rang ich mit mir. Dann ging ich los, um mir einen CD-Spieler zu kaufen. Binnen weniger Wochen legte sich eine Staubschicht auf den Deckel meines Plattenspielers.

10) Computer

Es mag an meinem fortgeschrittenen Alter liegen, dass ich auch diese Erfindung möglichst dauerhaft von mir fernhielt. Besaß ich doch eine gute, funktionstüchtige Schreibmaschine, und ich sah keinen Grund, sie für den Computer aufzugeben. Ab 1994 lebte ich allerdings in Deutschland. Jemand zeigte mir, wie das mit den E-Mails funktionierte, ich war bekehrt. Trotzdem dauerte es lange, bis Musik auf meinem Computer erschien. Das Fassungsvermögen einer handelsüblichen CD war etwa zwanzig Mal so groß wie meine Festplatte. Aber der Speicherplatz nahm zu, er wurde billiger, und auch die Kompressionstechnologie, die komplexe musikalische Datenhaufen auf dünne Datenströme reduzierte, unternahm große Fortschritte in Richtung mp3-Format. Nicht nur, dass ich bald ein CD-Laufwerk in meinem Computer hatte und Musiker wie Brian Eno und Laurie Anderson Musik vertrieben, die wie ein Computerspiel von einem selbst zusammengesetzt werden konnte; es wurde noch abgefahrener dadurch, dass ein neuer Computer mit einem „Brenner“ versehen war und mir erlaubte, den Job der weißen Männer im Virgin Megastore zu übernehmen: meine eigene CD herzustellen. Der Durchbruch erfolgte, als der Computerhersteller Apple begriff, dass er die Multimediaplattform der Zukunft kreieren könnte, indem er mp3-Dateien übers Internet verkaufte. Mit dem Resultat, dass zehn Jahre nach dem Erwerb meines ersten Computers eine Firma wie RCA Victor auseinanderfällt, die seit den Anfangstagen der kommerziellen Aufnahmetechnik bestanden hatte. Musiker stehen plötzlich vor dem Ruin oder werden auf wundersame Weise wiedergeboren. Jedermann kann eine Platte aufnehmen. Die Technologie dafür liefert einem der Computer. Und: Jeder tut es. Plötzlich gibt es zu viel Musik, und die Frage, wie man an sie herankommt, welche Mühen der Beschaffung man auf sich nimmt, ist selbst anachronistisch geworden. Nun macht es erst recht keinen Sinn mehr, Bestenlisten zu erstellen. Die Menschen tragen mit iPod oder anderen mp3-Playern Musik für Monate mit sich herum, sie umgibt sie ständig, ohne dass sie ihr Aufmerksamkeit schenken müssten. Während ich aufwuchs mit der Erfahrung, dass aufregende Musik ausfindig zu machen mich stärker mit dem Leben und seiner Alltäglichkeit verbindet, ist es heute genau umgekehrt. Musik lässt die Menschen sich aus dem Alltag ausklinken. Sie sind da, aber ihr Blick und die beiden Ohrstöpsel verraten, dass sie weg sind.

Ed Ward, 1949 in Port Chester, New York geboren, ist amerikanischer Rockkritiker. Er war für „Rolling Stone“, „Cream“ und andere Musikzeitschriften tätig.

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